Das habe ich aus 6 Monaten Freiberuflichkeit gelernt

Freiberuflichkeit

Ein Blick auf den Kalender vor ein paar Tagen und ich musste nicht nur überraschend feststellen, dass schon der November – alias Wham!-Warm-up-Season – angebrochen, sondern mittlerweile auch ein halbes Jahr Freiberuflichkeit vergangen ist. Sechs Monate Oberhaupt meines 120x70x76 cm großen, hölzernen Imperiums, Anführerin der Formblatt-Revolte, Head of Agenda und Kokos-Curry-Produktion! Heidewitzka!

Da war es für mich mal an der Zeit, die ersten Erfahrungen Revue passieren zu lassen und für mich selbst ein paar Aha-Erkenntnisse ins Meilenstein-Album zu kleben. Und davon gibt es so einige, wenn man irgendwo als Neuling ins kalte Wasser springt und erst noch lernen muss, wie der Hase läuft. Denn, egal wie gut und lange man sich vorbereitet: Irgendwann kommt der Moment, in dem die Testphase vorbei ist und es ernst wird. Und da stellt man dann allmählich fest, dass es Dinge gibt, die man vorher gar nicht wissen konnte und überhaupt nicht bedacht hat, weil „… learning by doing“ eben. Am meisten aber hat mich überrascht, dass es dabei gar nicht so sehr um das liebe Geld geht, sondern vielmehr um die netten Stinkefinger, die man sich selbst gerne zeigt.

Das sind also einige der Dinge, die ich für mich mitgenommen habe und mit denen Mental-Coaches auf der Suche nach Followern jetzt Instagram revolutionieren:

 

Der eigene Rhythmus

Klingt einfach. Schließlich habe ich mich ja auch für die Freiberuflichkeit entschieden, um mich aus der engen Gesellschaftspelle zu schneiden und endlich nach meinem Geschmack, mit meinen Fähigkeiten und Stärken arbeiten zu können. Vor allem in den ersten Wochen fiel es mir aber doch schwerer als gedacht, nicht in alte Arbeitszeiten und Produktivitätsniveaus zu verfallen. Automatisch habe ich vieles wie früher gemacht, weil man es noch so in sich hat, weil man sich doch an den Rest der Menschheit anpassen muss. Die Wahrheit ist: Selbstständig arbeiten fühlt sich nur gut an, wenn man weiß, was für einen persönlich funktioniert und was eben nicht. Ich weiß mittlerweile, wann ich meine kreativen Hochphasen habe und dass mein Körper gegen Mittag Bewegung braucht, wie viele Stunden am Stück ich tatsächlich konzentriert sein kann und dass mir meine Powernaps absolut heilig sind. Natürlich muss ich auch Kompromisse schließen und mich an Zeiten halten. Aber mit meinem eigenen Rhythmus kann ich meinen Tag grundsätzlich so gestalten, wie er für mich und meine Arbeit am effektivsten ist.

 

Sprechende Bäuche

Rhythmus und Bauchgefühl gehen Hand in Hand, auch wenn wir Letzteres gerne mal dezent ignorieren. Dabei sagt die Intuition nur das, was wir sowieso denken, aber wegen Faktoren wie äußerem Druck oder kollektiven Klugheiten unterdrücken. Für mich ist sie Alarmglocke, Kompass und Balsam in einem und hilft mir nicht nur, alte Muster abzulegen und Neue zuzuschneiden, sondern auch meine eigenen Grenzen festzustecken. Das fängt schon bei genügend Pausen an und Zeit für die Dinge, die mir Energie geben oder mich abschalten lassen – auch mal einfach zwischendurch, auch wenn es eigentlich nicht geplant war. Ich stelle immer mehr fest: Mein Körper ist ein kluges Köpfchen, der so unheimlich viel für mich tut und der es vor allem nur gut mit mir meint. Also muss ich nur genau hinhören und mich mal führen lassen. Übrigens hilft das Bauchgefühl auch bei heiklen Themen wie Nein-Sagen und dem Ablehnen von Aufträgen. Aber das, liebe Freunde der modernen Knechtung, ist eine andere Geschichte.

 

Yin und Yang

Wer zu 100% in die Freiberuflichkeit einsteigt und sich etwas komplett Neues aufbaut, der kennt vielleicht die Achterbahnfahrten des Arbeitspensums. Da gibt es Tage, an denen einem gefühlt hundert Deadlines im Nacken sitzen, und dann wieder andere, die einfach leerlaufen. Gerade am Anfang musste ich oft an die Uni zurückdenken, und zwar ganz konkret an diese letzten Klausurentage, wenn plötzlich der Lernstress ein Ende hatte und man mit diesem leeren, leicht verwirrten Gefühl (und einer Überdosis Kaffee) zurückblieb. Wer bin ich? Was soll ich jetzt bloß mit mir anfangen? So geht es mir noch immer nach abgeschlossenen Aufgaben, wenn nicht direkt eine Neue ansteht. Hinzu kommt aber jetzt noch das Selbstwertgefühl. Und besonders an schlechten Tagen ist es gar nicht so leicht, den eigenen Wert nicht an der Anzahl der Aufträge und den ausgestellten Rechnungen zu messen. Dabei lassen sich solche Tage nicht nur perfekt für das ganze Drumherum (Büro, Weiterbildung, Kreativität, Kundenakquise, etc.) nutzen, sondern sind auch einfach mal das gute Recht jedes Menschen. Früher hatte man ja auch schlechte Tage, nur dass man da vielleicht die acht Stunden im Büro abgesessen und alle drei Minuten auf die Uhr geschaut hat. Ja, dafür wurde man zwar bezahlt, aber so wirklich im Leben weitergekommen ist man auch nicht.