Die 90er-Nostalgie: Warum sehnen wir uns wieder nach Diddl und Buffalos?

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Wer kann sich denn nicht mehr an die Spice Girls, den Gameboy und Schloss Einstein erinnern? Sobald man ihnen auf irgendeine Art und Weise begegnet, fühlt man sich wie mit einem Portschlüssel in eine andere Zeit versetzt. Die 90er Jahre erfahren momentan eine bemerkenswerte Renaissance und feiern ihr Comeback. Viele junge Menschen, die in Zeiten von Bravo, Diddl Maus und Backstreet Boys aufgewachsen sind, sehnen sich nach dieser Zeit zurück. Aber warum hängen so viele romantisierter Nostalgie und sentimentaler Vergangenheitsverklärung nach?

Die Leichtigkeit der Kindheit

Viele junge Erwachsene verbinden mit den 90ern die Leichtigkeit ihrer Kindheit, die Sorglosigkeit des Lebens und die Spontaneität von früher. Heute sind die Kinder der 90er fest eingebunden in den straffen Alltag der Berufstätigen. Sie sehnen sich nach früheren Tagen zurück, in denen das Leben so viel leichter schien. Zwar hatte dieses Jahrzehnt auch seine Probleme, diese werden allerdings im Zuge der Glorifizierung mehr oder weniger ausgeblendet oder vergessen. Subjektiv nehmen die Kinder der 90er dieses Jahrzehnt als besonders wahr, weil sie an diese Zeit schöne Erinnerungen haben: Die Grundschulzeit, Großeltern auf dem Land, viel Zeit für Freunde und Hobbys. Sie sehnen sich manchmal auch nach einer Zeit ohne Non-Stop-Dauergeblinke von Handys und ohne Facebook, Instagram und Co. zurück. Eine Zeit, in der Verabredungen nicht einfach mal schnell, kurz und schmerzlos, über Whatsapp abgesagt werden konnten. Eine Zeit, in der man die große Liebe im Sportverein, auf dem Kirmes-Platz oder in der Großraumdisco traf und nicht über Tinder suchte.

CD-Sammlung statt Spotify

Waren die 90er mit Schlaghosen, Buffalo-Schuhen und Bauchnabelpiercings aber überhaupt so glorreich? Oder liegt es einfach daran, dass man sich manchmal wieder nach einer Welt ohne Socialmedia und Smartphones zurücksehnt? Momentan wird jede technische Errungenschaft nicht mehr frenetisch gefeiert. Mittlerweile sind alte Nokia-Handys wieder „in“, und wer wirklich etwas auf sich hält, benutzt eine Polaroid Kamera. Facebook, Snapchat und Co. stehen heute ebenso nicht mehr ausschließlich in einem positiven Licht. Mit der Zeit entstand ein Umdenken – und die 90er-Generation bemerkte, dass sie die liebevoll sortierte CD-Sammlung doch irgendwie netter findet als eine anonyme Spotify-Playlist, statt langweiligem Kindle lieber rotweinbefleckte Taschenbücher und statt den riesigen Foto-Dateien auf dem Laptop lieber das Familienalbum mit den handgeschriebenen Texten.

Zwischen den 90er Jahren und heute befindet sich eine Trennlinie. Auf der einen Seite analoges auf der andern Seite digitales Zeitalter. Viele Menschen wünschen sich womöglich nicht richtig in die Zeit der 90er, sondern nur nach einem analogeren Zeitalter zurück. Ausgelöst durch die „Digitale Revolution“ im 20. Jahrhundert wurde ein Wandel in fast allen Lebensbereichen begonnen, dessen Ende noch ungewiss ist. Dies sehen mittlerweile viele Menschen nicht mehr zwangsläufig gut. So entwickelte sich mehr und mehr eine digitale Polarisierung, und viele Menschen bemerkten die Einschränkungen und Freiheitsfallen, die dieses technisierte Zeitalter mit sich bringt.

Die Gegenwart wirkt stets glanzlos

Womöglich sehnte man sich immer schon in unübersichtlichen Zeiten in die scheinbar geordnetere Vergangenheit zurück. Diese allgemeine Desorientierung, ausgelöst durch eine rasante Technisierung, ein Meer von Informationen und eine unübersichtliche Faktenlage, trägt auch dazu bei, momentan die 90er wieder so hochzuhalten. Doch auch in dieser Zeit gab es mit der Wiedervereinigung zweier ideologisch komplett unterschiedlicher Staaten große Aufgaben zu bewältigen. Früher schienen die Kriege im Nahen Osten weit weg und den Islam kannte man nur aus dem Religionsunterricht. Heute wird ein Gefühl der Angst, verstärkt durch Selbstmordattentäter in Europa, auch in unsere Nähe transportiert.
Wie schon in Woody Allens „Midnight in Paris” vermittelt wurde, wirkt die Gegenwart stets glanzlos und mühsam. Auch dort sehnte man sich in vergangene Zeiten zurück. Nur hier wünschte man sich in das Paris der 20er Jahre, in die „Roaring Twenties“ zurück. Diese Vergangenheitsverklärung ist also kein einmaliges Phänomen, das ausschließlich die 90er betrifft. Viel mehr haben Menschen einen Hang dazu, die Vergangenheit zu verklären und zu überhöhen. Sie stellen sie in ein ganz besonderes Licht, als wäre sie das einzig Wahre und vergessen dabei, dass auch die jetzige Zeit seinen Charme hat – vielleicht wird man das erst in der Zukunft bemerken.

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