AlbumBruderkosmopolitischMusikPolitikReggae

#FragenNachZahlen mit Raggabund: „Was ist dein größtes Laster?“

Die beiden Brüder Caramelo und Paco ziehen derzeit von Festival zu Festival. Dazwischen haben sie sich bei ZEITjUNG einer Runde #FragenNachZahlen gestellt.

Wer schon einige Jahre in der deutschen Reggae-, Hiphop-Szene unterwegs ist, dem dürfte die Band Raggabund schon öfter begegnet sein. Seit über zehn Jahren sind die beiden Brüder Paco und Caramelo im Geschäft, ob als Ensemblemitglied bei Blumentopf, bei Les Babacools oder eben seit 2000 als Reggae-Dancehall-Band. Raggabund ist bekannt für seine kritischen Texte, in denen aktuelle Themen aufgegriffen und musikalisch verarbeitet werden oder aber für ihren breitgefächerten Sound, der sich über sämtliche Genres erstreckt. Ende Mai erschien das vierte Studioalbum von Raggabund „Alles auf Pump“, dass sie derzeit auf vielen Festivals präsentieren. Zwischen ihren Konzerten haben Paco und Caramelo bei ZEITjUNG Halt gemacht und sich einer Runde #FragennachZahlen gestellt.

ZEITjUNG: Euer neues Album ist frisch draußen. Wie läuft es bisher?
Caramelo:
Super, wir haben ganz viel positives Feedback bekommen und sind einfach froh, dass das Baby draußen ist.
Paco: Die Releaseparty in Zürich war Bombe, die Leute sind richtig ausgerastet.

Euer Album ist sehr vielseitig, ihr probiert darauf verschiedene Musikstile aus, viele Alternative. Wie ist es für euch neue Genres auszuprobieren?
Paco
: Es ist großartig, sehr inspirativ. Wir wollen nicht immer gleich klingen, deshalb integrieren wir verschiedene Richtungen, die für uns aber alle unseren Sound ausmachen.

Caramelo: Letzten Endes geht es einfach nur um die Musik. Ein Maler benutzt ja auch nicht immer nur eine Farbe.

Und wie schafft ihr es dann euch treu zu bleiben?
Paco: Es war uns immer wichig, dass die Leute uns wiedererkennen und wir uns textlich treu bleiben – vor allem mit der Message. Wir sind immer positiv und glauben, dass Positivität uns mehr voranbringt als Negativität. Das ist unsere Grundmessage.

Wo wir gerade bei Messages sind: Jeder Song auf dem neuen Album hat ein eigenes Thema. Aber was ist die Hauptaussage?

Caramelo: Wir haben in dem neuen Album viele Sachen verarbeitet: viele Eindrücke aus den vergangenen Jahren und die Entwicklungen, die gerade stattfinden. Deswegen ist dieses Album auch ziemlich politisch. Ich würde sagen, generell geht es gegen Egoismus, gegen Angst, gegen Spalterei, gegen Hetze, gegen Zerstörung und gegen diese Unverantwortung der Zukunft gegenüber. Man sieht einfach, dass viele Probleme in die Zukunft ausgelagert werden, aber man muss sie jetzt angehen. Daher waren wir auch froh, dass wir bei Fridaysforfuture spielen durften. Das ist der Vibe, den wir unterstützen wollen.

Wie war es bei Fridaysforfuture vor so jungen Menschen zu spielen?
Paco: Großartig. Die gehen voll mit, haben Ideale und sind nicht enttäuscht, sondern glauben – das inspiriert uns wahnsinnig.

Ihr habt gesagt, dass das Album sehr politisch ist. Fühlt ihr euch damit manchmal alleine in der Musikbranche? Würdet ihr euch wünschen, dass mehr Musiker Farbe bekennen?
Paco: Jeder, der denkt, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte und gerade jeder, der Migrationshintergrund hat, sollte seine Stimme erheben. Es gibt aktuell einen Rechtsruck, grassierenden Rechtspopulismus in Europa und AfD-Wähler, die plötzlich Deutschland verteidigen wollen. Wenn man sowas sieht, muss man aufstehen und ein Zeichen setzen – zum Beispiel mit Musik. Aber Musik ist nicht immer politisch. Es gibt auch Spaßmusik.

