Und was macht man damit? – Die Gretchenfrage der Geisteswissenschaftler*innen

Viele Geisteswissenschaften-Studis sind die Frage nach ihren Berufsaussichten leid. Bild: Pexels

Jede*r zehnte Studierende ist in einer Geisteswissenschaft eingeschrieben, Tendenz steigend. Nur 2,8 Prozent der Absolvent*innen sind davon arbeitslos gemeldet, das entspricht in etwa dem Durchschnitt aller Akademiker*innen. Trotzdem müssen sich Geisteswissenschaftler*innen regelmäßig mit dem Vorwurf auseinandersetzen, keine wirklichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Besonders deutlich wird das beim Smalltalk mit Halbbekannten. 

Ich selbst studiere Kulturwissenschaft und habe das Phänomen schon oft miterlebt. Egal, ob Familienfeier oder WG-Party, schnell kommt das Thema auf die Berufsausbildung. Schon bei diesem Begriff wird das Dilemma deutlich. Zur Berufsausbildung zählen neben der schulischen Laufbahn genauso eine Lehre, aber auch das Studium. Trotzdem scheint nur eines relevant zu sein für die Ausbildung – der anschließende Beruf. Und so sieht man sich innerhalb weniger Sätze mit der typischen Frage konfrontiert:

„Und was macht man damit?“ 

Diese Frage ist scheinbar wichtiger, als zu wissen, wie es einem gefällt oder ob man schon viel gelernt hat. Als erfolgreich gilt das Studium nur dann, wenn man auch zeitnah in einem vernünftigen Beruf landet. Aber was heißt schon vernünftig? Für den 60-jährigen Onkel auf der Familienfeier heißt das in der Regel, dass er den Beruf kennen muss, am besten also Lehrer, Arzt oder Anwalt. 

Wenn er aber nicht mal etwas mit dem Studiengang anfangen kann, ist das schwierig. Das wahre Interesse des Gegenübers an mir und meiner Berufsausbildung zeigt sich schon zu Beginn des Gesprächs, bei der Nennung des Studienganges. Kaum jemand kennt das Fach „Kulturwissenschaft“, aber nicht jeder fragt nach. Viele versuchen krampfhaft sich ein Bild aus der eigenen, vagen Vorstellung zu konstruieren. Diese geht meistens aber in eine falsche Richtung, sodass ich letztlich als Theaterwissenschaftler oder Museumsdirektor abgestempelt werde. Gibt das Gegenüber aber zu, dass er den Studiengang nicht kennt, steht man vor der Herausforderung, diesen verständlich zu erklären und vor der Frage, in welche Richtung man das Gespräch lenken möchte. Mein Antwortrepertoire reicht von „Es geht darum, wie Menschen zusammenleben“ über „Ziel ist es, Kulturen in ihrer Gesamtheit zu verstehen“ bis hin zu „Es ist ein Verbundstudium aus den drei Fachbereichen Ethnologie, politische Wissenschaft und Medienwissenschaft“. Zwar kann sich mein Onkel nun zumindest so halbwegs etwas darunter vorstellen, was ich seit fünf Semestern mache, was man damit im Leben anstellen soll, ist ihm aber nach wie vor ein Rätsel: „Was macht man denn damit beruflich?“

Überzeugungsarbeit, Halbwahrheiten oder Ironie

Damit steht man vor einem erneuten und dem wichtigsten Scheidepunkt des Gesprächs, denn auch hier habe ich mir über die Jahre verschiedene Antwortmöglichkeiten zurechtgelegt. Zu Beginn meines Studiums habe ich jedem und jeder in aller Ausführlichkeit die Chancen und Potenziale der Kulturwissenschaft und der Geisteswissenschaften allgemein zu erklären versucht. Dass einem alle Türen offenstehen, dass man die Möglichkeit hat, in verschiedenen Branchen zu arbeiten und dass es durchaus auch ein Vorteil sein kann, breit aufgestellt zu sein. Und vor allem, dass man es noch nicht so genau weiß. Damit können Onkel wenig anfangen, so meine Erfahrung.  

Fußballnerd mit Faible für ein gepflegtes Pils, zwischen Dorfkneipe und Strandbar, zwischen Heimatliebe und Reiselust, zwischen Familie und WG, zwischen Döner und Frutti di Mare, zwischen Instagram und Süddeutsche und zwischen Schlager und Deutschrap.