Höher, schneller, weiter: Warum Erfolg nicht messbar ist

Frauen auf einer Bank. Bild: Pexels

15. Oktober. Semesterstart. Ich sitze gemeinsam mit ca. 100 anderen Studierenden im großen Hörsaal meiner Universität. Nach einigem Hin und Her habe ich mich dazu entschlossen, doch noch einen Master zu machen. Ich bin 25. Jung genug für einen Master. Aber wenn ich mich hier so umschaue, dann fühle ich mich schrecklich alt.

Aus Neugierde spreche ich das Mädel neben mir an. Sie ist hübsch, hat lange blonde Haare und eine Brille auf der Nase, die John Lennon neidisch gemacht hätte. „Hey, ich bin Rahel. Das kommt jetzt vielleicht komisch rüber, aber darf ich dich fragen, wie alt du bist?“ Sie lächelt und rückt ihre Brille zurecht. „Hey, ich bin Hannah. Ich bin 21, warum?“ Meine Augenbrauen schießen in die Höhe. „Ach, nur so …“

Meine Güte, ich BIN alt! Zum Glück klopft in diesem Moment unten am Pult eine Dame Mitte 40 auf das Mikrofon und räuspert sich. In wenigen Sekunden ist der ganze Saal still.

„Meine Damen und Herren, ich freue mich, Sie an unserer Universität begrüßen zu dürfen“

Daraufhin folgt eine Rede von ungefähr einer Stunde, in der sie uns erzählt, wie unglaublich glänzend unsere Zukunft sein wird. Das ist natürlich Quatsch. Erstens, weil wir die Klimakrise sehr wahrscheinlich noch mit voller Wucht erleben werden, und zweitens ist das hier ein sozialwissenschaftlicher Studiengang und keine Raketenwissenschaft. Nichtsdestotrotz ist die Dame hellauf begeistert. Voller Elan erzählt sie uns von ihrem Werdegang. Von langen Tagen, 60-Stunden-Wochen und der Energie, die sie in ihren Beruf steckte. Sie berichtet von Praktika und Volontariatsstellen, von Klinkenputzen und Bewerbungen. Nach 30 Minuten schaue ich mich um. Jede*r im Saal scheint an ihren Lippen zu kleben. In den Gesichtern zeichnet sich Ehrfurcht ab, einige machen sich sogar Notizen. Was will man denn da aufschreiben? Ich lasse meinen Blick weiter wandern. Es sind definitiv mehr Frauen als Männer anwesend. Vereinzelt sehe ich Gesichter, die ich auf ca. 30 Jahre schätzen würde, der Rest ist wohl eher Anfang 20.

Kurze Zeit später ist der Vortrag vorbei und angeregtes Geplapper macht sich breit. Hier werden Taschen zusammengepackt, da wird sich auf einen Kaffee verabredet. Nur ich bleibe auf meinem Platz sitzen und werde das Gefühl nicht los, dass da eine Triggerwarnung gefehlt hat. Dass das, was uns hier als so erstrebenswert vorgetragen wurde, vielleicht gar nicht so großartig ist. Zumindest dann nicht, wenn man Wert auf ein Sozialleben und die psychische Gesundheit legt.

Versteht mich nicht falsch, ich bin weit davon entfernt, ein fauler Mensch zu sein. Und allein die Tatsache, dass ich das hier erwähne, zeugt schon von der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Wenn ich für jedes Mal, wenn ich gefragt wurde: „Und was willst du später damit machen?“ einen Euro bekommen hätte, dann würde ich jetzt auch nach Jeff-Bezos-Manier Raketen ins All schießen. Mir wurde die Frage irgendwann zu dumm und so legte ich mir eine Antwort zurecht, die mein Gegenüber effizient abwürgte: „Ich werde mal Trapezkünstlerin im Zirkus. Die ganzen Taxifahrer*innenplätze sind ja schon an die VWL-Student*innen vergeben.“ Grillen zirpen, irgendwo kreischt ein Vogel.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.