Was passierte, als ich alleine auf ein Festival fuhr
Es ist erstaunlich, wie schnell wir miteinander vertraut werden. Sicher, die allgemein über das Festival wabernde Hochstimmung und das Bier tragen dazu bei. Aber auch so finde ich es immer bewundernswert, wie schnell man Menschen findet, mit denen man sich versteht. Wenn man nur ein wenig Mut am Anfang hat. Oder vom Knockout-Versuch einer dänischen 21-Jährigen überrascht wird. Wir trinken bis Mitternacht. Dann ziehen wir, in bunte Regencapes gehüllt, weiter zu Nicolas Jaar, der in mystisch angehauchtem Licht und im mittlerweile wieder strömenden Regen die Crowd zum Ausrasten bringt. Regen? Kälte? Müdigkeit? Fuck it! Wir versuchen, so bescheuert wie möglich im Regen zu tanzen, lachen, breit und mit Schlammspritzern im Gesicht. Irgendwann, mitten in der Nacht laufen Annika und ich, eingehakt und überdreht, in einem großen Bogen zu ihrem Zelt, wo wir uns küssen, frieren, zittern und erst am nächsten Morgen wieder von zwei großen Tassen Tee zu den Lebenden zurückkehren.
There goes my hero
Abends dann die Foo Fighters. Der Act, auf den sich viele von uns am meisten gefreut haben. Annika trägt ein T-Shirt mit Dave Grohls Gesicht darauf und wir kreischen alle wie blöd, als die ersten Töne erklingen. Über zwei Stunden lang reißen die Jungs (oder besser: Männer) das Roskilde ab. Der Regen setzt wieder ein und routiniert greifen wir zu unseren zusammengerollten Capes. Wir tanzen und Tausende mit uns. Wir singen, heiser und mit nach Schonung schreienden Stimmen.
„There goes my hero“, singt Grohl und er sieht ehrlich berührt aus, wie da eine Menge im Regen steht und den Text kennt und die Foo Fighters feiert. Jedenfalls bilden wir uns das ein, dass er nur für uns Roskilde-Besucher spielt, was natürlich Quatsch ist. Schließlich ist er zwei Tage später bei einem anderen Festival und war zwei Tage zuvor bei einem weiteren. Aber in diesem Moment, in dem die Regentropfen bei Gegenlicht aussehen wie lange, durchsichtige Fäden und hinter der Bühne der Tag endgültig weicht und über unseren Köpfen ein kühler Wind weht und die Foo Fighters so wunderschön wechseln zwischen laut, leise, Gefühl und Wucht, und Annika mich ansieht und dabei tanzt und ihre Wangen glitzern, da fühle ich mit jeder Faser, warum die Menschen so fasziniert sind von Festivals. Weil sie mit einem normalen Konzertbesuch nicht vergleichbar sind, weil sie anderen dramaturgischen Regeln unterliegen.
Der Ordner hat Mitleid mit uns durchnässten Gestalten
Wir gehen durch den Matsch zum Pressecampingplatz, laut auf Englisch redend und euphorisiert. Noch eine Nacht im durchweichten Zelt von ihr und Maja ist dann doch zu viel Festival-Folklore. Wir müssen so durchnässt und mitleiderregend ausgesehen haben, dass der Ordner, dieses Mal ein anderer, uns durchlässt. Uns so sinken wir gemeinsam auf den Boden, dessen Kühle zwar durch das Zeltuntere zu uns dringt, uns aber nichts anhaben kann. Weil in unseren Ohren immer noch die Foo Fighters erklingen. Uns weil in dieser Nacht Grohls Text nicht stimmt und kein Hero geht, sondern es sich anfühlt, als wären wir alle, jedenfalls für den Moment, Heros.
Nach viel Tuborg, wenig Schlaf, grandiosen Konzerten (The xx, Foo Fighters, Arcade Fire, Lorde) bahnt sich die Sonne am letzten Tag ihren Weg durch die Wolken und fällt in breiten Strahlen auf die durchweichten Menschen in Gummistiefeln. Wir halten unsere Gesichter ins Licht, genießen die Wärme und trinken ein letztes gemeinsames Bier zusammen. John, Maja, Bjorn und die anderen. Annika sagt, dass sie traurig ist. Als die anderen nach Umarmungen und „Roskilde 2018“-Versprechen weg sind, warten Annika und ich noch eine Weile am Bahnhof zusammen, bis mein Zug nach Hamburg kommt und es für mich wieder nach München und für sie nach Kopenhagen geht. Sie schmiegt ihren Kopf an meine Brust und winkelt währenddessen die Beine an wie eine zusammengerollte Katze. Zum Abschied wischt sie sich ein paar Tränen aus dem von leichten Sommersprossen gesprenkelten Gesicht und sieht verloren aus, wie sie in einem übergroßen Kapuzenpulli dasteht, während der Zug losrollt.