Hassobjekt: Frauen, die sich Mädchen nennen

Frauen-und-Mädchen

Von Franziska Schmalbach

 

Neben mir in der Bar brüllt eine Frau in ihren twenty-somethings ihren Freundinnen zur Begrüßung ein „Hallo Mädels“ entgegen. Dabei ist es offensichtlich besonders wichtig das ä in die Lääääänge zu ziehen. Der aufgescheuchte Määdels-Chor stimmt postwendend gegen den beachtlichen Lärmpegel an und lässt sein bestes „Hey Girl“ zurück klingen. Kein unübliches Szenario, außer vielleicht, dass der Chor fast synchron ist – davon bin ich beeindruckt und will mich gleichzeitig übergeben. Man kennt sie. Die MädchensagerInnen. Ihre Anzahl ist übermächtig, die Dunkelziffer hoch. Und wehe dem, der es wagt, Frauen als Frauen zu bezeichnen, das klingt so erwachsen. Und erwachsen will man ja nicht sein. Warum es so himmelschreiend doof ist, wenn sich Frauen Mädchen nennen:

 

Girls will be Girls

 

Als Frauen bezeichnen sich scheinbar nur noch weibliche Menschen über 60 – wenn überhaupt. Man trifft nicht seine Freundinnen, sondern seine Mädels und nennt das Ganze dann Girls-Night-Out. Cool! Seine Periode haben, ist jetzt Mädchensache und auf dem Mädchenflohmarkt gibt es teure Frauenkleidung und Schmuck und Sekt. Fulminante Anführerin der Mädchen-Sager-Gang ist natürlich Heidi Klum. Ihr schrilles „meine Määdchen“ drangsaliert mein Trommelfell ins Unermessliche. (Man achte auch hier auf die angemessene Vokallänge.) Dabei wissen diese Mädchen doch genau, sich in Szene zu setzen und zu vermarkten und klären uns dabei noch schonungslos über die weibliche Physis auf – gar nicht mal so mädchenmäßig. Aber halt, da geht’s doch um mehr. Es wird jetzt auch die Personality gekürt, klingt auch besser als Persönlichkeit. Das klingt so sperrig. Per definitionem jedenfalls, ist ein Mädchen, ein noch nicht geschlechtsreifes, weibliches Kind oder im veralteten Gebrauch, eine junge Frau, die noch nicht unter der Haube ist. Das süße Wörtchen Mädel ist die Verniedlichung von Magd also Dienstmädchen oder Maid, was so viel wie Jungfrau heißt.

Und ich dachte immer, das wäre gut, dass Frauen jetzt nicht mehr heiraten müssen, um ihren Mädchen-Status loszuwerden. Falsch gedacht: Mit einem einfachen Wechsel des Familienstandes wird man das nicht los, das Mädchen-Image. Will man ja auch gar nicht. Frausein klingt so vernünftig und nach ernst genommen werden. Bäh, soweit kommts noch. Nein, nein, da machen wir uns lieber selbst zu kleinen GirlieGurls. Denn Mädchensein ist en vogue, auch bei Mittdreißigern und erwachsenen Menschen mit RZB und 2ZKB (Romantische Zweierbeziehung und 2 Zimmer-Küche-Bad) und Müttern und Geschäftsfrauen und und und. Die kognitive Fähigkeit, eine Frau von einem Mädchen zu unterscheiden, traue ich allen zu. Warum zur Hölle nennen wir sie dann nicht so?

 

Was wir sagen, beeinflusst, was wir denken

 

Sorry Leute, aber es ist Fakt: Sprache formt die Kategorien, in denen wir die Welt wahrnehmen. Wenn wir uns den Diminutiv um die Ohren hauen, dass es nur so kracht, dann macht das was mit uns. Fremd- und Eigenbezeichnungen schaffen Realität. Welche Worte wir wählen, beeinflusst, wie und was wir denken. Wenn wir erwachsene Frauen also Mädchen nennen, dann nehmen wir sie auch so wahr. Als kleine, süße Wesen, die noch beschützt werden müssen und noch nicht so recht wissen, was gut für sie ist. Die Verniedlichung stellt Frauen in eine unterlegene Position, auch wenn das manchmal unabsichtlich oder unbemerkt passiert. Einer meiner Freunde hatte die Angewohnheit, seine Partnerinnen „mein Mädchen“ zu nennen und das passierte nicht aus böser Absicht.

