Jacqueline, 22, ist Skin Picker

Manchmal steht sie zwei Stunden vor dem Spiegel, scannt ihre Haut millimetergenau auf unreine und unebene Stellen ab, drückt und knibbelt, bis sie vielleicht von einer Nachricht auf dem Handy abgelenkt wird, oder vom langen Stehen Rückenschmerzen bekommt – aktiv aus der Trance zu finden ist kaum möglich. Jacqueline, 22, hat die in Deutschland noch fast unbekannte Krankheit Dermatillomanie, auch Skin Picking genannt. Die Betroffenen bearbeiten ihre Haut meist an Armen, Schultern, Gesicht und Dekolleté zwanghaft und stundenlang durch kratzen, drücken, knibbeln und manchmal mit Hilfsmitteln wie Nadeln oder Pinzetten. Zurück bleiben blutige Stellen oder Dellen und ein fahles Gefühl der Scham vor sich selbst.

„Es ist ein Teufelskreis“

Seit ungefähr zehn Jahren begleitet sie die krankhafte Beschäftigung mit ihrer Haut nun schon. Angefangen hat Jacquelines Skin Picking als sie zwölf Jahre alt war und langsam in die Pubertät kam. Sie hatte mit Akne und Stress zu kämpfen und merkte schnell, wie das Bearbeiten der Haut zu einer Methode wurde, vom Stress und den unguten Gefühlen abzulenken. „Ich habe gemerkt, dass sich das gut anfühlt – zumindest im Moment. Dann wurde es immer mehr zu einem Teufelskreis“, sagt Jacqueline. „Denn ich betreibe das Skin Picking ja auch aus einem gewissen Perfektionismus heraus, also dass ich eigentlich eine makellose Haut haben möchte, mache aber natürlich im Nachhinein alles nur schlimmer.“ Dass es sich um eine Krankheit handelt, fand sie erst per Zufall mit 15 heraus, als sie im Internet über einen Erfahrungsbericht stolperte und sich darin selber erkannte. „Das hat ganz schön ein Gefühlschaos angerichtet: Einerseits war ich froh, nun endlich einen Namen dafür zu haben und mich nicht mehr so alleine zu fühlen, andererseits musste ich erst mal darauf klarkommen, tatsächlich eine Verhaltensstörung zu haben.“

Heute wechseln sich Hoch- und Tiefphasen immer mal wieder ab, wobei Jacqueline erleichtert sagt, die Hochphasen seien mittlerweile deutlich länger. Auch heute werden die Anfälle noch von Stress und unbewältigten Emotionen ausgelöst. „Es kann aber auch sein, dass ich von einem tollen Wochenendausflug zurückkomme und eigentlich ist alles gut, und trotzdem muss ich mich dann morgens und abends eine halbe Stunde vor den Spiegel stellen.“ Man unterscheidet zwischen bewusstem und unbewusstem Skin Picking. Letzteres passiert zum Beispiel beim Fernsehen wenn die Finger unkontrolliert picken. Jacqueline sucht aktiv nach Stellen und findet die – auch da wo eigentlich gar nichts ist. „Das können wir gut, die Skin Picker.“ Wenn sie einen Skin Picking Anfall hat, schaltet sich der Kopf fast gänzlich aus. „Ich verliere dabei jegliches Zeitgefühl“, sagt Jacqueline. Und danach bleibt meist nur ein beschämtes Gefühl und Ärger über sich selbst, wieder in die Falle getappt zu sein. „Die positiven Gefühle der Befriedigung und Beruhigung spürt man nur währenddessen.“ Schmerzen danach hätte sie fast keine, erzählt Jacqueline, die Schmerzgrenze sei mittlerweile ziemlich hoch. Cremes zur Abheilung benützt sie nur ab und zu.

Die Routine durchbrechen

Mittlerweile weiß Jacqueline, dass sie die Anfälle gleich im Keim ersticken muss: „Habe ich erst mal begonnen zu picken, ist es enorm schwer von alleine aufzuhören.“ Deshalb hat sie sich angewöhnt, morgens und abends das Licht im Badezimmer gar nicht erst anzumachen. „Wenn im Flur das Licht brennt, sehe ich gerade genug um mich fertig zu machen, ohne meine Haut aufs Genauste inspizieren zu können und wieder Stunden zu verlieren.“ Ansonsten versucht sie mit malen, Knete oder anderen handwerklichen Dingen ihre Hände beschäftigt zu halten. Generell geht es darum, diese automatisch ablaufenden Verhaltensketten zu erkennen und zu durchbrechen. „Viel von meiner Krankheit ist mittlerweile schon zur Routine geworden, ich muss da sehr aufmerksam sein.“ Eine psychiatrische Therapie kam für Jacqueline bisher noch nicht in Frage. Dafür dient ihr ihr Blog „Mein Leben mit Skin Picking/Dermatillomanie“ als persönliche Plattform der Verarbeitung.

„Ich fühle mich selbstbewusst“

Vor fünf Jahren hat sie sich dazu entschlossen, ihre Krankheit und ihr Leben damit in einem Blog zu teilen. „Am Anfang kostete es mich schon Überwindung, dort Bilder und intime Details zu posten. Aber der Wunsch eine Community zu schaffen und anderen den Halt und das Verständnis zu geben, das ich selber nie bekommen habe, waren stärker.“ Mit dem Blog will Jacqueline für mehr Aufklärung im deutschen Raum und dafür sorgen, dass sich Betroffene nicht mehr alleine fühlen und sich trauen, offen mit ihrer Krankheit umzugehen. „Der Blog ist wie ein Tagebuch für mich. Und ich erhalte sehr viel positive Rückmeldung, das bestätigt mich, weiterzumachen.“ Auch ihr Freund sei immer liebevoll und unterstützend: „Ich habe gelernt, mich und meinen Körper zu lieben so wie ich bin. So kann ich auch in der Liebe und in meiner Sexualität selbstsicher sein.“ Natürlich habe sie zwischendurch Tage, an denen sie sich nicht attraktiv fühle, aber nie so stark, dass sie sich deshalb zurückziehen würde. „Er wusste sowieso bereits bevor wir zusammenkamen von meiner Krankheit.“

Ob sie je vollständig von der Dermatillomanie geheilt sein würde, weiß Jacqueline nicht. „Ich gebe natürlich die Hoffnung nicht auf, irgendwann frei davon zu sein“, sagt sie und fügt an: „Wenn du nicht in die Schlacht ziehst, kannst du die Schlacht auch nicht gewinnen.“ Dass aber immer eine Tendenz oder eine Veranlagung zu diesem Verhalten da sein wird, da ist sie sich sicher. „Ich wünsche mir aber, dass irgendwann ich das Skin Picking im Griff habe und nicht das Skin Picking mich.“ Für alle Betroffenen betont sie: „Gebt einfach nicht auf und glaubt an euch selbst!“

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Bildquelle: privat

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