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Hassobjekt: Schlechte Manieren

Schmatzen, Schlürfen, Schlingen – wie war das noch mal mit der Evolution? Ein Blick auf die schlechten Manieren unserer Mitmenschen und warum alles seine Grenze hat.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Schlechte Manieren.

 

Je älter ich werde, desto faszinierender finde ich es ja zu sehen, wie ich mich selbst verändere. Und damit meine ich nicht nur meinen Körper, der bereits nach zwei läppischen Gläsern Wein aussieht, als hätte er auf drei Full Moon Parties gleichzeitig getanzt, oder die Fähigkeit Telefongespräche professionell mit „Auf Wiederhören“ zu beenden. Damit meine ich vor allem, wie wir unseren Geschmack und unsere Meinung ändern, Abneigungen und Vorlieben entwickeln, längst überfällige Grenzen ziehen. Damit meine ich bei mir ganz konkret: meine mit den Jahren exponentiell abfallende Toleranzgrenze für schlechten Manieren.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass man mit etwas Abstand und Lebenserfahrung erkennt, in was für einer kleinen, egozentrischen, alles besser wissenden und gegen jeden rebellierenden Welt man früher selbst mal gelebt hat. Und wie anstrengend man damit für andere war, vor allem für die eigenen Eltern. Vielleicht ist es auch die späte Wertschätzung von Regeln, die das Zusammenleben ja grundsätzlich erleichtern. Oder das Wissen, dass man mit seinem Verhalten Verantwortung für die zukünftigen Generationen trägt – wenn man nicht will, dass die eigenen Enkel komplett verblöden.

 

K wie Knigge – und Kollateralschaden

Ich will ja nicht alles schwarzmalen, aber ich habe so das Gefühl, die werden dank interaktiver Dauerbespaßung 4.0 nicht mal mehr die einfachsten Dinge gebacken bekommen. Schon jetzt müsste sich der gute alte Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge beim Anblick von so manch einem Prachtexemplar von All-you-can-runterschlingen eigentlich im Sekundentakt im Grabe umdrehen und stöhnen: „Mein Gott, haben die denn gar nichts gelernt???“

Aber, aber, mögen jetzt die großen Knigge-Kenner sagen, es ging ihm doch ursprünglich gar nicht um feine Tischmanieren und Benimmregeln, sondern um einen höflichen, freundlichen, respektvollen Umgang miteinander! Wohl wahr. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wer eigentlich ein romantisches Date beim schicken Italiener erwartet und stattdessen live bei einer Raubtierfütterung dabei ist, der sollte auf Schmerzensgeld plädieren dürfen. Grund: Kollateralschaden. Als ich letztens eine Frau im Café gesehen habe, die ihren Kuchen schmatzend mit dem Messer aß, wurde mir jedenfalls ein bisschen schlecht. Mücken, Tafelkratzen, Kotzgeräusche – no problemo! Sperr mich aber in einen Raum mit einem schmatzenden Menschen, der sich freiwillig die Zunge aufschneidet, und du kannst mir die Zwangsjacke anlegen.

 

Have a Kinderstube – Pretend it’s 2019!

Schmatzen, Schlürfen, Schlingen – das Spektrum der No-Goes und früher so nervigen Erziehungsweisheiten ist groß. So groß, dass einige es noch immer ziemlich übertrieben finden mögen. Sie gehen vielleicht sogar so weit zu sagen, dass die Menschen früher ja auch nicht auf Messer und Gabel geachtet hätten. Und überhaupt hätte uns ja jemand (wenn nicht Luther, so irgendein anderes schlaues Kerlchen) doch sogar zum Pupsen und geräuschvollen Aufstoßen nach guter Mahlzeit aufgefordert. Dazu sei gesagt: Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen – aber bitte zu Hause. In der Öffentlichkeit gilt die Regel: Have a Kinderstube – Pretend it’s 2019!

Die schlechten Manieren gehen aber natürlich über das Essen hinaus. Wenn man mal die Handy-Scheuklappen ablegt und sich in der Bahn, auf der Straße, im Café umschaut, dann sieht man die ganze Bandbreite an menschlichen Unappetitlichkeiten und fehlendem Anstandsgefühl. Da wäre zum einen die Fraktion Nasenbohrung und Rachen-Schau, die uns nicht nur ungewollt Einblicke in ihre kulinarischen Vorlieben, sondern auch in das spannende Innenleben ihres Mundraums gewährt – unangenehme Atemwolken und Bazillen-Hopping inklusive.

 

Thank you for NOT (!) sharing

Da wäre zum anderen auch der Teil der Bevölkerung, der in seinem kleinen Ego-Versum lebt und dort den Rest der Menschheit gewissenhaft ignoriert. Freundlichkeit und Respekt? Echte Fremdwörter! Das fängt schon damit an, dass man nicht mal ein einfaches Hallo herausgemurmelt bekommt, wenn man ein Wartezimmer oder irgendeinen anderen Raum mit Menschen betritt. Das geht weiter mit dem Sitzplatz, den man grundsätzlich nicht anbietet, selbst wenn jemand anderes ihn dringender braucht. Das endet mit Handygesprächen, dank denen das komplette Zugabteil fünf Stunden lang entertaint und in die Kunst der Selbstbeweihräucherung eingeführt wird – senk yu vor träwelling wis Deutsche Bahn!

Natürlich sind schlechte Manieren nicht das Schlimmste auf dieser Welt – leider. Im Vergleich zu größenwahnsinnigen Haartoupets und Paragrafen, die uns Frauen zurück in die Steinzeit katapultieren, sind Schmatzen & Co. echte Peanuts. Aber wenn wir uns ein bisschen mehr umschauen und Rücksicht auf andere nehmen, ihnen unschöne An- und Einblicke ersparen und nicht so tun, als wären wir die einzigen (Ur-)Menschen auf diesem Planeten, dann ist ja vielleicht, aber nur ganz vielleicht, schon mal ein Anfang gemacht.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

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