Trotzdem: Das Weltbild dahinter löst einen beachtlichen Würgereiz aus. Erstaunlich, was für abenteuerliche Gründe Menschen für den Quatsch erfinden, den sie so von sich geben: Man sagt das doch schon immer so, das ist doch nur nett gemeint. Und so ein bisschen niedlich sein, das mag doch jede Frau. Außerdem klingt Mädchen so leicht und frisch und jung und das muss man sein heutzutage. Wer will schon erwachsen sein. Da setzen wir uns mit diesem dämlichen Mädchen-Geschreie lieber selbst in Anführungszeichen. (Achtung Exkurs: Herr – herrlich, Dame – dämlich.) Schön anzusehen ist das nicht, allenfalls verwunderlich und es widerspricht so abenteuerlich allen emanzipatorischen Bewegungen, dass man nur staunen kann.

 

Niedlich sein ist keine Kernkompetenz

 

Ach halt. Man kann ja auch was unter dem Hashtag #riotgrrl posten. Das erinnert immer noch ein bisschen an feministischen 90er-Jahre-Punk und was bewegen wollen. Oder unter #girlpower, das klingt auch nach rebellischem Mädchen. Oder nach Lisa, Britta und Inga aus
Bullerbü, die einen Streich aushecken. Aber ist doch alles ganz wunderbar. Frauen sollen ihre Anliegen ja vortragen und auch dafür einstehen. Nur eben nicht mit ganz so viel Nachdruck und nett aussehen dabei, das wär schön. Dazu kann man dann den neuen Katzenfilter bei Snapchat hernehmen. Den, der so große Augen macht und rosa Wangen und bei dem man aussieht, als wäre man dreieinhalb. Powersüß sozusagen. Big-Bang-Theorie-Star Mayim Bialik schlägt mit ihrem flammenden Video-Plädoyer vor gut zwei Monaten in dieselbe Kerbe: “Wer weiß – wenn wir anfangen, Sprache zu benutzen, die Frauen emporhebt, statt sie mit süßen, kleinen, knuddeligen Dingen gleichzusetzen, vielleicht fangen wir dann auch an, sie als mehr als das zu behandeln.” Süß sein ist leider keine Kernkompetenz, die sonderlich lange anhält.

Macht euch nicht kleiner als ihr seid

 

Übrigens, ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage: Jahrelang habe ich im Serientäterstyle meinen Freundinnen das Mädels-Label aufgedrückt und ignoriert, dass das auf keine einzige zutrifft. Keine von ihnen ist unbedarft oder hängt an Mamas Rockzipfel, wenns hart auf hart kommt. Wir sind eindeutig erwachsen: Wir führen Beziehungen, kämpfen mit stressigen Jobs, sind politisch engagiert, viele haben einen akademischen Abschluss. Wir kennen Geldsorgen und Liebeskummer, wissen, dass Reisen immer geil und scheiße ist.
Manche sind verheiratet und planen eine Familie, andere sind schon wieder geschieden. Wir schließen Freundschaften und mussten manche beenden, manche überstehen Schwangerschaftsabbrüche oder Krankheiten und wir alle wollen ein gleichberechtigtes Leben führen. Aber klar – manchmal nervt es, erwachsen zu sein, manchmal nervt die Verantwortung und die typischen Erwachsenenprobleme hängen krass zum Hals raus. Natürlich sind wir nicht fertig. Wir sind auf der Suche, was und wer wir sein wollen und wie das eigentlich gehen soll mit diesem Leben. Aber dabei müssen wir uns doch nicht kleiner machen, als wir sind. Was hindert uns daran, das alles als Frauen herauszufinden? Scheiß auf Mädchen. Tolle Frauen!