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Hello silence, my best friend! Ein Plädoyer für die Stille

Wir heißen jede lärmende Ablenkung freudig willkommen, um bloß nicht allein oder gar gelangweilt zu sein. Dabei ist die Stille lebenswichtig für unser Gehirn.

Früher setzten sich Studenten in all ihre Vorlesungen, um brav den endlosen Vorträgen ihrer Professoren zu lauschen und hatten dabei nicht mal ein rettendes Smartphone in der Tasche. Wie war das nur möglich?! Heutzutage rasten wir ja schon aus, wenn wir vor einem YouTube-Video die Werbung nicht wegskippen können – da erscheint der Gedanke stundenlang unserem Dozenten beim Schwadronieren zuhören zu müssen, schier unvorstellbar.

 

Jede Ablenkung wird mit freudigem Jubelgeschrei begrüßt

 

Tatsächlich ist uns nichts ein solcher Dorn im Auge wie das Nichtstun selbstdie Langeweile. Wir würden alles tun, um jenen tödlichen, unausgefüllten Stunden zu entgehen: Ein Fernsehabend funktioniert nicht ohne „second screen“,  die zehnminütige Ubahn-Fahrt halten wir nur mit unserer liebsten Lieblingsmusik durch – und zwar aufgedreht bis zum Anschlag. Manchmal scheint es, als bräuchten wir die ständige Ablenkung von der Ablenkung, um die ohrenbetäubende Ruhe in unserem Inneren zu übertönen.

Denn der Gedanke, in leisen, kostbaren Momenten der Stille ein paar Minuten mit uns selbst verbringen zu müssen, jagt uns Angst ein. Und deshalb versuchen wir das um jeden Preis zu verhindern. Das ist traurig, vor allem aber paradox. Schließlich sollte die Stille in dieser unübersichtlichen, gehetzten und vor allem lärmenden Welt einer unserer letzten Fixpunkte sein.

 

Slow down, brother

 

„Slow down, brother“ sang deshalb auch der Niederländer Douwe Bob beim diesjährigen ESC und machte zur Verdeutlichung seiner Aussage sogar eine kleine Kunstpause auf der Bühne. Unglaublich, wie befremdlich eine kurze Pause mittlerweile wirken kann. Dabei sind ein paar Minuten der Stille genau das, was wir alle dringend brauchen.

Denn zahlreiche Studien beweisen, dass Stille nicht nur beruhigt, sondern auch unsere Gehirnfunktion stärkt. Erst im Jahr 2013 machten Forscher eine erstaunliche Entdeckung, als sie Mäuse untersuchten: Sie bemerkten, dass sich in ihren Gehirnen während der absoluten Stille neue Zellen im Hippocampus bildeten.

Der Hippocampus ist der Teil unseres Denkorgans, der unter anderem für unser Erinnerungsvermögen und unser Lernverhalten zuständig ist. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass sich die neu gebildeten Zellen tatsächlich als funktionale Neuronen entpuppten: „Die neuen Zellen integrierten sich einwandfrei in das System.“, erklärte das Teammitglied Imke Kirste.

Eine im Jahr 2001 durchgeführte Studie bestätigt, dass auch das menschliche Gehirn Informationen im Ruhestand besser verinnerlichen und auch verarbeiten kann. Ohne Lärmeinflüsse von außen fällt es unserem Verstand viel leichter, inhaltsschwere Themen zu begreifen: „Alles Tiefgründige und Emotionale wird von der Stille geleitet.“ schrieb schon der amerikanische Schriftsteller Herman Melville. Das zeigt auch eine weitere Studie, die im Journal “Heart” veröffentlicht wurde.

Die Wissenschaftler maßen Blutzirkulation und -druck ihrer Versuchspersonen, während diese sich einmal zwei Minuten lang in vollkommener Stille und einmal mit entspannter Hintergrundmusik ausruhen sollten. Die Ergebnisse beweisen, dass sich die Probanden in den Momenten absoluter Ruhe sogar noch besser erholen konnten.

 

Lärm ist Gift für den Körper

 

Nervtötende Geräuschkulissen sind dagegen Gift für unsere Körper, die bei jeder Art von lärmendem Einfluss sofort Stresshormone ausschütten. Selbst wenn wir schlafen, reagieren wir dementsprechend auf jedes noch so geringe, akustische Signal. Deshalb weisen vor allem Leute, die in einer konstant geräuschvollen Umgebung leben, ein erhöhtes Stresslevel auf. Chronischer Lärm kann außerdem aggressiv machen, in Depressionen münden oder sich aufs Herz-Kreislauf-System auswirken. Besonders in der Schule oder im Büro ist eine ständige Geräuschkulisse verheerend: Die Motivation sinkt, während die Fehlerquote steigt. Der Lärm beeinträchtigt vor allem unsere Konzentration beim Lesen und unser Erinnerungsvermögen.

Auch wenn wir niemals geglaubt hätten, dass man vom ESC tatsächlich noch was lernen kann – vielleicht sollten wir Douwe Bobs gesanglichen Ratschlag wirklich verinnerlichen. Ein bisschen runterkommen und absolute quality time mit „me, myself and I“ genießen, würde nämlich niemandem von uns schaden.

 

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Bildquelle: Stefan Stefancik unter CC0 Lizenz

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