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WayGuard und das Problem mit der Rape Culture

Eine neue App soll uns sicher nach Hause bringen und vergisst dabei eine Sache: es sind nicht dunkle Straßen, die an sexualisierter Gewalt schuld sind.

Eine neue App, die von der Versicherung „AXA“ in Kooperation mit der Kölner Polizei entwickelt wurde, soll jetzt dafür sorgen, dass Menschen auch im Dunkeln sicher nach Hause kommen. „WayGuard“ heißt der neuer Begleiter auf nächtlichen Heimwegen und steht dir sowohl als Chat als auch telefonisch zur Seite. Solltest du dich unsicher fühlen, kannst du einen Notruf aussenden und das Team professionell ausgebildeter Mitarbeiter*innen „einer der größten privaten Notruf- und Serviceleitstellen Deutschlands“ von WayGuard kann so deine aktuelle Position an die Polizei weitergeben. Als weiteres Feature kannst du dich auch von Freund*innen begleiten lassen und erhältst Verhaltenstipps, für den nächtlichen Heimweg. Das Ganze ist kostenlos und sowohl für Frauen, Kinder und Männer geeignet.

Schutz vor sexualisierter Gewalt

Auf der Webseite von WayGuard erlauben sich einige User*innen Kommentare darüber, wie hilfreich die App für sie sei. Trotz der offiziell eher heterogenen Zielgruppe wird schnell klar: diejenigen, die hier bekunden, dass die App ihnen ein sicheres Gefühl gebe, wenn sie nachts allein unterwegs sind, sind alles Frauen. Nur ein Mann äußert sich dazu und der macht sich Sorgen um seine kleinen Töchter.

 

Dass die Kölner Polizei großes Interesse daran hat, Frauen und Mädchen vor sexuellen Übergriffen zu schützen kommt nicht von ungefähr. Seit der Silvesternacht 2015/16 ist klar, dass Köln ein Problem mit sexualisierter Gewalt hat, was auch der Karnevalsauftakt dieses Jahr wieder gezeigt hat (nach dem 11.11. kam es laut nrz.de zu 14 Anzeigen von Sexualdelikten). Doch nicht nur in Köln gibt es derartige Schlagzeilen:  Nach der Vergewaltigung einer 18 jährigen Frau in Freiburg, gab Bernd Rotzinger, Polizeipärsident der Stadt Freiburg, den Rat, Frauen und Mädchen sollten sich nicht mit Alkohol und Drogen wehrlos machen und würden so wachsam bleiben, um sich vor Übergriffen sexualisierter Gewalt zu schützen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Entwickler von WayGuard.

Verhaltenstipps der Kölner Polizei

Die Verhaltenstipps der Kölner Polizei für WayGuard beinhalten Ratschläge wie eine selbstbewusste Haltung und das Aufsuchen öffentlicher, gut besuchter Plätze. Außerdem helfe es, laut auf sich aufmerksam zumachen und auf das Bauchgefühl zu achten. In die gleiche Kategorie gehören nicht nur Ratschläge, wie der von Bernd Rotzinger, sondern auch die Ansagen, Frauen sollten sich nicht so stark schminken und keine kurzen Röcke tragen. Alles schon gehört.

Sexualisierte Gewalt ist ein strukturelles Problem

Natürlich ist das nett gemeint. Trotzdem schürt dieser Ansatz der Gewaltbekämpfung ein riesiges Problem. Wenn wir weiterhin den Opfern sexualisierter Gewalt erklären, wie sie sich vor Übergriffen schützen sollen, wenn wir sogar anbieten sie virtuell nach Hause zu begleiten, damit sie sich sicherer fühlen, dann legitimieren wir gleichzeitig die Übergriffe der Täter*innen. Und das ist schlichtweg falsch. Denn unterm Strich bedeutet das: Übergriffe passieren jederzeit und überall, und es liegt an dir, dich davor zu schützen. Und wenn du einen Fehler machst, dann ist es deine Schuld“. Eine Rape Culture, in der sexualisierte Gewalt Alltag ist und die Schuld den Opfern zugesprochen wird ist kein Raum, in dem sich irgendwer sicher fühlen kann, mit oder ohne WayGuard. Denn eine Sache vergessen die Entwicker*innen von WayGuard: Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt funktioniert nicht, wenn wir uns nicht endlich dazu bekennen, dass es sich hierbei nicht ausschließlich um Taten von Einzelpersonen handelt, sondern um ein strukturelles Problem, dass durch eine große Anzahl gesellschaftlicher Faktoren begünstigt und sogar unterstützt wird.

Die Illusion von Sicherheit

Trotzdem habe ich mich einmal von WayGuard begleiten lassen. Komischerweise kommt das Gefühl von Sicherheit wirklich sofort auf! Die wissen, wo ich bin, denke ich, wenn mir was passiert finden die mich schon. Trotzdem macht mich das traurig. In einer Welt, in der wir nachts nicht alleine nach Hause gehen können – nicht etwa, weil Naturkatastrophen den Heimweg gefährlich gestalten oder wilde Tiere im Wald lauern, sondern weil wir Angst vor unseren Mitmenschen haben -, möchte ich nicht leben. Ich weiß, wir haben noch so viel mehr zu tun, als eine kleine App zu programmieren, die unseren aktuellen Standort verfolgt.

Ein neues Feature für WayGuard

Was glaubt ihr wohl, wie lange wir noch warten müssen, bis eine App auf den Markt kommt, die sich an die potentiellen Täter*innen richtet und einen Katalog zwischenmenschlicher Verhaltensweisen anbietet? Ich hätte hier ein paar Ideen zur Umsetzung im Angebot (vielleicht dient das ja der Prozessbeschleunigung):

  • Du sollst deine Macht nicht demonstrieren, indem du Gewalt gegenüber anderen Menschen ausübst (im Übrigen solltest du das natürlich auch niemals mit anderen Lebewesen machen!)
  • Wenn vor dir nachts eine Person alleine auf der Straße läuft, hilft es dieser oft, wenn du einfach die Straßenseite wechselst
  • Wenn jemand zu dir sagt „Fass mich nicht an“, fass die Person nicht an!
  • Sei im Allgemeinen höflich und respektvoll gegenüber anderen Menschen
  • Wenn du siehst, dass jemand bedrängt, belästigt oder misshandelt wird, greif ein! Nichts ist schlimmer, für die Opfer, als das Wissen darum, dass alle tatenlos zugesehen haben

 

Falls WayGuard ein neues Feature erstellen will, stelle ich ihnen selbstverständlich diese und gerne auch noch viele weitere Verhaltenstipps zur Verfügung. Vielleicht möchten die jeweiligen Polizeipräsident*innen auch mal nachlesen. Und irgendwann können wir dann das Problem da angehen, wo wir etwas bewirken können, nämlich an seinen Wurzeln. Denn die liegen nicht auf dunklen Straßen, sondern in unseren gesellschaftlichen Machtstrukturen.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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