Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Schweigen ist nicht immer Gold. Bild: Pexels

Ein kleines Gedankenspiel zu Beginn: Stellt euch vor, ihr steht in einer Gruppe von fünf Menschen. Das Gespräch ist angeregt. Es geht um die Corona-Impfung. Und mit der Zeit fällt euch auf, dass ihr der*die Einzige seid, der*die sich hat impfen lassen. Die anderen vier sind heftige Impfgegner. Was tut ihr?

Wenn ihr ein bisschen seid wie ich, dann werdet ihr zunächst versuchen, eure Meinung miteinzubringen. Ihr werdet den Versuch unternehmen, gegenzuhalten, nur um in eine heftige, emotionale Debatte zu geraten. Und mit der Zeit werdet ihr euch denken: „Ach, was soll’s! Ich weiß doch, dass ich im Recht bin“, und das Gespräch verlassen. Das ist okay, schließlich schützt ihr euch nur. Die anderen haben euch nicht umgestimmt, aber ihr sie auch nicht.

Doch was, wenn die Situation andersherum ist? Glaubt ihr, man hätte den einzelnen Impfgegner umstimmen können? Sehr wahrscheinlich nicht. Man hat ihn nur ausgegrenzt.

Das Phänomen, was ihr hier gerade erlebt habt, nennt sich Schweigespirale.

Eine Meinungsforscherin mit dem Namen Elisabeth Noelle-Neumann hat die Theorie in den 1970er Jahren entwickelt. Bei der Schweigespirale geht es darum, dass die Bereitschaft der Meinungsäußerung in großen Teilen davon abhängt, wie das Meinungsklima eingeschätzt wird. Also davon, ob ihr glaubt, dass euer Umfeld eure Meinung teilt oder nicht. Man kann das Prinzip immer wieder schön auf Familienfeiern betrachten. Während ihr mit euren Freund*innen vielleicht völlig problemlos und offen über Feminismus und Veganismus diskutiert, werdet ihr euch bei Oma Erna eher zurückhalten. Niemand hat Lust auf Diskussionen unterm Weihnachtsbaum.

Dabei kommt es sehr stark darauf an, wie weit die Meinungen auseinanderliegen. Je näher man einem möglichen Kompromiss ist, umso eher unternimmt man doch mal einen Versuch, das Gegenüber umzustimmen. Liegen die Ansichten und Emotionen aber absurd weit auseinander, wird das Thema zum Tabu. Familiengespräche fühlen sich so schnell an wie ein Tanz auf heißen Kohlen.

Das Ding mit den Sozialen Medien

Wer sich nun denkt: „Verdammt, das kommt mir doch bekannt vor“, der ist sicher viel auf Social Media unterwegs. Denn auch hier greift die Schweigespirale. Nur hat sie in den Sozialen Medien einen anderen Namen. Hier nennen wir sie Bubbles. Und der Algorithmus unterstützt die Schweigespirale sogar. Denn um Geld mit unseren Daten verdienen zu können, wollen die Macher von Instagram, Facebook und Co. natürlich, dass wir uns so lange wie möglich auf ihren Plattformen aufhalten. Dementsprechend zeigen sie uns Dinge, die uns interessieren. Würde uns auf Facebook ständig jemand anschreien und uns sagen, dass das, was wir äußern, dämlich ist, dann würden wir die App wohl ganz schnell wieder löschen. Doof für Mark Zuckerberg.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.