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Eine Liebeserklärung an: Ein Wochenende auf dem Land

Für drei Tage tausche ich gerne Abgasgestank gegen Kuhmistduft und LTE gegen EDGE. Warum ein Wochenende auf dem Land viel Liebe verdient hat.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

 

In 30 Minuten verwandeln sich Häuserfronten in weite Felder, Abgasgestank zu Kuhmistduft, Grau zu Grün und LTE zu EDGE – in 30 Minuten wird Stadt zu Land. So schnell bin ich draußen und so selten nutze ich doch die Gelegenheit. Als ich neulich den Schritt über die Schwelle gewagt und ein Wochenende dort verbracht habe, wo die Welt noch in Ordnung und vor allem ruhig ist, ist mir klar geworden: Das Wochenende auf dem Land verdient große Liebe.

Ich bin mit meiner Familie für drei Tage an einem See außerhalb von München. Die Luft, die mir am ersten Morgen entgegenweht, als ich das Fenster öffne, ist benebelnd unbenebelnd und frisch. Meine Lunge scheint mit einem Mal komplett vom Staub der Großstadt befreit. Vor mir spielen die kleinen Wellen im Wasser Wettrennen mit den Sonnenstrahlen, die sich an ihnen brechen. Mit einem Kaffee in der Hand überlege ich, ob ich erst in der Sonne frühstücken oder lieber doch auf dem Steg am See meditieren sollte.

 

Jeder hat die Möglichkeit

 

Wow, das klingt nach dem größten Klischee der Welt. Und auch nach den größten Problemen der „First World“. Aber genau da liegt doch der Haken: Wieso müssen gerade wir in der „First World“ immer in Problemen denken? Wieso können wir nicht die paar Minuten genießen, in denen alles gut und eben kein Problem präsent ist? Anstatt unseren Fokus immer auf das zu lenken, was nicht gut ist, könnten wir genau so gut für einen kurzen Moment innehalten und wertschätzen – das dürfen wir. Und wir wären viel mehr zu bedauern, wenn wir das, was wir haben, nicht wertschätzen.

Das Beste ist, dass sich jeder diese Auszeit nehmen kann. Egal, wo – ob in Berlin, Frankfurt oder Stuttgart – und egal, wie groß der Geldbeutel – ob Student, arbeitslos oder Arzt. Wenn wir wollen, können wir mit Bahn, Bus oder Porsche auch nur für ein paar freie Stunden Landluft schnuppern und uns kurz aus allem herausziehen. Einfach mal nicht: mitmachen, mitlaufen, mit hetzen, ständig auf ein Display starren, aus Langeweile auf Social Media Zeit verschwenden, erreichbar sein, unter Leistungsdruck stehen, unter der Hitzeglocke der Stadt ersticken, die einzige frische Luft im Park schnuppern, den Sternenhimmel vom Balkon aus gerade so erahnen, auf der Feier sein, wo alle sind, nur um dabei zu sein. Einfach mal nicht so wie alle sondern anders. „Einfach mal nicht“ geht wunderbar da, wo nichts ist.

 

Hörst du das? Ich auch nicht.

 

Schlechter Empfang sorgt automatisch für ein ruhiges Smartphone. Und ein ruhiges Smartphone automatisch für Ruhe im Kopf. Was wirklich traurig ist. Aber auf dem Land ist es selbst mit WLAN schwierig, sich der Ruhe zu entziehen. Es kann noch so oft vibrieren und ich kann die Musik noch so laut drehen – die Stimmung, die das Wasser, die Felder, die Farben, die Luft, der Geruch verbreiten, übernehme ich trotzdem widerstandslos.

Doch es ist nicht nur die Natur, die ihre Wirkung zeigt. Auch das eingeschlafene Dorf mit der Bäckerei, die auch sonntags nur einen Kuchen zur Auswahl hat, und dem Café direkt am See, in dem man nur Filterkaffee mit Kondensmilch anstelle von koffeinfreiem Café Latte mit Matcha und Sojamilch bekommt, nimmt mir den Drang, alles schnell und alles perfekt haben zu wollen. Denn hier ist alles wunderbar unperfekt, wunderbar langsam und wunderbar einfach und das schon immer. Darüber beschwert sich keiner. Es ist einfach so wie es ist und damit ist man zufrieden. Diese Einstellung ist sicher nicht immer die richtige und bringt dich im Leben nur bedingt weiter – und trotzdem ist sie für ein Wochenende die beste, von der ich mich anstecken lassen kann.

Ob mit der Familie, mit Freunden oder ganz alleine – auf mein Wochenende auf dem Land nehme ich nur die mit, die mir genau diese Entspannung und Zufriedenheit ermöglichen. Das mag egoistisch sein, aber auch mein Recht. Ich habe das Recht dafür zu sorgen, dass es mir gut geht. Da, wo sonst nicht viel ist, kann ich mich entweder vollkommen mit mir selbst oder mit allen anderen beschäftigen. Also braucht es Menschen, mit denen ich mich beschäftigen will. Und wenn ich mich gar nicht beschäftigen will, müssen sie auch das verstehen. Und schon wird das Land zu dem Ort, an dem nicht nur die Natur eine Rolle spielt, sondern auch die Beziehung zu mir und meinen Herzensmenschen.

 

Nur 3 Tage

 

Vielleicht ist das alles ein bisschen romantisiert oder idealisiert, aber bevor die Problemchen hinterher gereist kommen, bin ich ja auch schon wieder weg. Denn es ist eben nur ein Wochenende. Meine Zeit dort ist endlich, hat ein Ablaufdatum. Wenn ich weiß, dass etwas bald endet, wertschätze ich es mehr und nutze es besser. Es ist genau die richtige Menge Zeit. Denn vermutlich würde ich es dort nicht allzu lange aushalten. Zu wichtig sind mir U-Bahnen im 3-Minuten-Takt, junge Leute mit verrückten Ideen, die Qual der Wahl zwischen Cafés und Flohmärkten am Sonntag und der nächtliche Straßenlärm. Es ist genau die richtige Menge Zeit, in der sich mir die Vorteile auf dem Land aufdrängen, ohne dass die Nachteile sich schon bemerkbar machen. Genau die Menge an Zeit finde ich alles toll und bevor ich merke, was nervt, bin ich wieder weg.

Auch wenn ich auf dem Weg nach Hause ein bisschen wehmütig werde und dieses satte grün der Felder und die Ruhe in meine Tasche stecken und mitnehmen möchte, bin ich mir sicher, dass ich diese Auszeit bestmöglich für mich genutzt habe. Ich bin mir sicher, dass ich die Woche mit einer anderen Stimmung als sonst angehen werde. Und ich bin mir sicher, dass dieses Wochenende auf dem Land nicht das letzte gewesen sein wird.

 

Auch spannend: Bin ich alt genug, um aufs Land zu ziehen?

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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