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Hassobjekt: Weihnachtsmarkt

Zwischen Menschenmassen und Bratwurstfett ist die Stimmung alles andere als weihnachtlich. Und dazwischen ich: der Grinch unter den Elfen.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Weihnachtsmärkte.

 

Menschen wärmen sich ihre Hände an einer dampfenden Tasse, ein Kinderchor trällert „Fröhliche Weihnachten“ und der würzige Duft nach heißen Maronen liegt in der Luft. Pärchen schlendern gemütlich von einem Stand zum anderen, Kinderaugen leuchten beim Anblick der weihnachtlichen Leckereien.

 

Dazwischen ich: der Grinch unter den Weihnachtselfen

Zwar habe auch ich einen Glühwein vor mir. Aber die Tasse ist so verdammt heiß, dass ich beim Anfassen Verbrennungen ersten Grades bekomme. Missmutig und durstig lasse ich die Tasse abkühlen. Nach knapp fünf Minuten glüht der Glühwein aber gar nicht mehr. Mit einer Temperatur, die höchstens lauwarm ist, hat er immerhin die optimale Voraussetzung, um ihn in einem Schluck runterzukippen.

Leider hat der Typ neben mir, der sich gerade seinen fünften bestellt, dieselbe Idee. Unverkennbar, denn der halbe Tassen-Inhalt landet irgendwo in seinem Gesicht, der Rest auf meiner Jacke. Schon immer habe ich mir auf meinem hellbraunen Mantel einen großen roten Fleck gewünscht. Endlich geht mein Wunsch in Erfüllung. Danke, lieber Weihnachtsmann! Fällt zum Glück aber gar nicht auf zwischen all den bunten Sprenkeln aus Senf und Ketchup, Bratwurstfett und schokoladigen Fingerabdrücken von Kindern, die dachten, ich wäre ihre Mama. Ist das noch Kunst? Ich bin mir sicher: Das kann weg.

 

Zwischenüberschrift zu Musik

Da der Glühwein auch kalt ganz hervorragend seine Wirkung entfalten kann, begebe ich mich auf Nahrungssuche. Meine Ausbeute: eine Bratwurstsemmel. Wie weihnachtlich. Bei dem Preis frage ich mich doch glatt: Wo bleibt da die Nächstenliebe?! Weihnachtsmärkte sind wohl eher für die Muttis und Vatis gedacht, die ganz gediegen ein Tässchen trinken möchten und den herrlichen Klängen ihrer Kinder lauschen möchten. Die geben auf der Bühne Weihnachtslieder in ihrer ganz eigenen musikalischen Interpretation wieder. Ich höre Töne, von denen ich bislang nicht wusste, dass sie existieren. Und ich hätte auch sehr gut ohne die neue Erkenntnis weiterleben können.

Ich begebe mich zum Wohl meiner Ohren auf die Flucht, weit komme ich allerdings nicht. Denn nach dem achten Kick gegen mein Schienbein und dem dreizehnten Tritt auf den Fuß fällt mir das Laufen erheblich schwerer. Dass das alles aus Versehen war, lindert meine Schmerzen kein bisschen. Nächstes Mal trete ich zurück. Everybody was Kung-Fu fighting. Ich lege eine unfreiwillige Pause vor einem der vielen Buden ein und kann meinen Augen kaum trauen.

 

Weihnachtsmärkte wecken meinen inneren Misanthropen

Da verkaufen sie doch einfach genau das gleiche Zeug wie in den letzten Jahren davor. Gibt es wirklich so einen Ansturm auf Räuchermännchen, Christbaumkugeln und Schlüsselanhänger? Kauft das ernsthaft jemand? Jahr für Jahr? Existiert am Ende eine ganze Lobby hinter Weihnachtsmarkt-Fanartikeln? Wer so etwas schenkt, muss den anderen doch wirklich abgrundtief hassen. Ich beobachte die Massen an Leuten, die sich hier Schritt für Schritt eng aneinander durch die Gassen schieben und verliere langsam meinen Glauben in die Menschheit. Moshpits sind ein Klacks dagegen, die wahre Wall of Death findet hier statt. Und ich stehe mittendrin.

Der Hieb eines fremden Ellbogens in meinen Rücken holt mich aus meinen Gedanken in die Realität zurück. Verständnislos drehe ich mich zu dem Übeltäter um. Hat hier denn niemand Augen im Kopf? Haben alle eine weihnachtlich verklärte Brille auf? Wo auch immer es die zu kaufen gibt, ICH MUSS SIE HABEN.

 

Mein einziger Weihnachtswunsch: Ruhe

Wobei mir weihnachtliche Ohrenschützer im Moment deutlich lieber wären. Mittlerweile singen die Kinder „Stille Nacht“ und ich wünsche mir so sehr, dass sie das bitte (Bitte!) sofort in die Tat umsetzen. Einfach mal Ruhe – das ist gerade mein einziger Weihnachtswunsch. Ich lasse mich unfreiwillig mit den Menschen mitschieben, eine andere Wahl habe ich sowieso nicht. Im letzten Moment biege ich rechtzeitig zum einzig wichtigen Stand auf dem ganzen Weihnachtsmarkt ab: Glühwein. Ich kann absolut verstehen, wieso sich ausgerechnet hier die Leute am dichtesten drängen.

Hier liegt der Ursprung der verklärten, verträumten Blicke, die in Wahrheit einfach der Ausdruck des Suffs sind. Nach zehn Minuten kann auch ich endlich bestellen. Mein letztes Geld gebe ich für meine letzte Rettung her. Und während ich versuche, bloß keinen Tropfen des kostbaren Guts zu verschütten und mir einen Weg aus der Masse zu bahnen, weiche ich geschickt allen Armen und Beinen aus, die sich mir in den Weg stellen. Doch das unvermeidliche passiert: Ein schneller Rempler von links, ich stolpere, versuche meinen Fall zu verhindern. Ein Regen aus Glühwein ergießt sich auf mich.

Ich gehe nach Hause. Fröhliche Weihnachten.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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