Aus dem Nest geflogen – und voll auf die Fresse: Was tun gegen Heimweh?

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Wir sind Digital Natives. Generation Y. Wir haben uns überall auf der Welt eine Raststätte aufgebaut, und fühlen uns allerorts wohl. Das Jetset-Tramper-Leben ist für viele nichts ungewöhnliches mehr – egal ob für den Job, die Uni, oder einfach, weil wir es verdammt noch mal können.

Klingt alles erstmal sehr taff und weltoffen – das alles, was wir von uns selber erwarten. Aber plötzlich – wie aus dem nichts – erschlägt uns eine Welle an Gefühlen. Sie sind schwer zuzuordnen, und erstmal total ungewohnt: die Sehnsucht nach Daheim. Nach dem Gewohnten. Das übliche Essen, die üblichen Leute, die üblichen Straßen. Vor allem im Auslandssemester kann es vorkommen, dass man sich verloren fühlt, da man sich für mehrere Monate mit Gewalt aus seiner gemütlichen Routine gerissen hat, und das dann auch noch freiwillig. Aber wir sind doch so flexibel und global, dürfen solche Gefühle uns dann überhaupt noch in Anspruch nehmen? Und ob sie das dürfen. Wir haben mit einer Psychologin über dieses allzu bekannte Gefühl gesprochen.

Ein völlig legitimes Gefühl

Heimweh ist ein völlig normales Gefühl. Wer erinnert sich nicht noch an Heidi, die so sehr Heimweh hatte, dass sie kurzerhand aus der Stadt ausgerissen ist, nur um den Bergen wieder nahe zu sein? All diese verwirrenden Gefühle, sie sind extrem schwierig und nur schlecht zuzuordnen. Warum aber haben wir oft so ein wahnsinniges Bedürfnis, wieder bei den Eltern daheim zu klingeln und nie wieder rauszugehen? Im Grunde ist es ist die Sehnsucht nach Vertrautem. Je stärker die Verbindung zu Vertrautem und je weniger Erfahrung mit „Neuem“ gemacht wurde, desto stärker kann Heimweh also werden. Je stärker also die Bindung an das frühere Zuhause, desto größer das Risiko für Heimweh.

Es trifft jeden von uns einmal im Leben, und ist auch völlig normal. Manche von uns können damit besser umgehen, andere dafür umso weniger. „Grundsätzlich kann es zwar jeden Menschen treffen, egal ob jung oder alt. Jüngere Menschen haben aber vielleicht noch nicht so viel Erfahrung im Umgang mit fremden Situationen und/oder Personen und fühlen sich noch mehr an ihre Primärfamilien gebunden als ältere Personen„, meinte die Psychologin. Es ist also völlig normal, dass frischgebackene Studenten dieses Gefühl verspüren.

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Manchmal haben wir einfach so ein wahnsinniges Bedürfnis, wieder bei den Eltern daheim zu klingeln und nie wieder rauszugehen. Daheim fühlen wir uns geborgen und aufgehoben, wie in einer Welt, in der wir weder Verpflichtungen haben, noch Verantwortung für unser Leben übernehmen müssen. Keiner läuft uns schreiend hinterher und befiehlt, dass wir gefälligst unsere Rechnungen bezahlen und den Papierkram erledigen sollen. Uns irritiert, was fremd ist. Und vor allem wenn alle anderen ihr (Studenten-)Leben scheinbar ganz normal genießen können, fühlen wir uns wie Versager, wenn wir uns nach alten Zeiten sehnen. Alle schauen nach vorne, nur man selbst steckt in der Zeit fest. Meistens überkommt es uns völlig unerwartet, wenn wir uns Tausende von Kilometern weit weg von Daheim plötzlich vollkommen verloren fühlen. Und wenn wir in diesem Moment dann noch auf uns alleine gestellt sind, ist Gefühlschaos vorprogrammiert.

Unheilbare Gefühlskrankheit, gegen die man nichts machen kann?

Aber nicht verzagen, es gibt eine ganze Menge, die dem entgegenwirken kann. Es ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden, und was hilft, hängt letzten Endes von einem selbst ab. Aber generelle Sachen wären zum Einen, Gelegenheiten zu suchen, um mit den Menschen der neuen Umgebung in Kontakt zu kommen. Wir können Veranstaltungen besuchen, Kontakte zu neuen Arbeitskollegen etablieren, auf Stammtische gehen und so weiter. Das wirkt wie ein sehr großer Schritt – ist es auch – aber nach und nach wird es immer einfacher werden, Fuß in einer neuen Stadt zu fassen.

Es schadet auch nicht, Interesse für die neue Kultur zu zeigen, z.B. nach der Küche und den hiesigen Essgewohnheiten zu forschen oder Treffpunkte von Gemeinschaften und Ausflugsziele zu erkunden. Es ist jedenfalls wichtig, die Dinge des neuen Alltags zu erkunden. Das Schlimmste, was wir bei Heimweh machen können – und darüber sind sich alle Psychologen einig – ist uns permanent Fotos aus der Heimat anzuschauen, permanent mit Personen aus der Heimat zu telefonieren oder Musik zu hören, die uns „an früher“ erinnert. „Derartige Verhaltensweisen halten das Heimweh aufrecht„, erklärt die Expertin.

Wie wir aufgewachsen sind, spielt eine große Rolle

Hierbei ist es auch wichtig, wie unsere Eltern sich verhalten. Ihre Haltung spielt eine große Rolle im Umgang mit unbekannten Menschen und Situationen. „Wenn die Eltern es selbst nicht gelernt haben, ist es schwierig, entsprechende Fertigkeiten den eigenen Kindern zu vermitteln. Wir lernen auch anhand des Vorbilds unserer Eltern. Das heißt zum Beispiel, je früher Eltern mit ihren Kindern verreisen und zur Erweiterung des Verhaltens- und Bewältigungsrepertoires beitragen, desto eher kommen diese Kinder später als Erwachsene mit neuen Situationen zurecht„, sagt die Psychologin.

Zudem ist es bei einer gesunden, intakten Beziehung zu beiden Elternteilen wahrscheinlich auch einfacher, unabhängig von ihnen eigene Erfahrungen zu machen und Erinnerungen zu sammeln. Wenn die Eltern nicht loslassen können oder vielleicht auch nur ein Elternteil zur Verfügung stand, bei dem mischen sich noch schnell Schuldgefühle und Trennungsängste dazu. Wir brechen immerhin alte, vertraute Bindungen auf. Häufig schämen wir uns für solche negativen Gefühle, da sie als Schwäche betrachtet werden. Aus psychologischer Sicht sind dabei auch weniger angenehme Gefühle normal und gerechtfertigt. Es geht gar nicht darum, dass man sie hat, sondern wie man damit umgeht.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz