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Wie ich einen Kurztrip durch das Leben meiner Oma unternahm

Großeltern haben Geschichten erlebt, die unsere Vorstellungskraft weit übersteigen. Unsere Autorin hat sich nun getraut, die unangenehmen Fragen zu stellen.

Von Helena R. Köster

Wir alle haben Eltern und Großeltern, und der ein oder andere hat auch noch seine Urgroßeltern kennengelernt. Aber was wissen wir über diese Menschen? Dunkel erinnert man sich, dass die Mutter mal erzählte, die Großmutter sei vertrieben worden, habe vielleicht sogar in Flüchtlingslagern gelebt. Man hat nie weiter gefragt. Gab es da nicht auch mal noch den Urgroßvater, der in Kriegsgefangenschaft war und zum Tode verurteilt wurde? Wie die Geschichte weiter geht, weiß man nicht mehr, hat man vielleicht auch nie gewusst. Und was war nochmal der familiäre Bezug zu Tschechien? Die Urgroßtante hatte doch immer von Prag gesprochen, oder nicht? Sind ja alles irgendwie spannende Geschichten, doch so richtig identifizieren mit diesen Geschehnissen kann man sich dann doch nicht, und eigentlich ist das alles ja auch schon so lange her. Schaffen wir lieber in der Gegenwart neue Familiengeschichten!

 

Ist dieser Umgang mit den eigenen Wurzeln zu leicht?

 

So kann man das sehen, ja, aber machen wir es uns nicht ein bisschen zu leicht damit? Immerhin möchten wir auch nicht vergessen werden, wir wollen später auch mal unsere Geschichten und kleinen Anekdoten erzählen dürfen – und auch gehört werden. Und so geht es auch unseren Großeltern, Großtanten und -onkeln, unseren Eltern und deren Omas und Opas und all jenen, die noch erzählen können. Sind wir als die frischste Generation nicht das Tagebuch dieser Verwandten? Wir können nachfragen, zuhören, all diese Erzählungen von Erlebnissen und Geschehnissen speichern und irgendwann weitergeben, bevor sie für immer verloren gehen. Ich habe genau das versucht, habe Fragen gestellt, die ich mich bisher nie getraut habe zu stellen, die sich mir vielleicht auch noch nie wirklich gestellt haben und die nun aber unbedingt gefragt werden mussten.

Angefangen hat alles mit Michaels (Name von der Redaktion geändert) und meiner Reise nach Tschechien und Polen. Ich hatte Lust auf Prag, er wollte nach Krakau. Ein paar Tage vor unserer Abreise kam der Gedanke ganz plötzlich: Wieso nicht auch den Geburtsort meiner Oma besuchen, wenn ich sowieso in Tschechien bin. Meine Großmutter wurde in einem kleinen Örtchen in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Ihr Geburtsort war zum Zeitpunkt ihrer Geburt Teil der Říšská župa Sudety, des „Reichsgau Sudetenland“. Heute gehört die Grenzstadt zu Tschechien. So beschlossen wir also von Prag aus nach K. zu fahren und dort nach dem Haus, in dem meine Oma ihre ersten vier Lebensjahre gelebt hatte, zu suchen. Von ihr bekam ich die ehemalige (deutsche) Adresse.

 

Wie soll man sich fühlen, wenn man der Vergangenheit ins Auge blickt?

 

Über eine Online-Plattform für damals aus K. nach Deutschland abtransportierte Menschen erfuhr ich, welchen tschechischen Namen die Straße heute hat. So machten wir uns nach einer Woche, die wir in Prag verbracht hatten, auf den Weg und standen schlussendlich vor dem richtigen Haus in K.. Ich war irritiert, verunsichert und hatte keine Ahnung, wie ich mich fühlen sollte. Sollte ich mich freuen, dass wir das Haus gefunden hatten oder eher traurig sein, weil ich mich verschwommen erinnerte, dass meine Familie nicht nur schöne Erinnerungen mit diesem Haus und Ort verband? Plötzlich stellten sich mir tausend Fragen, die so präsent waren, dass sie nicht einfach aus dem Nichts kommen konnten. Irgendwo in meinem Kopf gab es wohl eine Nische, in der eine Neugier auf Familiengeschichte lauerte, die nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hatte, hervorzuspringen und laut „Hier bin ich!“ zu rufen.

