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Hassobjekt: Sonntag, 17 Uhr

Das triste, graue Überbleibsel eines bewegten Wochenendes zeigt sich Sonntags um 17 Uhr. Die Energie ist down, die Laune auch.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Sonntag, 17 Uhr.

Es ist Sonntag, 16 Uhr. Ich stehe auf dem Bahnsteig und kommuniziere mit Zeichensprache wirres Zeug durch das Zugfenster, hinter dem meine beste Freundin aus der Schweiz eben Platz genommen hat. Der Zug setzt sich in Bewegung und unterbricht unsere angeregte Diskussion aus Augenrollen, Nase zuhalten, stummem Lachen und simulierten Tränen. Mit kurzem Winken verabschiede ich mich von meinem Besuch und meiner guten Stimmung.

 

Partyleichen und matschiges Konfetti

Betont langsam mache ich mich auf den Heimweg. Ich verpasse absichtlich eine U-Bahn und lasse das Wochenende noch mal Revue passieren, bis ich mich schliesslich doch in meine Wohnung wage. Wie befürchtet ist sie dunkel und leer, nur das riesige Chaos in meinem Zimmer zeugt noch von bewegten Tagen. Seufzend schau ich auf mein Handy: 17 Uhr.

Die Energie ist down, die Laune auch. Das ganze Rambazamba des Wochenendes fällt in sich zusammen und bleibt wie eine armselige Partyleiche am Tag danach vor mir liegen. Was bleibt, fühlt sich an wie Konfetti auf schmutzigem Kopfsteinpflaster. Ich schalte „Woman“ von Mumford&Sons ein und weiß gerade nichts mit mir anzufangen. Sonntag, 17 Uhr. Was für eine Unzeit! Die letzten Stunden des Wochenendes, wie eine bittere Gnadenfrist, uns verhöhnend, weil das Ende sowieso kommt. Alle sind bei ihren Familien oder in ihren Köpfen zuhause, um etwas Neues zu starten ist es schon zu spät, um mich einfach im Bett zu verkrümeln viel zu früh. Ich fühle mich wie der einzige Mensch, der keinen Plan hat.

 

Wir sind gemeinsam allein

Dabei bin ich das gar nicht: Laut einer Umfrage deutscher und schwedischer Forscher leiden fast die Hälfte der Deutschen unter diesem zermürbenden Sonntags-Blues. Am schlimmsten trifft es offenbar die Akademiker und Geschäftsführer, die die Untätigkeit an einem Sonntagabend schier in den Wahnsinn treibt. Versteh ich schon. Auch ich bin froh, zu wissen, dass ich spätestens in 16 Stunden wieder unter Menschen und sinnvoll beschäftigt bin. Mit dieser Aussicht, dass morgen wieder ein neuer Tag ist, ja eine frische Woche, mit einem neuen Wochenende, versuche ich mich meiner Einsamkeit zu stellen.

Ich krame in meinem Hirn nach Sachen, die ich gerne mache und keine anderen Menschen beinhalten. Tee trinken, Tagebuch schreiben, Audiobücher hören und zeichnen, lesen, aufräumen, sortieren. Aber ich bin nicht gern alleine. Ich kann es, das Alleinesein, das Alleine-ins-Kino-gehen und das Mich-selber-beschäftigen, aber ich mag es nicht. Oder nur selten. Ich will schon lernen, einen Platz in mir zu finden, der sich selber genug ist, aber ich akzeptiere, dass ich trotzdem immer Gesellschaft wählen würde.

 

Der Freitag, 17 Uhr-Zauber

In dem Moment, wo das Teewasser brodelt und die Buntstifte aus der Schublade gefischt sind, klingelt das Telefon und ich bin unendlich erleichtert. Meine Mama weiß immer, wie sie mich – auch mal an den Haaren, wenn’s sein muss – aus den Einsamkeits-Untiefen ziehen kann. Sie erzählt mir das Märchen von Cinderella: Wie sie sich pünktlich zum Wochenende in eine schöne Prinzessin verwandelt und Sonntagabend wieder zur Magd wird. Ich denke: Na, wenn die keinen Sonntagabend-Blues hatte! Und fühle mich ein bisschen getröstet. Sonntag, 17 Uhr: Das ist wohl der Moment, wo sich der Freitag, 17 Uhr Zauber auflöst und alles wieder in Richtung Alltag steuert.

Immerhin darf ich im Gegensatz zu Cinderella morgen wieder in einen Alltag einsteigen, der sich weniger grau anfühlt als dieser Sonntagabend. Und mit diesem friedlichen Gedanken nehme ich einen Schluck des mittlerweile kalten Tees, lausche Rufus Becks Stimme und finde es grad sehr gemütlich, so meinen Sonntag ausklingen zu lassen.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Kommentare

  1. Wunderschön, poetisch und sehr zutreffend.

    Andrea / Antworten

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