Corona: Will ich mein altes Ich überhaupt wieder zurück?

Corona hat große Auswirkungen auf uns alle

Triggerwarnung. In diesem Text geht es unter anderem um das Thema Essstörungen. Wenn du dich mit dem Thema nicht wohlfühlen solltest, lies doch gerne einen unserer anderen Beiträge.

Ob psychische Erkrankungen, Sinnkrisen oder gespaltene Meinungen: Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Viele wollen jetzt ihr altes Leben wieder zurück, endlich wieder leben und einfach nur sein. Aber geht das so einfach?

Ich sitze im Zug und betrachte die Menschen um mich herum. Ein Mann trägt eine Reisetasche durch den Gang, die Frau hinter ihm stopft ihren Pulli ins Gepäckfach. Ich sitze alleine in einem Vierer-Abteil. Im Vierer neben mir sitzt ein Mann – auch ganz alleine. Alle nur vereint durch die FFP2-Maske im Gesicht. Jedes Mal, wenn sich die Schiebetür zwischen den Abteilen mit einem Zischen öffnet, blicken die Reisenden argwöhnisch auf. Wer kommt da? Und wehe die Person setzt sich neben mich. Die Gedanken der Menschen scheinen ihnen ins Gesicht geschrieben zu sein. Auch ich ertappe mich wie ich das selbe denke. Ich will nicht, dass sich jemand neben mich setzt. Ich fühle mich unruhig und unentspannt. So richtig festmachen kann ich es aber nicht. Was hat Corona mit uns gemacht?

Ich versuche um jeden Preis wieder die Person zu sein, die ich vor Corona war. Deswegen sitze ich auch in diesem Zug, um meine besten Freundinnen zu besuchen. Vor Corona haben wir das ja immer gemacht. Endlich. Sollte ich mir denken. Denke ich mir aber nicht. Wo ist diese Erleichterung, auf die ich die ganze Zeit gewartet habe? Die Freude, dass wieder mehr erlaubt ist? Dass es keine Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren mehr gibt. Irgendwie ist alles anders und ich stelle mir die Frage: Will ich die Person, die ich davor war, überhaupt noch sein?

„Re-Entry-Anxiety“ nennen Psycholog*innen das Phänomen, dass viele Menschen sich schwer tun, ihr gewohntes Leben wiederaufzunehmen. Der Gedanke an volle Restaurants und Biergärten: Stress. Aber das ist laut Psychiater und Stressforscher Mazda Adli normal. Der Mensch brauche Zeit, sich an veränderte Lebensumstände zu gewöhnen.

Vor der Pandemie war ich fast jeden Tag unterwegs, habe viel unternommen, Dinge einfach gemacht. Durch den langen Lockdown habe ich mich viel mit mir selber beschäftigt, über alles nachgedacht, reflektiert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich durch die ganze Zeit mit mir selbst ein paar Entwicklungsschritte übersprungen habe und jetzt an einem Punkt bin, an dem ich ohne Corona sonst erst in ein paar Jahren gewesen wäre.

Eine Publikation der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsverbundes „Kindheit – Jugend – Familie in Zeiten von Corona“ ergab, dass viele junge Menschen sich in der Zeit der Isolation beruflich neu orientieren konnten. Die Jugendlichen hatten mehr Ruhe. Die Entschleunigung sahen sie als Chance. Auch der sogenannte „Freizeitstress“ fiel durch die Kontaktbeschränkungen oftmals weg.

Freizeitstress hat auch meinen Alltag bestimmt. Mir war es sehr wichtig, nichts zu verpassen, ich habe mich sehr abhängig von anderen Menschen gemacht. Habe mich so geformt, damit ich zu ihren Erwartungen passe. Durch die Zeit alleine habe ich begriffen: Ich brauche nur mich. Jetzt fühle ich mich um vieles freier. Aber gerade sitze ich hier im Zug, auf dem Weg zu meinen Freundinnen. Erfüllt fühle ich mich trotzdem nicht. Und das nervt.

Ich schaue auf die Uhr: noch zwei Stunden Fahrtzeit. Ich krame eine Brezel aus meiner Tasche, weil ich merke, dass ich hungrig werde. Einfach so essen – bis vor kurzem wäre das noch undenkbar gewesen. Corona hat mein Essverhalten stark beeinflusst. Ich wollte jeden Bissen kontrollieren. Essen war so ein Thema, weil es da sonst so wenig in meinem Alltag gab. Ich habe jede Gurkenscheibe abgewogen, damit es ja keine Kalorie zu viel ist. Und wenn ich mich leer gefühlt habe, habe ich mich vollgestopft mit Sachen, die ich mir zuvor verboten habe. So lange bis mein schlechtes Gewissen sich gemeldet hat und ich dann tagelang fast nichts mehr gegessen habe.

„Angsterkrankungen, Depressionen und Essstörungen haben zugenommen“, berichtet Michael Schroiff, Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen und -therapeuten gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergab außerdem, dass fast jedes dritte Kind nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten leidet.

Corona hat mich – hat uns alle – verändert. Es waren lange zwei Jahre, die nicht immer einfach waren. Wäre der Lockdown weitergegangen, hätte ich mich selbst in eine Essstörung und soziale Phobie manövriert. Da bin ich mir sicher.

Trotzdem habe ich in der Zeit viel gelernt, mich weiterentwickelt. Und bin ehrlich: die Person, die ich vor Corona war, möchte ich nicht mehr sein.

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Bildquelle: Anna Shvets auf Pexels; CC0-Lizenz

Ich träume mehr, als ich lebe und schreibe lieber, als ich rede. Am liebsten Gedichte oder die Geschichten interessanter Menschen. Wenn ich nicht gerade lese oder literweise Kaffee trinke, studiere ich noch Journalistik. Ach - und Katzen lieb ich auch.