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Liebeserklärung an: Omas Weihnachtsplätzchen

Niemand außer Oma verstreicht die Marmelade zwischen zwei Keksen mit so viel Liebe und geht so verschwenderisch mit Schoko-Streuseln um.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

 

Liebe Weihnachtsplätzchen,

wo ihr seid, bin ich nicht weit. Danke, dass ihr meine Weihnachtsstimmung mehr weckt als es „Last Christmas“ je schaffen wird. Ihr seid es schließlich, denen ich jedes Jahr aufs Neue mein Herz gebe – und ich bin mir sicher, ihr würdet es nie am nächsten Tag weggeben. Eine Liebe fürs Leben. Aber der Grund, weshalb ich euch am meisten schätze: Ihr seid meine letzte Rettung auf unendlichen Weihnachtsfeiern, die nicht mal mit genügend Glühwein erträglich wären.

Pünktlich zum ersten Adventswochenende komme ich seit langem einmal wieder zu meiner Familie nach Hause. Verwandtschaftsbesuch, gruselig. Auf nervige Fragen habe ich mich schon eingestellt: Wie läuft dein Studium? Hast du endlich einen Freund? Wieso bist du immer so müde? Antworten darauf habe ich bis heute nicht gefunden. Der einzige Lichtblick: Oma hat gebacken. Ihre Rezepte weiß sie auswendig und die geheime Formel hat sie seit Jahren nicht geändert. Wozu auch?

Niemand kann aus so einfachen Zutaten wie Haselnüssen, Butter, Mehl und Vanille großartigere Kunstwerke entstehen lassen als sie. Keine Weihnachtsbäckerei verstreicht die Marmelade zwischen zwei Keksen mit so viel Liebe oder geht so verschwenderisch mit Schoko-Streuseln um. Meine Oma ist eine Fee im Wunderland des Gebäcks, der Mixer ist ihr Zauberstab. Im Nu entstehen so luftig-zarte Köstlichkeiten, die jeden auf Lebenszeit verzaubern. Ein Plätzchen aus dem Laden könnte da nie mithalten.

 

Das Glück liegt zwischen Förmchen, Teig und Backblech

 

Schon als ich die Haustür aufsperre, strömt es mir entgegen: Vanille, Mandeln und Puderzucker. Der weihnachtliche Duft meiner Kindheit. Ich atme tief ein und fühle mich sofort wie vor 15 Jahren in der Küche meiner Großeltern. Ein richtiger Nostalgie-Flash.

Es gab für mich nichts schöneres als den Teig zu kneten und ihn mit viel Mehl, aber wenig Geschick auszurollen. Jedes Adventswochenende habe ich die Wohnung meiner Großeltern in ein Schlachtfeld aus Marmelade, Mehl und Kokosflocken verwandelt. Schüsseln stapeln sich, der Mixer läuft auf Hochtouren. Mit klebrigen Händen steche ich den hundertsten Tannenbaum aus dem Teig. Und lege ihn neben die anderen hundert Rentiere und Sterne. Im Hintergrund tönen Weihnachtslieder aus dem alten, krachenden Radio. Ich konnte zwar damals noch kein Englisch, summe aber gemeinsam mit meiner Oma fröhlich mit. Die schimpft mich gelegentlich, weil ich mehr Teig nasche als ich mit Förmchen aussteche. Trotzdem hindert mich das nicht, das ein oder andere rohe Plätzchen in meinen Mund wandern zu lassen.

Ich atme aus.

 

Einziger Ausweg: Flucht ins Plätzchen-Paradies

 

Und stehe daheim im Flur. Es riecht zwar immer noch wundervoll nach selbstgebackenen Leckereien, dazu kommt aber das unüberhörbare Geschrei meiner Familie. Noch wäre Zeit umzudrehen, noch hat mich keiner bemerkt – doch der Gedanke an die herrlichen Vanillekipferl lässt mich schwach werden. Ich kann nicht widerstehen. Mit einem mutigen Schritt betrete ich das Wohnzimmer, rufe Hallo! Und stürze fast fluchtartig in Richtung Küche.

Dort ist meine Rettung: Eine größere Auswahl an Weihnachtsplätzchen als in allen Bäckereien meiner Heimatstadt zusammen. Und sie warten nur auf mich. Ich bin im Himmel und schwebe auf einer Puderzuckerwolke auf mit Lebkuchen gepflasterten Straßen. Vorbei fliege ich an Nougat-Flüssen, in denen Mandeln wie Fische schwimmen. Die Rosinen funkeln wie Diamanten und hinter dem Stollen-Gebirge geht gerade die Erdbeermarmeladen-Sonne unter. Verführerisch liegen sie alle vor mir und ich kann mich nicht zurückhalten. 50 Plätzchen entsprechen schließlich einer vollwertigen Mahlzeit. Oder so ähnlich.

 

Dank euch gibt es keinen Weihnachtsstress

 

Ich bewaffne mich mit einem Teller und kehre mit unzähligen Lebkuchen, Kipferln und Kokosmakronen zurück. Jetzt bin ich vorbereitet: Jedem, der mich etwas über mein Studium oder mein Liebesleben fragen will, schiebe ich einfach schnell ein Plätzchen in den Mund. Eines bekommt Opa, eins die Tante und zwei meine Cousinen. Das Spiel kann ich ewig spielen, ich habe jahrelange Übung und beherrsche es perfekt. Zum Glück bin ich nicht die einzige, die Omas Weihnachtsgebäck verfallen ist.

Vorerst sind alle still. Eine angenehme Stimmung erfüllt den Raum. Mit größtmöglicher Sorgfalt suche ich mir den dicksten Lebkuchen, der auf dem Teller übrig geblieben ist – und beiße genussvoll hinein. Für kurze Zeit bin ich weit weg von Familienstreits und Uni-Stress.

Jetzt ist Weihnachten. Dank euch, liebe Plätzchen. Und mit einer Tasse Glühwein wird mir dann auch endlich mal warm ums Herz. Ich lächle meine Oma an, sie zwinkert mir nur verschwörerisch zu.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

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