Warum wir ohne Begriffe wie „Frühaufsteher*in“ oder „Langschläfer*in“ besser drauf wären

Während des Studiums machen einige Menschen viele verschiedene Morgen-Phasen durch. Eine Zeit lang steht man immer früh auf und versucht, möglichst lang zu lernen. Dann gibt es Phasen, man erst am späten Vormittag aufsteht und erst nachmittags in die Bibliothek aufkreuzt.

Bei mir kam das auch während der Prüfungsphase vor. Meine Freund*innen machten sich dann oft über meine Inkonsequenz lustig: Das sei typisch für mich, so spät aufzutauchen. Als dann die Prüfungsphase vorbei war und die Semesterferien anfingen, war es dann in Ordnung, länger zu schlafen.

Meine Mitstudierende hatten irgendwo recht. Sie folgten der Annahme, die unter Student*innen sehr verbreitet ist: Je früher du da bist, desto mehr Zeit hast du zum Lernen. Demnach sind also Frühausteher besser dran. Meiner Meinung nach ist dieser Gedanke irreführend, druckaufbauend und teilweise ungesund. Seine Wurzeln liegen in der weitverbreiteten Kategorisierung der „Frühaufsteher“ und „Langschläfer“, die auch das Berufsleben prägt.

Bei vielen Menschen beginnt der Leistungsdruck schon genau hier: beim Frühaufstehenmüssen. Wenn mich jemand als „Frühaufsteherin“ oder „Langschläferin“ einschätzt, verspüre ich den Druck, dem Urteil gerecht zu werden. Das ist vollkommen unnötiger Druck, der im Endeffekt niemandem was bringt. Deshalb finde ich, dass wir versuchen sollten, uns von diesen Ansichten zu trennen.

Die falsche Korrelation mit der Produktivität

Seitdem ich denken kann, gibt es eine solche Aufteilung in Frühaufsteher*innen und Langschläfer*innen. Diese Kategorisierung mag zwar beschreibend wirken – es gibt Menschen, die früh aufstehen und Menschen, die spät aufstehen – doch es schwingen auch Bewertungen und Stereotype mit.

Als wäre jemand, der immer früh aufsteht, automatisch produktiv und fleißig. Ein Mensch, der jeden Tag maximal ausnutzt, um wichtige Dinge zu erledigen. Ein Mensch, der morgens schon joggen war, eine healthy Bowl zum Frühstück hatte und jede Morgenvorlesung besucht.

Ausgeschlagen und glücklich
Wer ausschläft ist nicht unbedingt faul.

Der „Langschläfer“ gehört dieser Logik folgend zum Rest. Er*Sie gehört dann per Ausschlussprinzip der Gruppe der Faulen an. Das sind unproduktive Menschen, die den ganzen Tag eine Jogginghose tragen. Ohne vorher joggen gewesen zu sein. Die sogenannten „Morgenmuffel“, die nichts Signifikantes auf die Reihe kriegen (So schauen übrigens viele meiner Wochenenden aus).

„Langschläfer“ sind nicht faul

Diese Bilder haben einen absoluten Charakter. Es wird davon ausgegangen, dass es entweder Morgenmenschen oder Nicht-Morgenmenschen gibt – ohne Zwischenkategorien. Das ist eine strenge und verzerrte Ansicht. Denn meistens liegt die Wahrheit in der Mitte. Ich kenne wenige Menschen, die immer konsequent früh oder spät aufstehen. Was ist mit Menschen, die Schlafstörungen haben? Die, die entweder zu spät einschlafen oder zu früh aufwachen? Was ist mit Menschen, die einfach gerne lange schlafen und dafür bis 2 Uhr morgens top-fit und konzentriert lernen oder arbeiten? Was ist mit denen, die eine gnadenlose innere Uhr haben, die sie no matter what um 8 Uhr aufweckt?

Wie wäre es also, wenn wir einfach damit aufhören, die Aufstehzeit unserer Mitmenschen zu be- oder verurteilen? Es ist nämlich anstrengend, den Tag nach einer ohnehin durchwachsenen Nacht erst mal mit einer Rechtfertigung zu beginnen. Und das noch vor dem ersten Kaffee. Es braucht in diesem Moment einfach keinen wertenden Kommentar, egal wie nett er auch gemeint ist.

Wie wäre es stattdessen mit einem einfachen „Hallo“ oder der Frage: „Wie geht es dir?“ Der*die Aufsteher*in kann selbst entscheiden, wie die Antwort ausfällt, vielleicht ergibt sich ein Gespräch darüber, ob jemand selbst darunter leidet, dass er*sie zu spät oder zu früh aufsteht. In jedem Fall starten damit alle Beteiligten mit besseren Vibes in den Tag, ob das nun um 6 Uhr oder um 15 Uhr ist.

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Bildquellen: Unsplash / Pexels; CCO-Lizenz

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