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Ben, 26, führt als Drag Queen durch Kunstausstellungen in Wien

Der Mann, das Kleid und die Kunst: Aus dem Leben einer Drag Queen.

Be weird, be art!

 

Ben wollte einen abstrakten Namen für seinen Drag-Charakter. Auf keinen Fall etwas speziell Feminines. „Es gibt eine Flut an Queens da draußen und es werden immer mehr. Ich habe mich gefragt, was mein Beitrag sein könnte. Es ist meine Weirdness, meine Verbindung zur Kunst.“

Dass Ben Führungen als Tiefe Kümmernis macht, war eigentlich ein Versehen. „Als ich mich beim Kunsthistorischen Museum beworben habe, hatte ich vergessen aus meinem Lebenslauf zu nehmen, dass ich schon mal Workshops über Drag gemacht habe. Weil das KHM eh offen für neues ist und Barrieren abbauen will, die das Haus mit seinen tausenden von Jahren Kunstgeschichte und dem ganzen Prunk und Protz mit sich bringt, hat der Chef mich drauf angesprochen.“

Seit März 2016 führt die Kümmernis vor allem durch die Gemäldegalerie, die aus dem Hause Habsburg stammt und heute zu den weltweit größten und bedeutendsten ihrer Art zählt – daher der Prunk und Protz. Es handelt sich größtenteils um venezianische Malerei aus dem 16. Jahrhundert, flämische Malerei des 17. Jahrhunderts, sowie altniederländische und altdeutsche Malerei. Wir reden hier also von den ganzen alten großen Meistern, die die Kümmernis in regelmäßigen Abständen in einen Kontext setzt, der moderner nicht sein könnte.

Nach der ersten Führung war die Resonanz überwältigend positiv. Es gab bis heute nicht eine negative Rückmeldung. Und das bei einer Vielzahl von unterschiedlichsten Besuchern, die an den restlos ausverkauften Rundgängen teilnehmen. Für die Kümmernis ist das ein riesen Kompliment. Für Ben die Verbindung zwischen seiner weirdness und seiner Leidenschaft zur Kunst. „Die Kümmernis verwandelt meine Schwäche in meine Rüstung“, sagt er.

Die Vorstellung, dass jemand, der so selbstbewusst auftritt und stundenlang auf solchen Schuhen laufen kann, in irgendeiner Form schwach ist, ist irritierend. Sein Drag Charakter hätte ihn erst so viel stärker gemacht, erklärt Ben. Jetzt traue er sich. Er traue sich, verrückte Klamotten und Make-up zu tragen, selbst, wenn er nicht in Drag ist. Jetzt sei es egal, wenn Leute ihn schief anguckten, weil die Reaktionen, die er in Drag kriege so viel stärker seien. „Ich fühle mich in meiner Maskulinität nicht mehr fragil“, sagt er.

#throwback: This was my first time ever putting on makeup in August 2014. I was in Hamburg for Internationales Sommerfestival auf Kampnagel. I robbed my friend Marie of all her makeup and had nothing but my fingers to apply it. Later that night I met @prosah and, together as king and queen, we sang Sweet Transvestite on stage at Kickass #Queereoke. This experience ignited my drag aspirations and ultimately Kümmernis was born in April 2016. But I really don't miss the helplessness and frustration of being a drag baby. The struggle was real!! 😂🙈 . . . . . . . #tb #firsttimeindrag #dragbaby #instadrag #dragqueen #kampnagel #kickassqueereoke #firsttimeinmakeup #makeupman #queer #boysinmakeup #sommerfestival

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Maskulinität als Frau verkleidet

 

Aber wie passen Männlichkeit und Drag zusammen? Geht es nicht um Geschlechtlichkeit? Darum, Frau sein zu wollen? „Drag ist eine Rolle, die ich anziehe. Ein komplett übersteigerter Showcharakter. Es geht nicht um Sexualität – es ist mehr wie Theater spielen. Eine Kunstform halt. Drag ist für da draußen,“ erklärt er. „Crossdressing wäre das Private – zumindest sehe ich das so. Das wäre nichts für mich. Aber…die Welt ist groß genug, damit jeder seine ganz eigene Nische findet.“

Auf die Frage, wie man eigentliche den Penis und alles, was da noch so dran hängt versteckt, antwortet Ben: „Also…da gibt es zwei Varianten. Die eine schmerzvoller als die andere. Zuerst musst du dich natürlich rasieren und die Haut mit Alkohol entfetten, was meist zu Irritationen führt. Dann ziehst du den Penis nach hinten und klebst ihn mit Klebeband auf den Rücken. Manche nehmen Iso-Tape, aber das ist noch schmerzvoller. So lange du in Drag bist, ist nichts mit Pinkeln. Bei der zweiten Option, die sich gaff nennt, zerschneidet man eine Strumpfhose. Man macht einen Steg, wie bei Unterhosen, damit kann man sich einiges wegdrücken.“

Ben bevorzugt die zweite Variante. Er sei eh eher ein Gender-Bender. Wenn er keine Lust habe, sich seinen Bart abzurasieren, mache er es eben nicht. „Es ist mein eigener Kompromiss. Ich entscheide, wie weit ich gehe. In meiner Identität, fühle ich mich ganz klar als Mann. Die Kümmernis verwischt lediglich die Grenzen.“

Auf die Frage, ob er immer schon eine Drag Queen werden wollte, antwortet Ben mit einem lachenden Kopfschütteln. „Auf gar keinen Fall“, sagt er. „Ich hatte eine richtige Abneigung gegen Drag und dieses typische Bild im Kopf von Weibern, die verbal auf dich eindreschen und in abgeranzten Bars leben…so ein Drache halt.“ Sein Exfreund wollte immer, dass er RuPaul´s Drag Race mit ihm schaue, was er nie getan habe, bis die beiden sich trennten. „Das war meine Einstiegsdroge. Ich habe angefangen Drag zu verstehen. Zu sehen, dass es Performance ist. Dass es Kunst ist.“

 

Drag als kreatives Medium

 

Mittlerweile ist Drag für Ben nicht nur eine Option, Kunstvermittlung auf ein anderes Level zu bringen, sondern seine eigene Art von Kunst. Sein kreatives Medium. „Ich habe immer nach diesem Ventil gesucht, war aber nie gut in irgendwas. Als ich mich das erste Mal geschminkt habe, habe ich verstanden, dass das Gesicht wie eine Leinwand ist und Make-up die Malerei. Jetzt ist es meine Form mich kreativ auszudrücken.“

YouTube war sein Lehrer. „Gerade am Anfang war es verdammt frustrierend und auch schmerzhaft. Wenn du nach Stunden immer noch nicht aussiehst wie deine Idole ist das wirklich entmutigend. Manchmal sind meine Füße tagelang taub oder komplett blutig, wenn ich die hohen Schuhe ausziehe.“ Deswegen brauche man eine Community. Um sich eben nicht entmutigen, nicht einschüchtern zu lassen.

Ben hat eine Drag Mama, sie ist Make-up Artist. Von ihr bekommt er nicht nur Tipps, sondern auch ausrangiertes Makeup. „Es ist so wichtig, dass du dich mit jemandem austauschen kannst. Deine Erfahrungen mit jemandem teilen und von jemanden lernen kannst.“ Vor ein paar Wochen zur Vienna Pride hatte Ben Besuch von einem Freund, der sich aus Müllsäcken ein Kostüm gebastelt hat. Das Kostüm sieht aus wie ein Designer-Teil. Ben streicht mit seinen Fingern über den Rock: „Das ist der nächste Schritt. Ich will unbedingt lernen, Klamotten selbst zu machen.“

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