Eine Idee Liebe: Dagny Juel – des Künstlers Muse

Dagny Juel als Edvard Munchs Madonna: Bild: Edvard Munch: Madonna - The Clark Art Institute

Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Sie war eine Femme fatale, eine Herzensbrecherin wie sie im Buche steht, das Opfer eines Mordes, die Frau eines Trinkers. Dagny Juel ist eine norwegische Schriftstellerin, die sich ihren Weg inmitten einer von Männern geprägten Kunstszene bahnte. Und sie war die Muse von Edvard Munch, der Maler des Schreis. Dagny Juel war aber nicht nur eine Frau VON, auch wenn man das meinen könnte. Juel war leidenschaftlich und proaktiv, sie schrieb selbst und lehnte sich gegen veraltete Konventionen auf. Sie war eine Wegbereiterin ihrer Zeit.

Leider ist sie kaum bekannt. Lediglich in den skandinavischen Ländern ist sie den Menschen noch ein Begriff. Zeit, dies zu ändern. In dieser Ausgabe von Eine Idee Liebe soll es um eine fast vergessene Schriftstellerin gehen, die so viel mehr ist, als eine Frau, die im Schatten ihres Mannes steht, und die noch so viel hätte erreichen können, wenn sie nicht so früh gestorben wäre.

„Ich will die wundersame Geschichte meines Lebens erzählen. Vielleicht werden nicht alle sie so wundersam finden – vielleicht ist auch noch anderen dasselbe widerfahren, aber davon habe ich nie gehört, und darum glaube ich, daß ich die einzige bin, die auf dieses entsetzlich tragische, mystische Schicksal zu starren hat.“ – Rediviva von Dagny Juel

Arztbesuche sind ätzend. Es sind vor allem die Wartezeiten, die sich wie ein Kaugummi zäh in der Zeit dehnen. Schweigend sitzt man mit fremden Menschen in einem sterilen Raum. Und das Einzige, das man sich teilt, ist die Luft zum Atmen und der in den Blicken herrschende Neid, wenn die gegenübersitzende Person vor einem selbst aufgerufen wird. Aber wie bei allem ist auch die Wartezimmerromantik abhängig von der Perspektive, aus der man sie betrachtet. Denn es ist die Zeit, wo man mal wieder hemmungslos in Zeitschriften herumstöbern kann. Ansonsten laufe ich im Laden immer nur an den Überschriften und Fragen vorbei, die nie beantwortet werden. Was, in der Ehe Klum kriselt es? Weshalb ist Jimmy Blue Single? Ich weiß es nicht. Aber jetzt habe ich Zeit, mir all das von A bis Z durchzulesen. Von Brigitte bis Bravo. Ich bin mir sicher, dass die Magazinhefte mehr über den Arzt verraten, als es Sterne gibt.

In dieser Arztpraxis war es jedoch anders. Bravo und Gala blieben aus. Stattdessen wurde in dem Wartezimmer eine Ansammlung von Kunstheften angeboten. Cool, dachte ich und griff natürlich sofort zu. Das Titelbild einer blassen Frau, die aus einem schwarzen Hintergrund hervorstach wie der Mond zu Mitternacht, hatte sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Und ich erfuhr auch sogleich, wer das Bild gemalt hatte. Nämlich niemand geringeres als Edvard Munch. Aber als ich den Zeilen folgte, merkte ich schnell, dass es nicht um ihn ging. Es handelte von jemand anderem. Es ging um Dagny Juel. Sie war seine Freundin, seine Muse, seine Inspiration, seine heimliche Liebe. Ich verschluckte den Text, doch bevor ich ihn zu Ende lesen konnte, wurde ich aufgerufen: Frau Wenzel. Scheiße. Es ist nun drei Monate her und noch immer schwirrt der Name der vergessenen Frau in meinem Kopf herum.

Als Bücherwurm das Licht der Welt erblickt, verzehrt sie auch heute noch Kästner, Precht und Heidegger zum Frühstück. Auf der Suche nach der perfekten Metapher treibt sie das Fernweh in die schönsten Schlupfwinkel der Erde. Wenn sie nicht schreibt oder liest, findet man sie in den Bergen, beim Klettern, oder auf ihrem Pferd durch die Großstadtprärie reitend.