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Zsofia, 21, ist Zirkusartistin

Zsofia ist mit 21 Jahren bereits am Höhepunkt ihrer Karriere. Hat sie Angst vor der Zukunft?

„She always arrives only 15 minutes before the show“, erklärt mir ein Clown im Vorbeigehen. Die Tür zur Garderobe von Zsofia ist noch verschlossen. Also wieder die Treppen nach unten, einmal durch den aufgeschütteten Sand hinter den Kulissen und schon stehen wir im Pressebüro des Circus Krone. Hier warten wir auf die 21-Jährige Artistin aus Ungarn, die wenige Minuten später schwungvoll die Tür aufreißt. Vor mir steht eine aufgedrehte junge Frau, die gar nicht mehr aufhört, sich zu entschuldigen. „I am so, so, so sorry“, wiederholt sie. Ich kann nicht sagen, was ich von meiner ersten Begegnung mit einem Zirkusstar erwartet habe – ganz sicher aber nicht diese Bodenständigkeit und jemanden, der so wenig Aufhebens um sich selbst macht.

 

Nicht ohne meine Katze

 

Einfach einmal die Zeit vergessen und das 60 Minuten vor einem waghalsigen Auftritt in der Manege. „Wir engagieren die Künstler am absoluten Höhepunkt ihrer Karriere. Sie können ihre Performance wirklich aus dem Stegreif abrufen“, erklärt mir und meiner heruntergeklappten Kinnlade Andreas Kielbassa von der Pressestelle des Circus in München. Zsofia wirkt tiefenentspannt, sitzt mir gegenüber im Bürostuhl und grinst. Eigentlich lebt und arbeitet sie in Paris und vermisst hier vor allem ihr eigenes Bett. Das konnte sie leider nicht mitbringen, dafür ist ihre über alles geliebte Katze als Glücksbringer mitgereist. Wenn sie von ihrem Stubentiger spricht glänzen ihre Augen. Er ist das Schönste, wenn sie nach einem langen und anstrengenden Tag im Zirkus zurück ins Hotelzimmer kommt. Tiere sind die Leidenschaft der jungen Frau. Sie könne nicht verstehen, dass am Ende einer Vorstellung zwar alle Namen der Artisten genannt werden, nie aber die der Tiere.

Mit 15 Jahren steht Zsofia zum ersten Mal in ihrem Leben neben der Stange. Sie fängt von Null an. „Bei meinem ersten Training sind wir mit der Hand an der Pole Dance Stange im Kreis gelaufen.“ Mittlerweile ein Klassiker bei Junggesellinenabschieden, trotzdem kenne ich bisher keine daraus hervorgegangene Artistin. Ist es Talent? Würde sie so nicht behaupten, meint sie trocken: „I am just lucky.“ Für sie geht’s ab der ersten Berührung mit der Stange steil bergauf. In der Zirkusschule in Budapest konzentriert sie sich voll und ganz auf ihren Wunsch: Im Zirkus arbeiten. Heute sind’s nur noch 45 Minuten bis zum nächsten Auftritt in der Manege.

 

Make-Up mit Raubtieren

 

„Denkst du, das ist echt?“, fragt Zsofia. Aber bevor ich meine Gedanken aussprechen kann, greift sie schon beherzt in das Popcorn und steckt sich den klebrig-süßen Mais in den Mund. Eine Profisportlerin, die wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn Süßkram snackt? Konnte ich mir vor unserem Treffen nicht vorstellen. Zsofia lacht und erzählt, dass sie gar nicht einsieht, warum sie sich nichts gönnen sollte. Das Leben genießen – in vollen Zügen. Das könnte ihr Motto sein.

„Mir ist bewusst, dass ich meinen Beruf nicht ewig machen kann, aber es ist eine unheimlich tolle Erfahrung.“ Sie sitzt mir gegenüber im Bürostuhl und wirkt dermaßen gelassen, dass ich einfach fragen muss: „Bist du gar nicht nervös?“ „Doch und wie. Aber ich habe einen Geheimtipp: Ich komme einfach immer viel zu spät, dann muss ich mich schminken und fertigmachen, da bleibt überhaupt keine Zeit für Nervosität. Die kommt dann erst fünf Minuten bevor ich in die Manege muss.“ Dort hängt sie dann in fünf Metern Höhe am Aerial Pole, kein Sicherheitsnetz. Natürlich sind da auch Sorgen. „Ich hatte schon einmal ein Engagement im Europark. Ein Mädchen ist während der Vorstellung runtergefallen, hat sich alles gebrochen und nur mit ganz viel Glück überlebt. Ich will Kinder, am allerliebsten Zwillinge und sobald ich einmal für mehr Menschen Verantwortung trage, als mich selbst, ist Schluss mit diesem Beruf.“ Schluss ist jetzt auch mit unserem Plausch im Büro, denn in 30 Minuten heißt es: „Manege frei!“ Wir gehen in ihre kleine Umkleidekabine. Während sie sich schminkt wird unser Gespräch immer wieder vom ohrenbetäubenden Gebrüll der Löwen unterbrochen. Was mich zusammenfahren lässt, ist für Zsofia Alltag.

Während sie sich völlig routiniert falsche Wimpern aufklebt und einen perfekten Lidstrich zieht, verrät sie: „Mir geht’s manchmal natürlich auch nicht so gut und an solchen Tagen ist es unfassbar schwer, sich aufzuraffen. Wir verstecken uns oft hinter unserem Lächeln, aber ich habe dazu keine Lust. Ich will offen und ehrlich sein.“ Ich merke, dass der Zirkus nicht, wie für so viele, ihr Leben ist. Sie ist noch jung und ihr stehen noch alle Wege offen. Noch 10 Minuten bis zur Vorstellung. Ich hetze durch Huskys, die hinter den Kulissen auf ihren Auftritt warten, zu meinem Platz im Publikum. Zsofia will das Leben genießen. Das merke ich sofort, als sie ihre Performance beginnt. In schwindelerrengender Höhe rutscht sie kopfüber und ungesichert die Stange herunter. Es ist ein bisschen so, als würde sie fliegen. Kaum zu glauben, dass wir gerade noch bei Popcorn zusammengesessen sind.

 

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Bildrechte Titelbild: Circus Krone

Bildrechte Fotos im Text: ZEITjUNG

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