Frau zeigt zwei Mittelfinger in die Kamera

Wenn man sich auf verschwörungstheoretischen Websites herumtreibt, wird es noch extremer. Denn all das, was in einer Gesellschaft zum wissenschaftlichen und politischen Konsens gehört, wird dort schlichtweg als falsch abgetan. Aber dabei handelt es sich natürlich nicht um Cancel Culture (Achtung: Sarkasmus).  

Dass die Auflagen von linksliberalen Medien höher sind als die von verschwörungstheoretischen Schmierblättern, hat nichts mit Cancel Culture zu tun, sondern damit, dass offensichtlich ein größerer Teil der Bevölkerung eine Einstellung vertritt, die eher einer linksliberalen als einer rechten Agenda entspricht.

Das Argument, die bösen linken Mainstream-Medien würden alles und jeden canceln, wird noch unschlüssiger, wenn man beispielsweise die taz – wohl die am stärksten linksorientierte Tageszeitung mit überregionaler Bedeutung – betrachtet, die ja aus rechter Perspektive eigentlich der Inbegriff von Cancel Culture sein müsste. Die taz hat aber beispielsweise eine deutlich kleinere Leserschaft als die eher konservative FAZ. Es wäre schlichtweg schwachsinnig, zu behaupten, dass die Cancel Culture der FAZ für die geringere Auflage der taz verantwortlich ist. Und umgekehrt ist das Argument, rechte Medien würden auf wenig Anklang stoßen, weil linke Medien entsprechende Meinungen und Personen canceln, eben genauso unsinnig.  

Zumindest einen Unterschied zwischen den Cancel-Aufforderungen von Links und Rechts gibt es wahrscheinlich aber dennoch. Und zwar besteht er darin, welche Auswirkungen Aufforderungen zum Canceln bestimmter Meinungen oder Personen auf die Realität haben. Denn tatsächlich gehen entsprechende Aufforderungen von rechter Seite meist eher nach hinten los und werden von allen außer den Mitgliedern der eigenen Bubble belächelt. Linke Aufforderungen, bestimmte Personen zu canceln, stoßen dagegen meist auf mehr Anklang und üben daher auch einen deutlich größeren gesellschaftlichen Druck aus.

Ein gutes Beispiel ist die linke Twitter-Bubble, die teilweise sehr weitreichende Forderungen stellt, sobald ein potenzieller Skandal ins Rollen kommt – und damit nicht selten erfolgreich ist. Beispielsweise wurde von der Universal Music Group verlangt, die Zusammenarbeit mit dem Rapper Samra sofort zu beenden, nachdem Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn erhoben wurden. Und tatsächlich hat das Label die Zusammenarbeit vorübergehend auf Eis gelegt.

Next Level: Canceln, obwohl die Wahrheit unklar ist?

Das Dilemma bei Aussagen oder Taten, die sich schlecht bis gar nicht nachweisen lassen, besteht natürlich darin, dass man nie weiß, ob eine Behauptung wirklich der Wahrheit entspricht. Denn natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass beispielsweise bei einer behaupteten Vergewaltigung das vermeintliche Opfer die Person ist, die lügt – Stichwort Kachelmann. Das soll übrigens nicht heißen, dass auch nur eine der Frauen, die aktuell wegen ähnlicher Vorfälle im Fokus der Öffentlichkeit stehen, lügt. Dennoch sollte man aber nie vergessen, dass diese Möglichkeit existiert.

Und das ist der Punkt: Man kann als Außenstehende*r nie wissen, was die Wahrheit ist. Es ist bei genauerer Betrachtung also ziemlich unangebracht, sich dermaßen in eine Angelegenheit einzumischen, von der man keine Ahnung hat, und zu fordern, dass die Vertragspartner der beschuldigten Person sofort die Zusammenarbeit beenden. Das Gleiche gilt umgekehrt für die Menschen, die eine*n potenzielle*n Vergewaltiger*in in Schutz nehmen und öffentlich ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass der- oder diejenige definitiv unschuldig ist. Man kann es schlichtweg nicht wissen.

Sollte beispielsweise Samra rechtskräftig verurteilt werden, stellt es sich im Nachhinein natürlich als gut heraus, dass Universal die Zusammenarbeit ruhen lassen hat. Sollte sich herausstellen, dass er die Wahrheit gesagt hat, ist es im Nachhinein zumindest als fragwürdig zu bewerten, dass Universal die Zusammenarbeit vorerst beendet hat.