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Genre Guide: Was ist eigentlich Synthie-Pop?

Eine kleine Maschine kann in einem Genre für mächtig Trubel sorgen. Wie der Synthesizer dem Synthie-Pop sein ganz eigenes Gesicht gab, erfahrt ihr hier.

Wenn der Beat in unseren Ohren dröhnt, sich Gänsehaut ankündigt und unsere Füße anfangen zu zappeln, dann möchten wir sie am liebsten auf ewig hören – diese Musik. Aber was hören wir da eigentlich? Unser Genre Guide hilft dir weiter. Alle zwei Wochen erklären wir dir einen anderen Musikstil. Dieses Mal gibt es Synthie-Pop auf die Ohren.

Der 4/4-Takt prescht voran, Gitarre, Bass und Drums vermengen sich zu einem wohlklingenden Ganzen. Auf einmal kommt etwas „Kaltes“ hinzu, das auf den ersten Blick mit den anderen Komponenten kaum vereinbar scheint. Und doch fügt es sich so geschickt ein, dass das Ganze seine Harmonie aufrecht erhält. Die Rede ist vom Synthesizer, der den Pop um sein Subgenre Synthie-Pop bereichert hat.

Synthie-Pop: die Definition

Synthie-Pop ist im Kern reiner Pop. Mit anderen Worten: Eingängige Melodien und bekannte Akkordabfolgen kennzeichnen auch dieses Genre. Denn Popmusik ist Musik, die bei der Masse ankommt, sie ist leicht zu konsumieren und, vereinfacht ausgedrückt, schnell an den Mann (oder die Frau) zu bringen.

Synthie-Pop grenzt sich dadurch von anderen Formen der Musik ab, dass der Synthesizer eine tragende Rolle spielt. Dadurch besitzt das Genre eine gewisse „Kälte“, denn der Synthesizer flößt Pop-Songs etwas Elektronisches und Mechanisches ein. Häufig gibt der Synthesizer in einem Song das Riff bzw. die Hook vor. Ein hervorragendes Beispiel ist hier Sweet Dreams (Are Made of This von Eurhytmics.

Durch seine Wandlungsfähigkeit kann der Synthesizer eine Hook mannigfaltig interpretieren: Sie kann an ein Keyboard, eine E-Gitarre, einen E-Bass oder manchmal auch an ein ganz anderes Instrument erinnern. Auch in puncto Geschwindigkeit ist der Synthesizer nicht auf ein bestimmtes Maß beschränkt, sondern kann einen Song eher schnell (Smalltown Boy von Bronski Beat) oder vergleichsweise langsam begleiten (Big in Japan von Alphaville).

Verwandt und verschwägert

Der Sohn von: Pop

Beste Freundin: Synthwave

Hassliebe: Disco

Der kleine Cousin von: New-Wave

Können sich nicht ausstehen: Klassik

Verwechslungsgefahr mit: Electro Pop

Synthie-Pop: der Ursprung

Synthesizer gab es bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren. Zum Einsatz kamen sie damals bei der Produktion von (Pop-)Musik noch recht selten. Zum einen weil die Technik einfach noch nicht so ausgereift war, zum anderen schlichtweg deshalb, weil sie einfach sehr teuer waren. Als Urväter des Synthie-Pop kann ohne Übertreibung die deutsche Band Kraftwerk genannt werden. Sie experimentierte in den 1970ern mit allerlei Synthesizern und Drum Machines und schuf so Stücke, die elektronisch UND eingängig klangen, wie zum Beispiel Autobahn (1974) und Das Model (1978).

In den 1980ern erlebte der Synthie-Pop dann seine Blütezeit – auch, weil Synthesizer nun zu erschwinglichen Preisen erhältlich waren und die Technik mehr möglich machte. Vor allem in Europa entstand eine regelrechte Synthie-Pop-Welle, wie zahlreiche Hits von Bands wie Depeche Mode, OMD, den Thompson Twins, den Pet Shop Boys und New Order unter Beweis stellten. Dennoch gab es natürlich auch US-amerikanische Bands, die im Synthie-Pop große Erfolge verbuchen konnten, allen voran das Duo Daryl Hall & John Oates.

Interessant hieran: Das Duo kam eigentlich aus einer anderen Nische, war zuvor primär im Soul-Bereich anzusiedeln. Dies untermauert das damalige „Phänomen Synthesizer“: Kaum ein Interpret wollte auf die Maschine verzichten, denn die elektrischen Synthie-Beats waren einfach „neu“ – und das ließ sich nun mal am besten verkaufen. Demnach „synthetisierten“ also viele andere Interpreten, die eigentlich andere Genres verkörperten, ihre Songs in den 1980ern mit Synthesizern. Das war nicht unbedingt „richtiger“ Synthie-Pop, aber eben stark von Synthesizern durchsetzt. Treffende Beispiele hierfür sind zum Beispiel Johnny & Mary (1981) von Robert Palmer, The Way You Make Me Feel (1987) von Michael Jackson und Legs (1983) von ZZ Top.

Synthie-Pop: heute

Eine derartige Synthie-Pop-Begeisterung wie in den 1980ern herrscht heute nicht. Dennoch gibt es einige Bands, deren Musikstil zumindest Elemente des Synthie-Pop in sich trägt, und das nicht bloß als Gimmick, sondern dauerhaft. Bands wie die Neon Trees, The Killers und Alphabeat zeigen sind ohne Zweifel vom Synthie-Pop inspiriert. Vereinzelt gibt es auch Interpreten wie La Roux, deren Musik als genuiner, zeitgemäßer Synthie-Pop bezeichnet werden kann.

Außerdem gibt es crica seit den späten 2000ern eine Musikrichtung namens Synthwave, die als so etwas wie der veritable Nachfolger des Synthie-Pop gilt. Verkürzt formuliert: Synthwave klingt „satter“ als Synthie-Pop aus den 1980ern, weist aber eindeutig Parallelen zu diesem auf. Wer in unserer Playlist in Stücke wie Evolve (2017) von Anoraak oder Neon Lights (2018) von Timecop1983 reinhört, wird dies rasch feststellen.

Synthie-Pop: auf die Ohren, fertig, los

Rupert ist ein Illustrator und Designer aus München. Er arbeitet seit seinem Designstudium als freischaffender Illustrator und Designer, national und international hauptsächlich in der Musikbranche und im Editorial Bereich. Mehr findet ihr unter: www.rupertgruber.com.

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Bildquelle: Rupert Gruber

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