Ein Hoch auf das Sommerloch

Sommerloch-Langeweile-Eventkultur

„Wer weiß, wann wir wieder so einen Sommer bekommen“, fragen sie und scheuchen uns hinaus. Und wir folgen ihnen, denn natürlich haben sie recht. Spätestens zur nächsten „Nieselregen-November Depression“ ärgern wir uns, den knappen Sommer nicht genutzt zu haben. Nieselregen und November: Zwei Dinge, die so unglaublich weit weg scheinen, denn sogar unser Zeitgefühl wird von Sonne, Hitze und Eis am Stiel beeinträchtigt. Und obwohl die Hitze und das schöne Wetter uns träge gemacht haben, wie schlafenden Hunde im Schatten, sind wir nahezu süchtig danach: Wir wollen jeden schönen Tag nutzen! Unbedingt! Komme was wolle!

//Ripped Jeans, Skin was showing // Hot night, Wind was blowing// Where d’you think you’re going, baby?// – Man kann aufpolierte Popmusik, wie die von Carly-Rae Jepsen hassen so viel man will, aber diese Zeile aus „Call me maybe“ (der im Winter niemals solche enormen Hit-Ausmaße annehmen angenommen hätte) trifft den perfekten Sommer auf den Punkt: warme Sommernächte, nachlässiger Kleidungsstil und die gelegentliche Sommerverliebtheit. Aber die Generation Y hat ein Problem: Unsere Pläne, Ziele und die nicht vorhandene Bikinifigur lassen uns die Ausfahrt zur Auszeit verpassen – stattdessen fahren wir auf der Überholspur weiter in Richtung streng getaktetes Sommerprogramm.

 

 

„Keine Termine und leicht einen sitzen.“

 

Harald Juhnkes viel zitiertes Motto bringt das (erhoffte) Lebensgefühl unserer Generation an heißen Sommertagen zwar auf den Punkt, aber trotzdem rudern viele von uns bei pauschal gebuchten Kayakingtouren, Stand-Up Paddling Kursen und Wildwasserrafting Touren daran vorbei – ein bisschen Abenteuer muss schließlich auch sein, sagen wir. Einfach mal nichts tun geht gar nicht klar, finden wir. Sommer, Sonne, Freizeitstress.

Dabei verpassen wir vielleicht die meist unterschätze Zeit des Jahres: Das Sommerloch, die sogenannte Saure-Gurken-Zeit, wenn das Jahr uns endlich Raum für das lang ersehnte Nichtstun gibt. Doch begibt man sich in die endlosen Tiefen des Internets, wird schnell klar, dass das Sommerloch ein wenig geschätztes Phänomen ist. Menschen suchen in Foren nach Ablenkung, Youtube bietet Videoanleitungen gegen die „Sommer-Langeweile“ und engagierte Bürger beschweren sich über die Inhaltslosigkeit der Medien während des Sommerlochs. Unzufriedenheit regiert das Sommerloch, dabei könnte es so schön sein. Frei nach Harald Juhnke sollten sich all die Nörgler vielleicht einfach mit einem gekühlten Getränk auf die nächste Grünfläche setzen und versuchen die ereignislose Zeit genießen. Die nächste Krise kommt bestimmt.

 

Das gute, alte Sommerloch

 

Dass das Sommerloch schon immer Realität war, beweist Wilhelm Busch, der in seinem Gedicht „Im Sommer“ den „armen Doktor“ bemitleidet, dem es im Sommer an Beschäftigung mangelt: „In Sommerbäder reist jetzt ein jeder, und lebt famos. Der arme Doktor, zu Hause hockt er, patientenlos.“ Das Sommerloch ist also keine moderne Erscheinung – es ist eher im Auslaufstadium seiner Existenz, denn schon in den Jahren zwischen 1970 und 1990 hat sich das Freizeitbudget der Deutschen von 800 auf 3550 Mark fast verfünffacht.

Doch das Sommerloch darf nicht gestopft werden! Die Behauptung: Die Effizienz dieses Landes beruht auf unserem wunderbaren Sommerloch, das wir uns einmal jährlich gönnen. Nur so kann ab September so vieles wieder reibungslos funktionieren. Verlieren wir das Sommerloch, verlieren wir im Privaten und wenn’s ganz dick kommt auch im öffentlichen Leben unser organisatorisches Talent. Wir haben uns eben in der Zwischenzeit einfach nicht genug entspannt.

 

Bye, bye Hochkultur

 

Deshalb Schuhe aus und raus mit euch – barfuß durch das Sommerloch. Kein Platz für Buchungsbestätigungen, Instagram und Abschminktücher. Sommer ist zum Leben. Sommer ist da, um Termine zu vergessen. Das Problem: Wenn sogar ein Uni-Sommerfest einen Aftermovie bekommt, hat die Eventkultur die Hochkultur schon lange abgehängt. Sie ist im Gegensatz zur elitären, schwer greifbaren Hochkultur für alle da. Der soziale Effekt von Massenveranstaltung darf nicht unterschätzt werden: Soziale Geborgenheit und gemeinsame Freude schweißen Menschen zusammen und entstauben Kultur – ein Land feiert sich ab.

Wir wollen Abenteuer erleben, Neues fühlen, schmecken und sehen und unseren Horizont erweitern, wann immer es geht. Der Sommer bietet die perfekte Gelegenheit, unsere Eventsucht voll und ganz auszuleben. Es ist nicht einfach nur heiß, nein, die Hitze wird zum Jahrhundertsommer hochstliisiert und wir zu Marionetten unserer Ausflugssucht. Dabei vergessen wir leider viel zu oft den ganz einfachen Sommer zu erleben, fühlen, schmecken und zu sehen.

Denn wenn der eine Rave am See den nächsten jagt und Rooftop Partys zur Norm werden, vergessen wir die einzig wirklich wichtige Entscheidung des Sommers: Grillen am Fluss oder Biertrinken im Park? Events müssen im Sommer nicht dieselbe Vielfalt wie in kälteren Monaten haben, weil es einfach trotzdem funktioniert. Jedes verdammte Mal. Sommergefühl (Def.: Wassermelone, Sonnenbrand und Sand im Schuh) sei Dank. Und manchmal, zwischen dem ganzen Trubel, sollten wir uns zurückbesinnen auf das gute, alte Sommerloch. Handy ausschalten und, falls von Arbeit geplagt, wenigstens am Wochenende, eine Arschbombe ins tiefe Sommerloch wagen.

 

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Bildquelle: Jessica Polar/Unsplash

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