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Danke Papa, dass Du anders als Opa warst

Unser Autor lernte seinen Opa als liebevollen Mann kennen – und nicht als den herrischen Patriarchen, der er eigentlich war.

Lange war mein Opa für mich der Geruch von gebratenem Apfel, Rauch und warmer, süßer Luft, die aus dem Ofen strömte, vor dem wir saßen, während draußen der Wind an den Fensterläden zerrte und versuchte, uns zwischen seinem Heulen leise Botschaften zuzuwispern. Opa saß zufrieden da, mit seiner Wolljacke, die eigentlich viel zu dick war, dafür, dass wir dicht an einem Ofen saßen und Bratäpfel machten, die ich so liebte. Opa zeigte mir genau, wie er es machte und ich sah seinen geschickten Händen mit großen Augen zu, konzentriert, um ja keinen Kniff zu verpassen. Opa war auch ein Beet, in dessen schwere, feuchte Erde wir Kartoffeln pflanzten und Karotten. Er trug gelbe Gummistiefel, so wie man sie an der Nordsee trägt und gelbe Handschuhe, an denen tiefschwarze Erdklumpen klebten.

Ich selbst atmete die Luft ein, leicht rauchig, weil in den nordrhein-westfälischen Reihenhäusern fast alle kleine Feueröfen in ihren Gartenhütten hatten, in denen sie brieten und brutzelten. Ich sah meinen Opa aus meiner schrägen Position an, seine grauen Haare, sich leicht im Wind wiegend, und sein Lächeln, während er mir alles erklärte, was es über das Pflanzen von Gemüse zu wissen gab. Ich liebte das, mit ihm diese Dinge zu tun, die ich daheim nie machte. Bratapfel zu machen. Oder Dinge in die Erde einzupflanzen. Und ich liebte auch ihn, meinen Opa. Weil ich ein Kind war und er mich manchmal hochhob und fliegen ließ.

 

Mein Opa war nie der liebe Mann, den ich kannte

 

Dass mein Opa dieser liebe Mensch nie war oder besser: dass mein Opa noch andere Seiten hatte, erfuhr ich erst später. Von meinem Vater. Ich sah, als ich erwachsen wurde, bei unseren weniger werdenden Besuchen, wie grob er manchmal sein konnte, wie herrisch, wie gefühlskalt. Er hatte meinen Vater oft geschlagen. Und seine Frau und überhaupt alle, die ihm widersprachen. Bei meinem Vater schlug er mit einem Gürtel zu, bei seiner Frau, die leider verstarb, als ich noch ganz klein war, mit der bloßen Hand. Er bestrafte Fehlverhalten. Dazu gehörte: Hände nicht gewaschen, Schuhe nicht geputzt, Fehler im Diktat. Bei seiner Tochter, meiner Tante, war er nie so grob. Kleine Mädchen schlägt man nicht, das galt schon damals, in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern.

Mein Opa trank. Kräuterschnaps und literweise Bier. Dann wurde es noch schlimmer. Dann schlug er zu, wenn mein Vater ihm kein eiskaltes Bier brachte oder wenn seine Frau ein Glas fallen ließ. Es herrschte ein Klima der Angst. Später fuhren wir nur hin, weil meine Eltern fanden, wir bräuchten Großeltern. Und es war ja auch wirklich nett. Vor dem Ofen, in der schweren Luft. Oder im Beet, mit den Fingern in der kühlen Erde, deren Farbe ich liebte. Geschlagen hat er mich nie. Natürlich nicht. Er war nach dem Tod seiner Frau milder geworden, ich war nicht sein Sohn. Er war nicht mehr der Unternehmer, der in der Firma seine Mitarbeiter drangsalierte und daheim wie ein Patriarch die Familie regierte. Und selbst dafür kann man ihm nur bedingt einen Vorwurf machen. Denn sein Vater war genau so. Er schlug ihn bei Fehlverhalten, trank. Der Lehrer schlug ihn, der Pfarrer. Ein deutscher Junge hatte das auszuhalten, wenn er ein richtiger Mann werden wollte.