Zurück in Deutschland rief ich sofort meine Oma an und erzählte ihr von meinem Erlebnis. Ich verabredete mich mit ihr zu einem Gespräch, bei dem ich ihr all die Fragen, die mich seit unserem Abstecher nach K. nicht mehr losließen, stellen wollte. Am darauffolgenden Wochenende fuhr ich also in meine Heimatstadt, um meine Großeltern zu besuchen und meine Oma zu löchern. Vorher notierte ich alle Informationen über ihre Vergangenheit, die ich aus meinem Gedächtnis kramen konnte. Es war erschreckend wenig, meine Stichworte füllten nicht einmal eine halbe Seite meines DIN A5 Notizbuches. Meine Fragen hingegen erstreckten sich über mehrere Seiten. Viele davon musste ich allerdings gar nicht erst stellen, da meine Oma, mit Hilfe weniger einleitender Fragen meinerseits, schnell in einen Redefluss geriet, der tief aus ihrem Innern zu kommen schien.

 

Meine Oma freut sich, endlich ihre Geschichte weitergeben zu dürfen

 

Ich werde die Geschichte meiner Großmutter und ihrer Familie hier nicht komplett wiedergeben, es ist eine Familiengeschichte und diese ist eben dort – in der Familie – am Besten aufgehoben. Und genau das ist sie nun für die Dauer eines weiteren Lebens: Aufgehoben in meinem Gedächtnis, in meinen Notizen und vielleicht werde ich sie auch für auf mich und meine Geschwister folgende Generationen niederschreiben. Eine Sache aus unserem fast eine Stunde andauerndem Gespräch, in dem meine Oma erzählte, wie ich sie noch nie erzählen gehört hatte, möchte ich allerdings wiedergeben: Zwischen schönen und traurigen, fast verlorenen und noch sehr präsenten Erinnerungen hörte ich eine Erleichterung und Freude darüber, all das erzählen zu dürfen.

Während sie von ihrer Vertreibung aus ihrem Geburtsort spricht, dem Abtransport von dort aus nach Deutschland in Viehwägen, dem Lager, in dem sie mit ihrer Mutter, Tante und Großmutter untergebracht wurde und dem Leben, das sie sich nach und nach wieder aufbauen mussten, ist mir bewusst geworden, dass manche Geschichten erst erzählt werden, wenn jemand danach fragt, und dass so viele dieser Geschichten auf Grund fehlender Nachfrage vergessen werden und verloren gehen. Ich erhoffe mir, dass die gehörte Geschichte von nun an mein Leben begleitet, sowie sie das Leben meiner Oma begleitet hat und immer noch begleitet. Und weiterhin lässt mich das Gefühl nicht los, dass noch so viele spannende und schöne Gespräche mit meinen Verwandten voller unausgesprochener Erinnerungen und tiefsitzenden Gefühlen auf mich warten. Man kann nicht alle Erlebnisse und Erinnerungen für immer bewahren, es ist auch wichtig, neue Erlebnisse an Stelle von alten Erinnerungen treten zu lassen.

 

Nur wir können diese Geschichten weiterleben lassen

 

Jedoch lohnt es sich, die ein oder andere Frage zu stellen, denn wir vergessen sowieso schon viel zu viel. Es gibt bestimmt die ein oder andere Familiengeschichte, die sonst nie erzählt wird und irgendwann leise, ohne dass es jemand bemerkt mit den einzigen Menschen, die sie erzählen könnten, verschwindet. Wir können die Geschichten weiter leben lassen, sich verändern und verformen und neue Dimensionen einnehmen, bis sie irgendwann, aber nicht heute, noch einmal in einer hellen Stichflamme aufblitzen und anschließend dann langsam erlöschen.

Kommentare

  1. Ein gutes Thema! Wir interessieren uns viel zu wenig für unsere Vorfahren. Dabei sind die enorm wichtig für unsere eigene Entwicklung und Zukunft. Die und ihre Geschichten schreiben unsere vor! Wie wir mit Problemen umgehen, Lieben, wie unsere Weltanschauung sein wird..es lohnt sich zu fragen, es lohnt sich zuzuhören um sich selbst zu erkennen.

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