ClinchemanzipiertFeminismusPrinzessin

Irgendwo zwischen Emanze und Prinzessin

Wir wehren uns gegen stereotypische Geschlechterbilder, wünschen uns manchmal aber doch den starken Beschützer – ein Clinch.

Freitag, 14. Juni 2019: Ich stehe mit lilafarbenem Bandana über Nase und Mund inmitten einer lilafarbenen Masse vor dem Regierungsgebäude in Bern, Stimme und Faust erhoben. Was die Masse will: die Gleichberechtigung der Frau. Ja, tatsächlich, dafür kämpfen wir immer noch. Punkt 15:24 Uhr legten wir die Arbeit nieder, denn bei 20 Prozent weniger Lohn als die Männer bekommen, würden wir den Rest des Tages gratis arbeiten. Und das machen wir schon viel zu lange. Heute aber strömen 700.000 Menschen durch Berns Straßen, einige mit Trillerpfeifen, einige als übergrosse Tampons verkleidet, einige irgendwo zwischendrin mit Plakat und Achselhaaren.

Ich habe nichts von dem, nur das lilafarbene Bandana. Trotzdem kann ich mich von ganzem Herzen darüber aufregen, dass junge Mütter in die Teilzeitfalle gedrängt werden, dass die Führungsebenen nach wie fucking vor fast nur aus Männern bestehen und Periodenblut in Werbungen immer noch blau ist (der einzig zulässige Grund dafür, wäre mit „blauem Blut“ die innere Königin jeder Frau zu zelebrieren!). Ich will die Gleichberechtigung der Frau. Ich will normative Rollenbilder, toxische Männlichkeit und alles was damit einhergeht, nicht mehr akzeptieren. Da bin ich mir sicher. Doch irgendwo in mir drinnen schlummert auch ein Prinzesschen…

Für ihn ziehe ich schöne Unterwäsche an

Am selben Freitagabend weine ich gerührt, als Jane in „27 Dresses“ von ihrem Vater zum Altar geführt und dem schnuckeligen Kevin übergeben wird. Ich stelle mir mich vor mit meinem Papa und meinem zukünftigen Ehemann. Mein Mann ist groß und stark, hat breite Schultern und beschützt mich. Er nimmt mir liebevoll das Marmeladenglas aus der Hand, baut mein neues IKEA-Regal zusammen und drückt mir demonstrativ einen Kuss auf die Lippen, wenn mich ein Kumpel zu lange ansieht. Für ihn ziehe ich Reizunterwäsche an und für ihn habe ich auch keine Achselhaare. Denn ich bin seine Prinzessin. Und ich liebe es und er auch.

Wer das allerdings zum abkotzen findet, ist die Seite in mir, die das lilafarbenen Bandana trägt. Ihr passt das gar nicht in den Kram, dass Dornröschen Aurora auf den Kuss der wahren Liebe wartet und dafür nur faul rumliegt und hübsch aussieht. Sie krempelt sich dann seufzend die Ärmel hoch, packt Aurora bei den Schultern und will ihr die Röschen und anderen Flausen aus dem Kopf schütteln. Die zieht aber meistens nur ein beleidigtes Zuckerschnütchen und steckt sich die Gänseblümchen zurück in die Haare. Ich befinde mich offiziell im Clinch zwischen Emanze und Prinzessin.

In meinem Umfeld nehme ich wahr, dass es vielen so geht. Aber nicht nur da. Jedes Jahr werden unzählige Rom-Coms produziert, mit seichter Liebesgeschichte und meist sehr traditionellen Rollenbilder. Unter dem Deckmantel des „Guilty Pleasure“ verziehen wir uns mit Eis und Kuscheldecke ins Bett und wünschen uns einen Edward Lewis. Und im nächsten Moment finanzielle Unabhängigkeit. Dann zappen wir weiter zu „Fifty shades of grey“ und merken, dass wir schon echt Bock hätten, uns im Bett dominieren zu lassen (laut einer kanadischen Studie wollen das 65 Prozent der Frauen). Und im nächsten Moment schämen wir uns ein bisschen dafür.

Schluss mit Schubladendenken

Aber ich denke tatsächlich, dass die eine die andere nicht ausschließt. Im Grunde ergänzen sich meine innere Emanze und Prinzessin sogar. Ich erkenne zwei Dinge: Erstens, ich will mich weiblich fühlen, auf die Weise, die für mich stimmt. Mein Feminismus darf und soll für mich beide Seiten beinhalten – die starke, emanzipierte Frau und das kleine, hübsche Mädchen, dessen Weiblichkeit tatsächlich sehr traditionell geprägt ist. Ich will mich weiblich fühlen und manchmal ziehe ich aus eben diesen Prinzesschen-Eigenschaften meine Weiblichkeit. Weil es sich gut anfühlt. Weil ich ja genau weiß, dass ich auch stark sein und meine Marmeladengläser selber aufmachen könnte. Aber es ist meine bewusste Entscheidung, es zuzulassen und zu genießen, wenn ein Mann mir das Glas aus der Hand nehmen will. Das macht mich selbstbestimmt und das passt der im lilafarbenen Bandana ganz gut. Vielleicht könnte ich sogar sagen, ich entscheide mit ihrer Stärke und ihrem Selbstbewusstsein, damit sich die Prinzessin ohne schlechtes Gewissen hingeben kann?

Zweitens, sind das doch einfach menschliche Bedürfnisse. Ich will die beiden Seiten unbedingt genderfrei ansehen. Mit der Abwendung von Geschlechternormen und binären Stereotypen wäre mein Clinch doch hinfällig. Ich befürchte, dass Feminismus genauso zur Schublade wurde wie die, die er bekämpft. Denn weder eine Feministin hat immer genau so und so zu sein, noch ein Prinzesschen, noch ein Mädchen oder ein Junge oder oder. Mal will ich von starken Armen getragen werden, mal will sich mein Mann in meinen Schoss kuscheln und weinen, mal trage ich meine Freundin auf Händen, mal sie mich. Ich will mir nach wie vor helfen lassen, wenn mir danach ist, so wie ich auch einen Stuhl heranziehen würde, um dem Typen den Nutella-Topf vom obersten Regal runterzufischen. Aus dieser Wechselseitigkeit in Beziehungen (und generell!) ziehen wir doch letztendlich gesundes Gleichgewicht.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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