Jahrhundertelang galt das Credo, dass man durch unerbittliche Härte zum Mann werden würde. Dass Schläge das Mittel zur Züchtigung seien. Bleibende psychische Schäden? Psycho-Gefasel und Verhalten von Memmen oder Schwuchteln! So dachte man damals. Und erst unsere Väter-Generation durchbrach die Erziehung von Jungs zu Männern, in der Schläge, Demütigungen und Grausamkeiten ganz normal waren. Und dafür werde ich meinem Vater immer dankbar sein.

 

Danke Papa, dass Du anders warst

 

Sein Vater warf ihn als Nichtschwimmer in einen Brunnen, damit er es auf die harte Tour lernte, mein Vater hatte Todesängste. Mein Vater ging mit mir und meiner Schwester zum Baby-Schwimmen und schwamm mit uns in warmen Becken so lange, bis wir keine Lust mehr hatten. Später begleitete er uns zum Seepferdchen-Kurs und belohnte uns mit Schokolade, als wir es geschafft hatten. Unsere Augen leuchteten und seine auch.

Mein Opa zwang meinen Vater, Bier zu trinken und demütigte ihn vor seinen Freunden, als er den Alkohol ausspuckte und sagte, er trinke lieber Apfelsaft. Mein Vater machte sich große Sorgen, als ich in meiner Jugend zu viel trank und versuchte immer, mit mir über die Gefahren von Alkohol zu sprechen. Heute trinke ich manchmal einen Wein mit ihm und wir lachen. Über mein pubertäres Verhalten und über seine unbegründete Angst.

Mein Opa erzählte zu jeder Gelegenheit die Geschichte eines Angelausflugs, auf dem mein Vater sich mehrfach übergab. „Memme“, sagte mein Opa dabei und lachte dann immer schallend. Auch ich selbst habe diese Geschichte schon gehört. Mein Vater erzählte Freunden und Familie dagegen immer nur von meinen Toren auf dem Fußballplatz oder von Dingen, die ich gut konnte. Weil er stolz auf seinen Sohn ist. Weil er seinen Sohn liebt.

 

Das Erbe meines Vaters

 

Ich war nie sauer auf meinen Opa, weil er der Mensch wurde, der sich gerade in Demenz auflöst. Ich habe es ihm nie übel genommen, dass er die Dinge, die er mit seinem Sohn hätte machen sollen, teilweise mit mir unternahm. Ich war froh, dass er wenigstens bei seinen Enkeln seine weiche Seite zeigen konnte, sanfter im Umgang wurde.

Umso dankbarer bin ich aber meinem Vater. Dafür, dass er es anders gemacht hat. Dafür, dass er Verhaltensmuster meines Opas nur ganz selten an den Tag legt. Ich bin ihm dankbar, dass er kein Urteil über mein Leben fällt, dass er Bildung unterstützt und sie nicht verabscheut wie mein Opa. Ich bin froh, dass er da war und mich nie geschlagen hat. Auch dann nicht, wenn mein pubertäres Verhalten furchtbar und grausam war. Was heute ganz normal ist, nämlich ein liebevoller Vater zu sein, mussten sich unsere Väter erkämpfen. Danke, Papa, dass du anders warst als Opa!

Sollte ich eines Tages einen Sohn haben, werde ich mit ihm Bratapfel machen und etwas einpflanzen. Ich werde dann an meinen Opa denken. Nicht mit Groll, aber mit dem Wissen, dass ich ihn nie so kennenlernen musste wie mein Vater. Und wenn ich den Opa meines Sohnes, meinen Vater, dabei sehe, wie er mit seinem Enkel Ball spielt, ein Lächeln im Gesicht, die grauen Haare sich im Wind wiegend, wird da keine Bitterkeit sein, wie sie bei meinem Vater aufgestiegen sein muss. Sondern nur Dankbarkeit.


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Bildquelle: Flickr mit CC2-Lizenz 

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