Mobbing: „Er sagte: ‚Ich könnte dir jetzt ganz leicht das Genick brechen.'“

Mobbing Gesellschaft Depression Schmerz

Viele können es sich nicht vorstellen, was für Qualen Menschen durchleben, die von ihren Mitschülern, Kommilitonen oder Arbeitskollegen gemobbt werden. Meist sind sie rein zufällige Opfer, die (nicht unbedingt) ein wenig stiller, ein wenig anders sind als die Anderen – und sich damit als perfekte Zielscheibe für die Angreifer eignen, die ihre eigenen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten auf perverse und niedere Art kaschieren wollen. Tagein tagaus müssen sie physische und psychische Misshandlungen über sich ergehen lassen. Manchmal finden sie anfangs noch die Kraft, sich dagegen zu wehren. Aber wenn die Kraft und das Selbstvertrauen irgendwann in die Knie gezwungen und enthauptet wurden, fügen sie sich ihrem Schicksal und akzeptieren das vollkommen aus der Luft und zufällig gewählte Stigma, dass irgendetwas nicht mit ihnen stimmt. Das Mobbing hört irgendwann auf. Die Selbstzweifel, schwere Depressionen und Bindungsängste bleiben. Wenn die Betroffenen diesen Albtraum überhaupt überleben.

ZEITjUNG hat mit fünf Menschen gesprochen, die dieses Martyrium über lange Zeit am eignen Körper erfahren mussten.

 

  • Mobbing Gesellschaft Depression Schmerz

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    Ben, 19

    Wegen jahrelangen Mobbings an der Schule habe ich in meinem Leben viel eingebüßt. Mein Selbstbewusstsein wurde dadurch zerstört und es hat Jahre und Unmengen an Energie gebraucht, um auch nur einen Teil davon wieder aufzubauen. Ich wurde fast täglich erniedrigt und beleidigt. Egal was ich tat, meine Mobber fanden immer einen Weg, mir daraus einen Strick zu drehen. Ich habe mich für meinen Körper geschämt, weil ich als fett beleidigt wurde. Ich habe mich überhaupt nicht um meinen Kleidungsstil gekümmert. Hauptsache es war weit genug, um meine Fettpolster zu verstecken. Und das vermutlich Schlimmste war, dass ich jahrelang meine Homosexualität verleugnet habe, weil »schwul« ja ein Schimpfwort war. Ich habe mir selbst eingeredet, ich sei hetero, also »normal«, damit ich nicht noch mehr gemobbt werde. Und bei dem verzweifelten Versuch mich anzupassen, um den Erniedrigungen zu entgehen, habe ich sogar selbst »schwul« als Beleidigung benutzt. Und dafür habe ich mich dann wiederum geschämt. Ich bekam auch Depressionen und fand, dass ich nichts wert war und dass ich keine Liebe verdiene. Daraus konnte ich mich nur schwer befreien. Meine beste Freundin und Social Media haben mir dabei geholfen, denn da wurde mir endlich Verständnis entgegengebracht. Denn wenn ich versucht habe, mich zu wehren, war ich in den Augen der Leher viel zu oft selbst Schuld. ICH habe den Unterricht gestört. ICH habe den anderen weh getan. Dabei wollte ich einfach einen ruhigen Schultag erleben und im Unterricht mitmachen, was aber dank Mobbing nicht ging. Das alles hat erst geendet, nachdem ich nach der 10. Klasse die Schule gewechselt habe. Noch heute trage ich seelische Narben und diese schlimmen Erinnerungen mit mir herum. Wir alle müssen lernen, Mobbing zu erkennen und den Opfern zuzuhören. Insbesondere Lehrer und Eltern.

    Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz