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Warum lästern wir eigentlich so gerne?

Wir tratschen, wir klatschen, wir tuscheln, wir lästern. Warum es so sehr in unserer Natur liegt mit vorgehaltener Hand über Menschen zu reden.

„Hey, hast du schon das von Hannah gehört? Sie hat ihren Freund betrogen. Mit ihrem Professor! Und jetzt ist sie schwanger! Also ich wär dazu echt nicht in der Lage. Was hat sie sich nur dabei gedacht?“

Klatsch und Tratsch

So oder so ähnlich läuft das ziemlich oft ab. Wir hören juicy Tratsch, urteilen vorschnell über besagte Person und erzählen es so schnell wie möglich weiter, um die Kette der Flüsterpost nicht zu lange zu unterbrechen. Warum liegt es so sehr in unserer Natur, über andere Menschen zu lästern? Man erinnere sich nur an die Szene in „Friends“, wo Chandler dieses Phänomen ziemlich genau auf den Punkt bringt: „I tell people secrets! It makes them like me!“ Kaum einer kann behaupten, noch nie in seinem Leben gelästert zu haben. Ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich, bei all dem Unfug der in unserer Welt so passiert. Lästern ist wie Guilty Pleasure für die Seele. Wir geben nicht zu, „Careless Whisper“ zu hören, wenn wir traurig sind, genauso wenig wie wir eben zugeben würden, dass wir einfach verdammt gerne über andere Menschen herziehen. Vor allem weil es nichts allzu gutes über unseren Charakter aussagt, wenn wir oft und gerne lästern. Irgendwie tut es einfach gut, über Menschen zu reden, die gerade nicht anwesend sind, vor allem weil wir uns besser fühlen im Vergleich zu jemandem, der gerade – nach unseren Standards – Scheiße gebaut hat. „Es erhöht bzw. stabilisiert vor allem eben den eigenen Selbstwert, wenn wir über andere lästern oder andere abwerten. Dabei lästern vor allem jene mehr über andere, die selbst einen niedrigen oder instabilen Selbstwert haben“, sagt eine Psychologin, die wir zu dem Thema befragt haben.

Brauchen wir es?

Gelästert wird überall, wo es Menschen gibt. Arbeit, Uni, Familie, es gibt kaum eine soziale Konstellation, in der keiner ein schlechtes Wort übereinander verliert. Manchmal haben wir regelrecht das Gefühl, wir würden bald platzen, wenn wir eine besonders interessante Info nicht loswerden können. Es ist wie Balsam für die Seele. Öl in der Fahrradkette. Unsichtbares Gleitmittel in der Gesellschaft. Schon vor mehr als 20 Jahren hatte der Psychologe Robin Dunbar herausgefunden, dass mehr als ein Drittel unserer Gespräche sich um den Klatsch und Tratsch über andere Menschen dreht. Der Psychologe belauschte Gespräche fremder Menschen (nur zu Forschungszwecken natürlich), und fand dabei auch heraus, dass die soziale Umgebung egal ist: ob jung oder alt, Männlein oder Weiblein, wir lästern einfach alle verdammt gerne. Frauen „gossipen“ also nicht unbedingt mehr als Männer. Schlecht über andere Menschen zu reden ist so sehr in den Menschen drin, scheinbar brauchen wir das Lästern als „Ventil“, da aus psychologischer Sicht die Aufrechterhaltung des Selbstwerts eines der Grundbedürfnisse eines jeden Menschen ist. Und bis zu einem gewissen Grad brauchen wir „Gossiping“ auch für das soziale Umfeld: durch das Anvertrauen von Informationen verschaffen wir uns ein Netzwerk an Menschen. Lästern ist also quasi Networking.

Weil mein Ruf kaputt geht, net deiner!

Klatsch funktioniert als soziales Warnsystem, denn wenn wir etwas Schlechtes über jemanden hören, dann halten wir uns eher fern. Wir merken uns, wenn sich jemand nicht an soziale Gepflogenheiten hält und wenden dieses Wissen auf uns selber an. Das heißt, wir verhalten uns in der Gruppe auch eher im Miteinander als im Gegeneinander, wenn wir wissen, dass – falls wir uns nicht an gewisse gesellschaftliche Normen halten – im Anschluss über uns gelästert wird. Was eigentlich auch nur hochgestochenes Gefasel ist für „wir haben Schiss, was andere über uns sagen werden und benehmen uns deswegen einigermaßen“. Manche haben dabei mehr, manche weniger zu befürchten, dass sie ihren „Ruf verlieren“. Vielleicht stehen Promis auf der Abschussliste auch deswegen so weit oben, gerade weil sie auf der Bewunderungsskala ganz oben zu rangieren scheinen. „Im Vergleich dazu fühlen sich manche ‚ganz klein‘ und empfinden bisweilen auch Neid – eine überaus menschliche Reaktion, die allerdings nur die allerwenigsten von uns gestehen würden. Lästern oder Tratschen dient jedenfalls dazu, jemanden, der ‚über einem steht‘ wieder auf ein niedrigeres Niveau herabzusetzen – zumindest in der Vorstellung – was wiederum den eigenen Selbstwert stabilisiert“, so unsere befragte Psychologin.

Wer also das nächste Mal wieder über jemanden herzieht, sollte sich im Klaren sein, was das eigentlich über sich selbst aussagt. Aber es ist wie mit der Schokolade: in Maßen portionieren. Bevor man am Ende vor fünf aufgegessenen Tafeln sitzt und es bereut.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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