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Thomas, 20, engagiert sich in einer neu-gegründeten Partei

„Mich stören die Menschen, die sich nie mit Politik auseinandersetzen, dann aber nach einer politischen Entscheidung laut rumheulen.“

Politik – Ein Thema, das gerade in unserer Generation häufiger auf taube Ohren stößt. Ich kenne kaum jemanden, der in seinen 20ern noch ein Abonnement einer Tageszeitung hat oder sich regelmäßig über politische Debatten informiert. Stattdessen pochen alle lieber anonym im Internet auf ihre unreflektierte Meinung und wollen viel zu häufig nicht einsehen, dass Demokratie nicht ganz so funktioniert, wie sie es gerne hätten.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Junge, engagierte Menschen, die Vertrauen in die Demokratie haben und etwas verändern wollen. Thomas ist einer von ihnen. Der Zwanzigjährige war im ZEITjUNG-Büro zu Besuch, um mit uns über sein politisches Interesse, Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und seinen möglichen Karriere-Weg bei einer Partei zu sprechen. Denn Thomas ist nicht wie die meisten seiner Altersklasse. Er ist Beamtenanwärter, setzt sich in seiner Freizeit für Geflüchtete ein und ist Teil der neu gegründeten mut-Partei in Bayern.

 

mut – Die brandneue Partei in Bayern

 

Im März 2017 verlies Claudia Stamm zunächst die Grünen, für die sie seit 2009 im bayrischen Landtag saß und gründete anschließend ihre eigene Partei. Ihr Ziel: Mut zurück in die bayrische Politik zu bringen. Und eben diese mutige Frau war einer der Hauptgründe für Thomas, der Partei beizutreten. Bei einer Demonstration vor dem Abschiebegefängnis in Mühldorf lernten sich die beiden kennen. Claudia erzählt ihm von ihren Plänen und Thomas war sofort begeistert: „Ich habe von Anfang an gemerkt – Das könnte etwas sein, wo ich ein bisschen mitmischen kann.“ Dieses Interesse an der Politik war aber auch neu für Thomas. Denn auch wenn sich der junge Mann schon seit einiger Zeit im sozialen Bereich für andere einsetzt, wirklich fasziniert von Politik war auch er eher weniger. Das habe sich nach einigen Gesprächen mit Claudia aber geändert. Doch die Politikerin war nicht der einzige Grund für sein Engagement. „Ich habe gemerkt, dass unser Land immer mehr auf die rechte Spur kommt und auch die christlich-sozialen Werte, vor allem in der Asylpolitik, nicht mehr anerkannt werden.“ Auch sein Ersatz-Vater, Bruder Jeremias, war ein ausschlaggebender Punkt, den Schritt in die Politik zu wagen.

 

Die perfekte Startrampe für ein Politiker-Dasein

 

Erstmalig für die Partei unterwegs war Thomas mit einer Laufgruppe beim Christopher Street Day im letzten Jahr. Seither ist er immer wieder auf Stammtischen, Vorträgen und an Info-Ständen zu finden. Auch in der Mitglieder-Betreuung ist Thomas für mut tätig und seine Samstage opfert er weiterhin freiwillig dem Flüchtlingsbüro. Eine politische Karriere in einer kleinen, neu gegründeten Partei zu starten ist riskant, denn eben diese kleinen Parteien verschwinden häufig schnell wieder von der Bildfläche. Das weiß auch Thomas. Dennoch hält er die mut Partei für die richtige Startrampe. Schließlich sei die Bekanntheit und Präsenz der Partei in Bayern ja schon sehr groß. „Die Zukunft einer Partei ist immer unklar“, erklärt er. Aber die Gründungsmitglieder, Claudia Stamm und der Soziologe und Autor Stephan Lessenich, böten ein starkes Grundgerüst, auf das man gut aufbauen könne. „Hoffentlich kommt dann bald wieder ein bisschen Menschlichkeit in die bayrische Politik.“