Eine BR Puls-Kritik hat über euch gesagt, dass ihr „Politik in die Dancehall-Gaudi“ gebracht habt.
Paco: Das stimmt wohl. Bei unserem Song Radikala haben sich ein paar Nazis auf Youtube zusammengeschlossen und die ganze Zeit unter unserem Video kommentiert.
Caramelo: Du musst dir mal die Comments reinziehen. Das ist ein richtiger kleiner Nazitreff, der uns den Tod an den Hals wünscht. Aber das zeigt uns auch: Unsere Message ist angekommen.

Für den Song Radikala habt ihr versucht, zu denken wie Radikale. Wie war das für euch?
Paco: Wir haben beide Politik studiert und beschäftigen uns viel mit Rechtsradikalen – das kommt im Song zur Sprache. Aber es geht nicht darum diese zu verstehen, denn das könnte ich nicht. Ich verstehe nicht, wie Leute so dumm sein können und rechten Ideen nachlaufen. Ideen, bei denen es nur um Menschenhass und Inhumanität geht. Das kann ich echt nicht nachvollziehen und dagegen werde ich auch immer meine Stimme erheben und mein Bruder auch.

Caramelo: Wir beschreiben ein Phänomen unserer Zeit: Die Polarisierung der Gesellschaft. Wir haben ein Problem mit Radikalen, das man an der Wurzel anpacken muss – „radikal“ sagt eigentlich alles, das kommt vom Wortstamm radix, von der Wurzel.
Paco: Radikale Probleme brauchen radikale Lösungen. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem Typen, der meinte es sei schön und gut mit den ganzen Kiddies auf der Straße, aber das wird nichts ändern. Er wollte ihre Idee nicht verstehen und zwar, dass man alles von heute auf morgen ändern müsste. Denn im Grunde geht es ja nicht um Umwelt-, sondern um Menschenschutz. Ohne Umweltschutz leiden die Menschen und wenn diese weiter auf dieser Welt leben wollen, dann muss man radikal handeln.

Ich würde gerne noch auf einen anderen Song zu sprechen kommen und zwar „Grenzenlos“. Dieser dreht sich um die Frage „Wann sind wir eigentlich grenzenlos“? Habt ihr darauf eine Antwort gefunden?
Paco: Wenn man träumt, wenn man fühlt, wenn man lebt, wenn man liebt. Das ist grenzenlos. Man muss aber auch sagen: Wir haben hierzulande leicht reden, wir kennen ja eigentlich keine Grenzen. Wenn ich nach Ägypten will, dann fahre ich nach Ägypten. Wenn ich nach Peru will, fahre ich nach Peru. Aber ein Ägypter kann halt nicht so einfach nach Europa oder ein Peruaner in die USA. Aber die Kunst ist natürlich grenzenlos.

Caramelo: Dass es irgendwann keine menschengemachten Grenzen mehr gibt, ist vielleicht eine naive, utopische Sicht, aber auch eine sehr wünschenswerte. Natürlich birgt das auch Probleme, wir sind ja nicht komplett weltfremd. Aber die Kunst erlaubt, dass man etwas utopisch malt oder illustriert, was uns in Zukunft vielleicht wirklich gelingt.

Paco: Grenzenlos ist ein positiver Begriff in einer Zeit, in der Grenzen und Mauern mehr gefordert werden als noch vor 15 Jahren. Die AfD spricht zum Beispiel von einer Festung Europas…
Paco: Und gleichzeitg wird dieses Grenzenlose gefordert und damit haben wir in diesem Song gespielt. In der dritten Strophe heißt es: Wann sind wir die Grenzen los? Wann sind wir grenzenlos und wann sind wir Grenzen los? Wir dachten, die Leute hören den Song und die positiven Worte und merken dann: ja, aber wir haben diese Grenzen überall – ein spannender Widerspruch.

Und wann sind wir die Grenzen los?
Paco: Wenn man sich liebt.
Caramelo: Wenn man sich respektiert, wenn man die Angst voreinander verliert. Und wenn man auch keinen Grund hat, den andern zu fürchten. Wenn wir eine nächste Entwicklunsgstufe erreicht haben. Ich hoffe, dass wir irgendwann Nationalitäten überwinden. Das wäre ein großer Schritt. Die Idee hinter Europa ist so wünschenswert: Länder tun sich zusammen und überwinden Grenzen – schauen wir mal, wohin die Zukunft uns bringt.

#FragenNachZahlen

Folge ZEITjUNG auf Facebook, Twitter und Instagram!

Bildquelle:  (c) Philipp Liebhart.

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren