Was passierte, als ich alleine auf ein Festival fuhr
Denn die Lichterketten, die Grafittis, die bunten Menschen, das Bier, die Momente erscheinen uns allen fast noch besser bei dem schlechten Wetter. Denn wir alle, 115.000 Menschen, sind hier, um Spaß zu haben, um für drei Tage einiges hinter uns zu lassen auf einem der größtem Festivals Europas. Und da ist die Launenhaftigkeit des Wetters absolut kein Grund, der in der Lage ist, uns allen etwas anzuhaben. Annika und ich trinken unseren Tee aus und schlendern in leichtem Nieselregen zu meinem Zelt, in das wir gestern Nacht nicht konnten, weil nur ich ein Presseband habe und der Ordner auch bei gutem Zureden standhaft blieb. Mein Zelt ist trocken und wir wickeln uns ein und schlafen erstmal in der wohligen und trockenen Wärme eines orangenen Ein-Mann-Zelts.
Alleine im Zelt? Fühlt sich irgendwie komisch an
Kennengelernt habe ich sie ein paar Minuten nach dem unabsichtlichen Angriff bei The xx. Die Täterin: Annikas beste Freundin Maja, mit der sie aus dem nahen Kopenhagen hergekommen ist. Maja bot mir an, mir später ein Bier auszugeben. Und so saßen wir nach einem magischen Konzert, in dessen Lichteffekten man sich verlor und voll und ganz den Klängen hingab, die diese besondere, preisgekrönte Londoner Band zu den Feiernden mit den leuchtenden Augen hinab sandten, zu siebt da und tranken Tuborg. Aus Dosen, die hier, direkt vor dem wie eine endlose schlammige Zeltstadt daliegenden Festivalgelände, verkauft werden. Wir, das sind neben Maja, Annika und mir drei Freunde der beiden. Alle aus Kopenhagen. Und Oliver aus Brighton, den ich auf dem Pressecampingplatz kennengelernt habe. Er beginnt in der Woche nach dem Festival beim Telegraph, das hier ist das Abschiedsgeschenk der nun Ex-Kollegen einer kleineren Musik-Plattform, für die er drei Jahre gearbeitet hat.
Nach ein bisschen Smalltalk mit Kollegen, The Weeknd am Abend, Bier und dem Erkunden des Geländes liege ich in den ersten Nacht irgendwann alleine in meinem Zelt. Es fühlt sich einerseits komisch an, komplett alleine irgendwo auf einer dänischen Wiese zu sein, Zeit zum Nachdenken zu haben und komplett nüchtern zu sein. Auf der anderen Seite ist es aber gut, durchtamen zu können. Denn schon der erste Eindruck des Festival-Geländes ist gigantisch. Es gibt neun Bühnen, bunte Tischtennisplatten, Fressstände, warmes Licht, Kunst, glückliche Menschen in Massen, die gemeinsam mit den Klängen, den Gerüchen für eine Reizüberflutung allererster Güte sorgen. Umspannt von hellem Licht und Sonnenstrahlen liegen überall Menschen, die Bäume wiegen sachte im Wind.
46 Jahre Festival-Geschichte
Seit 1971 gibt es das Roskilde, Bob Marley, die Rolling Stones, Paul McCartney, Nirvana, Metallica, Bob Dylan, die Red Hot Chili Peppers, David Bowie, Leonard Cohen und Bon Iver waren schon hier. Der gesamte Gewinn des Festivals fließt an einen Fond, der die Einnahmen an humanitäre Organisationen verteilt. Längst ist es Kult. Weil 25.000 Freiwillige hier arbeiten, weil es ein funkelndes Non-Profit-Festival ist, weil es Musikgeschichte geschrieben hat und man überall eine Luft atmet, die getränkt von Geschichten und Hippie-Romantik ist. Kurz bevor ich einschlafe, entfernt Musik hörend und die Sterne über mir wissend, ist da vor allem: Vorfreude. Und keine Zweifel mehr. Denn ich bin an einem tollen Ort.