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Während das Leben anderer Zwanzigjähriger häufig durch Alkoholexzesse, Netflix und Tinder gezeichnet ist, sieht es bei Thomas eher strukturiert aus. „Ich will mich jetzt nicht in die Streber-Ecke stellen,“ sagt er und grinst. „Ich gehe schon ab und zu feiern, aber dann eher in Bars. Disco taugt mir nicht so, ich sitze lieber mit Freunden zusammen.“ Vielleicht ist das aber auch besser so. Schließlich will der Zwanzigjährige in der Politik Karriere machen. „Es ist angedacht, dass ich zur Landtagswahl für die Partei mut kandidiere“, erzählt er uns stolz. Er findet es toll, Teil einer kleinen Partei zu sein. „Hier gibt es flache Hierarchien und viel Feedback. Ich denke, es ist ein guter Start als Politiker.“ Bei mut ist jede Meinung wichtig und wird gehört. Das betont er immer wieder. Auf Stammtischen werde über verschiedenste politische Anliegen diskutiert und auch das Wahlprogramm werde in den kommenden Wochen gemeinschaftlich aufgesetzt.

 

Weg von Vorurteilen, hin zu menschlicher Politik

 

Trotzdem sind junge Mitglieder wie Thomas immer noch die Ausnahme in der Partei. Anfangs war Thomas einer der Jüngsten. Mittlerweile wird es besser. „Unser jüngstes Mitglied ist 14 Jahre alt. Das zeigt, dass Politik wirklich alle etwas angeht.“ Auch sein Freundeskreis ist interessiert an Thomas‘ neuer Leidenschaft. Immer mal wieder diskutiert er mit ihnen über die Asylpolitik oder erklärt, wie das Parteigeschäft läuft. Doch selbst hier gibt es Leute, deren politisches Interesse auch er nicht wecken kann. Verstehen kann er das nicht wirklich. „Mich stören die Menschen, die sich nie mit Politik auseinandersetzen, dann aber nach einer politischen Entscheidung laut rumheulen.“

Aber genau diese Menschen, die meist voller Vorurteile und recht unreflektiert gegen die Politik hetzen, möchte Thomas durch Stammtische und Gespräche abholen. Bayern hat es laut ihm besonders nötig. Denn das Bundesland hat nicht nur eine sehr ausgeprägte rechte Szene, sondern auch seit Ewigkeiten einen Sonder-Status – in der Politik, wie in der Gesellschaft. „Gerade auf dem Land merkt man das deutlich“, meint Thomas. Dagegen will mut ankämpfen. „Ich habe schon mit Flüchtlingen gesprochen, die in ihrem Dorf keinerlei Kontakt zu Deutschen haben.“ In Bayern wird gern erst mal alles Neue abgelehnt, doch wenn man Ahmed oder Sama erst mal kennengelernt hat, engagiert man sich gern für sie. Dafür steht mut: Mehr Menschlichkeit und den Kampf für die Menschenwürde. Weg von Vorurteilen, hin zu menschlicher Politik. Das sind auch die wichtigsten Punkte für Thomas. Er will sich für soziale Gerechtigkeit, eine menschenwürdige Asylpolitik und die Inklusion von Homosexuellen, Flüchtlingen und Menschen mit Behinderung einsetzen.

Ob seine Kandidatur für den Landtag allerdings erfolgreich ausgehen wird, weiß Thomas nicht. Am liebsten würde er sich in seinem Heimatort Straubing zur Wahl aufstellen lassen. „Das wird aber schwierig, weil es für eine neue Partei immer schwierig in den ländlicheren Regionen ist.“ Vielleicht schafft die mut Partei es aber bis zur Landtagswahl am 14. Oktober noch viele neue Mitglieder zu motivieren. Thomas ist jedenfalls zuversichtlich und freut sich auf die neuen Erfahrungen, die auf ihn zukommen.

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