Nein, nicht wegschmeißen! Warum hängen wir an Dingen?

Frau zwischen Kartons. Bild: Pexels

„Ist das Kunst oder kann das weg?“, frage ich Andreas, während ich mich durch eine Kiste voller Playmobilfiguren, Zettel und Plastikbehälter wühle. Mit einem Griff ziehe ich eine kleine Dose heraus, welche scheinbar einen quietschgelben Ring aus einem Kaugummiautomaten enthält und schaue fragend zwischen Ring und Andi hin und her. Meine Güte, die Wohnung hat doch nur 60qm. Wie kann man da so viel Kram ansammeln?

Der Angesprochene taucht schnaufend aus dem Karton neben mir auf, in dem er bis gerade kopfüber gebaumelt hat. „Wie bitte?“ – „Ob das hier wegkann, habe ich gefragt“, wiederhole ich mein Anliegen und wedle zur Bekräftigung mit dem Ring hin und her. „Bist du irre? Nein, natürlich nicht. Die Kiste ist voller Erinnerungen, da darf gar nichts weg!“ Ich seufze. „Hast du das bei den letzten drei Kartons nicht auch schon gesagt?“ – „Ja, aber was soll ich machen? Die Sachen sind mir nun mal wichtig!“

Ich verdrehe die Augen. Andi und ich sind völlig unterschiedlich, was die Konsequenz beim Ausmisten betrifft. Und insgeheim glaube ich, dass er mich nur um Hilfe bei seinem Umzug gebeten hat, weil er das auch weiß. Mein lieber Kommilitone Andreas ist ein richtiger Jäger und Sammler. Nur vom Inhalt der letzten paar Kartons könnten die Produzenten von „Bares für Rares“ sicher schon ein ganzes Jahr an Sendungen produzieren. Na gut, sofern Andi sich davon überzeugen ließe mal irgendetwas abzugeben. „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass dir überhaupt auffallen würde, wenn eine dieser Kisten verschwände“, versuche ich mein Glück erneut.

„Klar würde es das!“ – „Ach ja, was ist denn da drüben in dem Karton?“ Ich zeige wahllos auf die Küchenzeile. „Das ist unfair. Die Kiste hast du gepackt“, murrt er und befasst sich wieder mit seinem Teil des Raumes.

Für mich ist so ein Verhalten absolut nicht nachvollziehbar. Familiär betrachtet scheiden sich bei mir die Geister. Die Familie meiner Mum ist bei Krimskrams extrem schmerzlos. Was weg ist, ist weg und dem wird auch nicht nachgetrauert. Die Seite meines Vaters kann alles gebrauchen. Ich erinnere mich lebhaft an die Flohmarktbesuche aus meiner Kindheit, bei denen meine Mutter alte Kinderkleidung und Spielzeug von meiner Schwester und mir zu Schleuderpreisen verkaufte, während mein Dad sich auf Streifzüge durch die Untiefen fremder Keller begab. Es entstand ein Gleichgewicht aus Ein- und Verkauf.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.