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Wir und unsere Makel: Eine Hassliebe, die niemals enden wird

Heute ist ein guter Tag. Nämlich der, an dem wir uns all unsere Makel und schlechten Eigenschaften verzeihen dürfen. Ein Liebesbrief an unsere Fehler.

Wir haben sie alle: Die kleinen Mankos, Makel oder schlicht und ergreifend Fehler, die wir mit uns herumtragen müssen. Wie einen schweren Rucksack auf unserem Rücken schleppen wir sie durch unser Leben und sammeln dabei unbewusst die ersten Erfahrungen in Sachen Backpacking. So gesehen sind wir also eigentlich alle bereits geübte Backpacker, die mit ihrem Rucksack voll Eigenschaften durch das Leben wandern. Und genau dieser Rucksack ist prall gefüllt mit all den guten und auch schlechten Eigenschaften, die uns prägen und ausmachen. Während unsere guten Eigenschaften sowohl von uns als auch von unserem Umfeld meist wild in den Himmel gepriesen werden, betitelt man die schlechten Charakterzüge wiederum als „Fehler“ oder „Makel“.

 

Von Anschuldigung und Rechtfertigung

 

Sätze wie „Schaffst du es eigentlich auch irgendwann einmal pünktlich zu kommen, wenn wir uns verabreden?“, „Meine Güte, wie kann man nur in so einem Chaos leben?“ oder „Nein, der Traumprinz existiert nicht und das Schicksal backt dir auch keinen. Wie kann man nur so naiv sein?“ stehen in meinem Leben an der Tagesordnung. Durch und durch werde ich mit diesen Fragen beworfen. Die Reaktion meinerseits gleicht meistens einer Entschuldigung und Rechtfertigung, denn häufig höre ich in diesen Fragen einen Unterton der Anschuldigung. Seit Jahren versuche ich mich zu ändern. Seit Jahren versuche ich pünktlicher zu sein, mein Leben mit weniger Chaos und mehr Ordnung zu gestalten und den Glauben an die große Liebe beiseite zu schieben, damit ich schlichtweg weniger naiv bin. Seit Jahren versuche ich es und seit Jahren funktioniert es nicht.

 

Sind meine Fehler mein Fehler?

 

Selbstverständlich sind Unpünktlichkeit oder grenzenlose Naivität keine Eigenschaften, die man beispielsweise gerne bei einem ersten Date von sich preisgibt. Aber wieso denn eigentlich nicht? Was sind „Fehler“ und wer hat damals beschlossen, was gute und was schlechte Eigenschaften eines Menschen sind? Tom Rachmann schrieb in seinem Spiegel Bestseller mit dem wunderbaren Titel Die Unperfekten folgende Sätze„Kann man mir meine Defizite zum Vorwurf machen? Ich meine, sind meine Fehler mein Fehler?“ Diese Frage brachte mich schließlich zum Nachdenken. Wieso braucht es so viel Überwindung, bei einem ersten Date einfach zu verraten, dass man grenzenlos chaotisch, unpünktlich und ab und an ein wenig zu naiv ist? Macht das eine Person tatsächlich uninteressant oder einfach nur ein wenig unperfekter und somit charmanter? Ein Artikel der ZEIT beantwortete mir diese Frage kurzerhand gekonnt in folgender Ausführung: „Fehler sind charmant, witzig und unvergleichlich. Sie erzählen mehr über einen Menschen als der makellose Rest“ und zieht mich damit voll und ganz auf ihre Seite. Wenn die Gesellschaft unsere Makel durch und durch mit einem Negativstempel versehen kann, können wir ihnen wenigstens etwas Positives verleihen. Es ist an der Zeit, unseren Fehlern endlich mal zu erzählen, wie wichtig sie für uns sind. Es folgt: Ein Liebesbrief an unsere charakterlichen Schwachpunkte…

 

Liebe Makel, liebe Fehler….

 

Ihr seid von gänzlich unterschiedlicher Natur, habt verschiedene Namen und ständig ändernde Ausmaße. Manche von euch waren schon von Anfang an mit dabei, andere sind erst später in mein Leben getreten. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass ich die einen von euch mehr liebe (oder mehr hasse) als die anderen. Viele von euch sind mir namentlich bekannt, und mit einigen bin ich sogar per Du. Ein mir sehr vertrauter Kumpane heißt Unpünktlichkeit, der andere Chaos, wieder ein anderer nennt sich selbst gerne Eifersucht. Manche heißen Sturheit, Ungeduld, Perfektionismus oder eben auch Naivität. All das seid ihr, die Makel und Fehler, in eurer vollen Pracht. All das seid ihr, meine schlechten Eigenschaften, die wir hassen und eigentlich doch ab und an lieben sollten. All das seid ihr, die Teufel unter den Charakterzügen eines Menschen.

Es ist nun endlich an der Zeit, sich dafür zu entschuldigen, dass ich ein typischer Mitläufer der Gesellschaft bin und damit eure metaphorisch angesehene „Wesensart“ durch und durch verabscheue, für schlecht empfinde und teilweise sogar abgrundtief hasse. Nicht nur ich habe euch viel zu oft beschimpft und zu unrecht beleidigt, sondern auch mein soziales Umfeld. Ihr seid genau die Eigenschaften, die andere an uns beschissen finden – deswegen haben auch wir etwas an Euch auszusetzen. Mit all dem Hass euch gegenüber ist nun Schluss, denn ich möchte mich mit diesem Liebesbrief bei euch entschuldigen.

 

Danke für die Treue und die ewige (Hass-)liebe!

 

Entschuldigungen sind häufig mit Danksagungen verbunden. Nun ist es definitiv an der Zeit, sich zu bedanken, denn schließlich macht Ihr mich zu dem, was ich wirklich bin: Ein ziemlich unperfektes Wesen auf diesem kreisrunden Erdball. Dank Euch schmunzelt mein Gegenüber gerne, wenn ich mal wieder aus meiner unaufgeräumten Wohnung flüchte und mit zerzausten Haaren viel zu spät zu meinem ge-/verplanten Date auftauche. Dank euch fühlen sich meine Freunde gebraucht, wenn sie mich an einem Samstagabend aus meiner kleinen naiven, rosaroten Welt herausziehen müssen. Dank euch kann ich die Ausdauer meiner Freunde testen, wenn ich sie mit all meinen Eigenschaften wieder einmal zur Weißglut treibe. Dank euch lerne ich Menschen in Situationen anders kennen, wenn sie mich „Sturschädel“ mal wieder davon abhalten wollen, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Dank euch, ihr lieben Makel und Fehler, bin ich ein kleines Individuum in dieser großen Welt, mit ganz besonderen Eigenschaften, die mich auf eine gewisse Art und Weise vielleicht sogar liebenswert machen.

Meine Beziehung zu euch, meine lieben Makel, sie ist kompliziert und definitiv nicht immer einfach. Uns verbindet schlichtweg eine Hassliebe. Seid mir nicht böse, wenn ich euch ab und an beschimpfe, verfluche oder tatsächlich hasse. Tief im Innersten liebe und brauche ich euch – dringend. Insgeheim liebe ich euch dafür, dass ihr mich liebenswert macht.

Seit Jahren versuche ich mich zu ändern. Seit Jahren versuche ich es und seit Jahren funktioniert es nicht. Heute will ich es nicht mehr.

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