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Trennungsschmerz: Wenn sich ein Umzug wie Liebeskummer anfühlt

Es tut weh, sich von einem Menschen zu trennen. Aber es tut auch weh, sich von einer Stadt zu trennen. Unsere Autorin erzählt von ihrem Trennungsschmerz.

Das erste Date: mit dem Zug ankommen, sich vorsichtig aufeinander zubewegen, sich zum ersten Mal sehen, das äußere Erscheinungsbild begutachten, sich beschnuppern, die erste Konversation starten. Die nächsten Dates: schockverliebt sein, sich anvertrauen, langsam auch das innere Erscheinungsbild kennenlernen, die ersten Nächte miteinander verbringen. Ein paar Monate später: verliebt sein. Ein paar Monate reichen, um sich zu verlieben und bei der Trennung einen Schmerz zu spüren.

Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch Orte. Wenn wir Glück haben, dürfen wir in unserem Leben mehrmals Liebe spüren. Und wenn wir Glück haben, dürfen wir in unserem Leben mehrere Städte unser Zuhause nennen. Manche für kürzere, manche für längere Zeit. Auch sechs Monate sind schon ein Geschenk, selbst wenn das Ende vorprogrammiert ist. Oder gerade weil das Ende vorprogrammiert ist. Dann packen wir all unsere Gefühle in die Zeit, die wir haben, und erleben sie dadurch umso intensiver. Trotzdem tut die Trennung scheiße weh – ob nach sechs oder sechzehn Monaten, ob von einem Menschen oder einem Ort.

Nicht-Wahrhaben-Wollen

Es gibt diese Phasen nach einer Trennung. Nicht-Wahrhaben-Wollen fühle ich auf jeden Fall. Zwischen ein paar Reisekoffern, einem Wischmob und einem leeren Kleiderschrank sitze ich am Boden meines zwischengemieteten Zimmers. Vor dem Fenster steht dieser riesige Espenlaubbaum, dessen Blätter fröhlich im Wind zittern. Ich bekomme Gänsehaut. Diese Stadt da draußen vor dem Fenster hat mich mit ihren Espenlaubbäumen, ihrem satten Grün zwischen Altbauhäusern, dem erfrischenden Blau ihrer Gewässer und dem weitläufigen Idyll vor ihren Toren mit der ersten Minute in ihren Bann gezogen.

Ich will nicht glauben, dass ich schon ganz bald nicht mehr jederzeit Grün um mich haben werde und meine Füße nicht ständig ins Wasser strecken kann. Dass ich schon ganz bald mit einer anderen Aussicht aufwachen, mit anderen Menschen um mich studieren anstatt arbeiten und mit anderen Erlebnissen einschlafen werde. Das Bauchgrummeln meldet sich, das ich jedes Mal spüre, wenn ein zumindest in meiner Vorstellung negatives Erlebnis auf mich zurollt. Wehmut und die Sentimentalität setzen sich dann in meinem unteren Bauch fest und machen Radau. Ich bekomme zwar die Möglichkeit, hier zu sitzen und mir über den Abschied Gedanken zu machen. Aber loslassen möchte ich deshalb trotzdem nicht.

Trauer statt Wut

Nein, ich bin nicht wütend. Auch wenn das die zweite Phase nach einer Trennung wäre. Dafür bin ich viel zu dankbar für die letzten Monate. Denn das im Vorhinein festgelegte Ablaufdatum hat mir dabei geholfen, wachsamer zu sein und Dinge bewusst wahrzunehmen. Das Ablaufdatum hat dafür gesorgt, dass ich mich mit großer Neugier und Lust in einen Sommer mit neuer Stadtluft um die Nase gestürzt bin und jeden Moment genossen habe.

Die Stadt war genau die richtige, um über den Schmerz einer anderen Trennung hinweg zu kommen. Ihre Parks waren die perfekte Umgebung, um auch ohne gute Freunde einen wunderschönen Sonntag zu haben. Ihre Gewässer waren mir eine Erfrischung an viel zu heißen, viel zu anstrengenden Sommertagen. Ihre wunderschönen Straßen waren genau die richtige Begleitung, um in warmen Nächten alleine nach Hause zu laufen. Diese Stadt hat mir ein weiteres Mal bestätigt, dass es sich lohnt, sich mit allen Gefühlen hineinzustürzen, egal, wie viel Zeit bleibt.

So überspringe ich auch einfach die Phase des Kämpfens und komme direkt zur Trauer. Häufig marschieren wir nach Trennungen mit der Annahme los, dass das Gegenüber nur einfach nicht erkennt, wie wertvoll diese Beziehung war, und bewaffnen uns mit eher emotionalen als logischen Argumenten, um zu kämpfen. Aber dieses Mal erkenne ich, dass kämpfen zwecklos ist, bevor ich mich zum Affen mache. Mit all diesen wunderbaren Erinnerungen bin ich dieses Mal einfach nur traurig. Wut und Kampflust finden gar nicht ihren Weg durch das Dickicht aus Traurigkeit, Wehmut und Bauchgrummeln.

Akzeptanz

Sechs Monate später: sich trennen müssen, weil nicht die Liebe, sondern die Zeit miteinander ein Verfallsdatum hat. Ich bin froh, vor meiner letzten Trennung von einem Mann nicht gewusst zu haben, dass das letzte Treffen unser letztes Treffen sein sollte. Niemals hätte ich ansonsten damit umgehen können. Vermutlich wäre ich einfach weggerannt, um selbst entscheiden zu können, wann das letzte Mal sein sollte. Das kann ich dieses Mal. Ich muss zwar gehen, weil ich in ein paar Wochen mein Studium woanders fortsetzen werde. Doch anders als bei einer Trennung von einem Menschen kann ich jederzeit zurückkommen und werde dann mit offenen Armen empfangen.

Und so akzeptiere ich die Situation, während ich zwischen den Koffern sitze und dem Espenlaub zuschaue. Ich akzeptiere, dass all die Menschen, Straßen und Parks in dieser Stadt bleiben, wenn ich weggehe. Ich akzeptiere, dass sich in den Koffern um mich all die Erinnerungen befinden, um sie mir jederzeit anschauen zu können. Ich akzeptiere, dass dieser wunderschöne Sommer jetzt vorbei ist. Die Aussicht auf einen Winter im gewohnten Umfeld und vielleicht weitere Sommer in dieser Stadt, in die ich sicher irgendwann zurückkehren werde, macht es mir leichter.

Ich habe noch drei Tage. Danach muss ein Urlaub als Puffer dienen, um mich langsam umgewöhnen zu können. In drei Tagen werde ich buchstäblich aus dieser Stadt fliegen. Sobald der Flieger den Erdboden verlässt, werde auch ich diese Stadt fürs Erste verlassen haben. Doch in dieser Beziehung hat nicht die Liebe, sondern nur die Nähe ein Verfallsdatum. Diese Beziehung wird auf ewig bestehen.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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