Ziyaan, 20, näht selber Mens-Produkte

Zum ersten Mal in Berührung mit dem Thema weibliche Periode kommt der damals 17-Jährige Tansanier Ziyaan, als er den indischen Dokumentationsfilm „India’s Menstruation Man“ von Al Jazeera sieht. Im Film wird thematisiert, dass weltweit rund 500 Millionen Mädchen und Frauen keinen Zugang zu günstigen und hygienischen Menstruationsprodukten haben. Einige greifen auf Blätter oder Sand in der Unterhose zurück, viele verlassen die Schule, sobald sie ihre Menstruation bekommen. Das stimmt Ziyaan nachdenklich – er war vorher nie mit dem Thema in Berührung: In seiner Klasse sollen sie ein persönliches Projekt umsetzen, und da kommt diese Idee genau richtig: Er will erschwingliche und hygienische Binden entwickeln.

„Als Junge habe ich klare Vorteile“

Aus Google-Recherchen und Gesprächen mit seiner Mutter entsteht ein erster Prototyp für seine neue Binde, die nicht nur sauber und günstig sein soll, sondern auch umweltfreundlich. Aus eigenem Erspartem und mit ein bisschen finanzieller Hilfe seiner Eltern, lernt er das Schneidern und produziert in einem ersten Anlauf 22 solcher Binden, die alle für circa sechs Monate wiederverwendbar sind. Die ersten, die seine Binden testen sind seine Mitschülerinnen. „Am Anfang waren meine Mitschüler natürlich sehr skeptisch. Ich lebe in einer konservativen Gesellschaft, da wird ein Junge, der sich mit dem Thema Periode beschäftigt, erst mal sehr kritisiert und verspottet“, sagt Ziyaan. „Aber als Junge habe ich auch klare Vorteile, wenn es darum geht, gehört zu werden und eine Diskussion zu starten. Und ich will auch andere Jungs erreichen und sensibilisieren, denn sie geht das Thema genau so an.“

Eine Periodenbox für nur 7 Dollar

Als das Projekt abgegeben war, wollte Ziyaan aber seine Arbeit nicht beenden. Er hatte ein paar Frauen und Mädchen aus seinem Umfeld geholfen, für ein paar wenige Monate eine gute Binde benutzen zu können – das war ihm in Anbetracht der 500 Millionen Frauen und nach wie vor viel zu vielen Wegwerf-Produkte zu wenig. Also tat er sich mit anderen Mädchen seiner Klasse und einer kenianischen Frauen-Organisation zusammen. Gemeinsam entwickelten sie Binden, die komplett biologisch abbaubar sind und bis zu drei Jahre halten. Die Binde, die man sich wie normale Binden in die Unterhose schieben kann, besteht aus Kitenge – dem typisch afrikanisch gemusterten Stoff – und Baumwolle und kann jederzeit ausgewaschen und wiederverwendet werden. Obwohl es für ihn wichtig ist, das Stigma um die weibliche Periode aufzulösen, legt er bei dem Design der Binden viel Wert auf Diskretion: „Unsere Binden sehen eher aus wie normale Handtücher. So muss es den Frauen nicht unangenehm sein, wenn sie die Binden unterwegs auswaschen oder sie irgendwo zum Trocken aufhängen.“ sagt Ziyaan.

Die neuen Produkte kommen gut an. Er gründet die NGO Affordable and Accesible Sanitation for Women (AASW), die mittlerweile in sechs Ländern, darunter auch in Indien, aktiv ist und immer wieder Workshops und Vorträge anbietet. „Wir sind alle über Facebook vernetzt, das ist der große Vorteil unserer Zeit. So können wir uns austauschen, planen, gegenseitig unterstützen und für denselben wichtigen Zweck einstehen, ohne viel Zeit und Geld für Wege auszugeben.“, sagt Ziyaan. Er achtet auch darauf, in jeder Region und in jedem Land auf lokale Materialien und Designs zurückzugreifen. Die Binden sollen einerseits aus regionalen Stoffen geschneidert und der jeweiligen Mode und Muster angepasst sein. Mittlerweile gibt es sogar eine ganze Menstruations-Box, die als Gesamtpaket acht Binden, zwei Unterhosen, eine Seife und eine wasserdichte Tasche enthält: „Anfangs habe ich den Kontext der Mädchen nicht mit einbezogen. Dann merkte ich, dass wir auch auf die jeweilige Wasserversorgung schauen mussten, ob die Mädchen überhaupt Unterhosen und dergleichen besitzen. So ist die Box entstanden, die ungefähr sieben Dollar kostet.“

„Und der Fortschritt wird noch nachhaltiger“

Für den heute 20-Jährigen geht es nicht um Gewinne. Die Organisation finanziert sich vor allem über Spenden. Für ihn ist es viel wichtiger, einen nachhaltigen Einfluss auf die Verbesserung der momentanen, weltweiten Situation für Mädchen zu haben. „Wir wollen den Mädchen nicht nur die Produkte liefern, sondern eine Beziehung zu ihnen aufbauen, Diskussionen anregen und auch die Jungs in die Prozesse mit einbeziehen. Nur so können wir immer mehr Mädchen erreichen. Denn jedes Mädchen, das etwas von uns mitnehmen kann, wird es ihrer Freundin erzählen, diese erzählt es hoffentlich auch einer anderen Freundin, und so weiter.“ Und für Ziyaan das Wichtigste: Er will mit der AASW auch Kurse anbieten, in denen die Mädchen und Frauen das Herstellen seiner Binden gleich selber lernen: „So können die Mädchen vielleicht irgendwann selber zum Markt gehen, die Binden verkaufen und sogar ein bisschen Geld verdienen. Und der Fortschritt wird noch nachhaltiger.“

Dies alles schaukelt Ziyaan mal so ganz nebenbei, während er eigentlich total im Klausuren-Stress steckt: „Im Moment habe ich eigentlich kaum Freizeit“, sagt er. „Ich lebe in einem Internat, und da habe ich auch noch andere Schulsprecher- und Führungspositionen, die ich neben dem vielen Lernen und der AASW ausführe. Aber wenn ich mal frei habe, mache ich ganz normale Jungs-Dinge: Fußball oder Cricket spielen, Netflix-Dokus schauen oder schlafen.“

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Bildquelle: Ziyaan Virji

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