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Das Freundschaftslimit: Wieso das Freundefinden so schwer geworden ist

Viele Menschen bleiben unverbindliche Bekanntschaften und das, obwohl man sich auf Anhieb fantastisch versteht. Über das Limit von Freundschaft.

„Lass uns mal was trinken gehen!“

 

Ich habe Anna bei der Arbeit kennen gelernt und mochte sie gleich. Der Job war nur einer von vielen, aber wir haben uns versprochen, dass unsere Freundschaft auch ohne unfreundliche Kunden und die zu niedrige Ladentheke überleben wird. Handynummern wurden getauscht und Facebook-Freundschaft geknüpft. Was dann folgte: Eine Flut von Nachrichten, Zusagen, kurzfristigen Absagen, Entschuldigungen – aber kein Treffen. An Geburtstagen gratuliert man sich noch per Facebook-Privatnachricht. Trifft man sich zufällig (die Stadt ist klein), umarmt man sich nach wie vor überschwänglich und ist sich einig: „Wir müssen unbedingt ein Bier zusammen trinken!“ Überschneidungen des Freundeskreises: Null. Ich hätte es also wissen müssen: Unsere Freundschaft stand unter einem schlechten Stern.

 

„Ja, voll gern!“

 

Und trotzdem: Das sind nicht nur Floskeln, die wir austauschen. Wir sind beide ehrliche Menschen und würden von ganzem Herzen gerne zusammen ein, zwei, drei kalte Getränke trinken und über alte Zeiten reden. Also flammt die Freundschaft nach solchen Begegnungen wieder auf: Nur für kurze Zeit, denn wie ein gezielt eingesetzter Feuerlöscher für die Freundschaftsflamme kommt Anna oder mir kurz vor dem Treffen etwas dazwischen: Kranke Haustiere, angeschwollene Lymphknoten und Opas runder Geburtstag, den man vergessen hat.

Ich glaube nicht, dass Anna mich nicht mag – ich glaube, wir haben für den anderen keinen Platz mehr in unserem kleinen, unbedeutenden Leben. Anna und ich sind die Menschen, die eine Zeit lang um den „Inner Circle“ des jeweils anderen herum balancieren und schließlich vom Seil fallen – „a bisserl Schwund is immer“.

 

„Cool, hast du meine Nummer?“

 

Eine Erklärung dafür hat Robin Dunbar: Der britische Anthropologe hat eine Zahl an Menschen festgelegt, die eine durchschnittliche Person in ihrem sozialen Umfeld haben kann: 150. Zu dieser relativ hohen Zahl gehören die Menschen, die man zu einer großen Party einladen würde: lose, aber sympathische Bekanntschaften. Der nächste Schritt sind dann die 50 Menschen, die wir zu einer intimeren Party einladen würden, vielleicht sogar in unsere eigene Wohnung: Freunde. Nur noch 15 Menschen sind dann die Freunde, denen wir uns anvertrauen und auf die wir uns verlassen können. Der harte Kern, die fünf besten Freunde, sind die Menschen, die wir uneingeschränkt gern haben und an die wir uns in Notsituationen wenden können. Oft sind das auch Familienmitglieder. Die Quintessenz der Theorie: Gib mir fünf – und das war’s dann.

Die Grenzen sind fließend – Personen können innerhalb von kurzer Zeit vom Bekanntschaftslevel in den engeren Freundeskreis rutschen und genauso anders herum. Dein bester Freund diese Woche könnte also nächste Woche vielleicht nur noch ein guter Bekannter sein. Auch die Anzahl der Menschen kann variieren – je nachdem, ob man der soziale Party- und Small-Talk – Typ ist oder eben nicht. Bis zu 1500 Menschen kann der Bekanntschaftskreis umfassen – die Zahl der wahren Freunde bleibt jedoch konstant: Fünf.

Die Konsequenz für Anna und mich: Da ist ganz offenbar kein Platz mehr – weder in ihrem, noch in meinem Leben. Sorry, Anna.

 

„Ja, ich schreibe dir dann einfach!“

 

In Zeiten von 800 und mehr Facebook-Freunden sieht die Sache natürlich ein bisschen anders aus: Kontakt halten, zum Geburtstag gratulieren und „Life Events“ mit „Gefallt mir“ zu markieren, ist ganz einfach. Vielleicht zu einfach, denn jeder der hin gerotzten Facebook Glückwünsche á la „Alles Gute“ ist wertlos. Der Satz „Danke, dass du an mich gedacht hast!“ ist im Jahr 2015 hinfällig, denn eigentlich hat Facebook an uns gedacht. Wir denken sehnsüchtig zurück an ferne Schultage als die Banknachbarschaft am ersten Schultag der Beginn einer fantastischen Freundschaft sein konnte.

Doch nicht nur an den Grundpfeilern Dunbars Theorie wurde durch soziale Netzwerke gerüttelt, auch Small-Talk wurde revolutioniert: Durch ständige Berieselung privater Infos sind wir bestens über Bachelor, Baby und die neuen Birkenstocks informiert. Zufällige Begegnungen lassen sich dadurch entschärfen – der Gesprächsaufhänger ist vorgegeben. Durch strategisches netzwerken und gekonnte Statusupdates können wir unsere (Facebook-) Freunde beeinflussen und ein attraktiveres und aktiveres Bild von uns „teilen“. Die gute, alte Selbstdarstellung. Eine echte Verbindung zwischen zwei Menschen bleibt dabei aber auf der Strecke, denn das selbe Bild liken, das selbe Youtube-Video teilen und die gleiche Spotify-Playlist hören, reicht nicht aus. Gemeinsame Erlebnisse stärken eine Freundschaft, zusammen macht’s eben mehr Spaß. Es ist wie eine Komödie, die man alleine anschaut – laut lachen möchte man nur in Gesellschaft, am besten in der unserer Freunde.

 

„Ich freu‘ mich!“

 

Bemerkenswert bleibt, dass der Kern Dunbars Theorie nach wie vor zutrifft: Fünf Freunde sind genug. Für mehr fehlt unserem Gehirn, laut Dunbar, schlicht und einfach die Kapazität. Noch ein bisschen mehr bemerkenswert ist auf welchem Weg Robin Dunbar zu diesem Ergebnis gekommen ist: Ursprünglich wollte er das Körperpflegeverhalten von Affen untersuchen. Über einige Umwege ist er so zu Schluss gekommen, dass die Größe des Gehirns auch mit der Anzahl an sozialen Kontakten zusammenhängt. Robin Dunbar hat das Potential gewittert und so ein deutlich attraktiveres Forschungsfeld als Affen und deren Morgenroutine gewählt: Uns.

Und was lernen wir daraus: Bekanntschaften zu finden ist sehr leicht, wahre Freunde hingegen unglaublich schwer. Die Schuld dürfen wir nicht nur Menschen wie „Anna“ geben – wir alle haben ganz offenbar ein Problem die Grenzen unserer 150 Menschen einfach mal verlaufen zu lassen. Und ganz, ganz wichtig: Die fünf Freunde sind ja sowieso die geilsten – gut festhalten!

 

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Bildquelle: Vladimir Kudinov/Unsplash.com

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