Sprechen wir wie die Nazis? – Nationalsozialistische Alltagsbegriffe

Zwei Frauen unterhalten sich am Tisch. Bild: Unsplash

In unserem alltäglichen Sprachgebrauch fällt uns meist gar nicht auf, was für eine Geschichte manche Wörter eigentlich haben. Doch unsere Sprache ist geprägt von der Zeit des Nationalsozialismus – auch wenn man es bei einigen Begriffen nicht glauben kann.

Es ist ein ganz normaler Vormittag, ich scrolle durch Twitter, ein Like hier, ein Kommentar dort. Plötzlich sehe ich einen Kommentar, der mich stutzig macht: „Jedem das Seine stammt von den Nazis, bitte verwende diesen Ausdruck nicht mehr!“ – „Wie bitte?“, denke ich, und mache mich bei Google auf die Suche. Und Tatsache, laut Bundeszentrale für politische Bildung wurde von den Nationalsozialisten eine Inschrift mit dem Ausdruck „Jedem das Seine“ im Konzentrationslager Buchenwald angebracht. Die Botschaft an die Gefangenen: „Euch geschieht, was ihr verdient!“ Als ich das lese, bin ich schockiert darüber, dass ich den Ausdruck bisher einfach so und ohne mir Gedanken zu machen verwendet hatte. 

Für die Nazis war Sprache ein ganz zentraler Bestandteil für ihre Propaganda. Im Nachkriegsdeutschland wurde von offizieller Seite zwar versucht, in Verwaltung und Medien die Sprache zu erneuern, doch in der Alltagssprache setzten sich Begriffe der Nationalsozialisten fest – bis heute. In der heutigen Sprache gibt es Begriffe, die von den Nazis eingeführt wurden, aber auch solche, die es zwar schon vorher gab, die aber durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust eine andere Bedeutung bekommen haben bzw. ganz automatisch damit verbunden werden. 

Matthias Heine hat zu diesem Thema das Buch „Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht“ geschrieben. Dort geht er auf verschiedene Begriffe ein, bei denen man ohne Hintergrundwissen keine Verbindung zum Nationalsozialismus erkennen würde. Ein Beispiel: Das Wort „Eintopf“. Eintopf? Ja, richtig. Wie Heine in einem Interview erklärt, haben die Nazis den Eintopf mit der Einführung der sogenannten „Eintopfsonntage“ publik gemacht, an denen das durch das günstige Essen gesparte Geld gespendet werden sollte. 

(Un)verfängliche Begriffe 

Oder der Begriff „Kulturschaffende“: Der Begriff sei erst 1933 mit der Gründung der Reichskulturkammer eingeführt worden, erläutert Heine. Heute werde der Begriff ganz selbstverständlich verwendet und sei sogar praktischer als „Künstler*in„, da er zum Beispiel auch die Produzenten, Ton- und Kameraleute miteinschließt und man gleichzeitig das Gendern des Begriffs vermeiden kann. 

Spielt gerne Volleyball, aber verfolgt trotzdem die Bundesliga. Frisch mit der Schule fertig und steht maximal mit einem Bein im Leben. Leidenschaftlicher Neue-Musik-Entdecker. Nimmt so gut wie jede Einladung auf ein Bier oder einen Kaffee an.