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Frag Oma Jutta: Was ist Feminismus für Dich?

Unsere Autorin arbeitet ehrenamtlich mit Senior*innen zusammen. Hier spricht sie mit ihnen über das Leben – und sie verraten uns, wie man es am besten meistert.

Woher wissen wir, dass es Liebe ist? Was ist wichtig für eine lange Freundschaft? Und wie finden wir heraus, was wir wirklich wollen? Das Leben ist voller Fragen. Fragen, die wir unseren Großeltern nur selten stellen. Unsere Autorin spricht mit Senior*innen über das Leben und findet: Wir können viel von ihnen lernen.

Oma Jutta (82), was ist Feminismus für Dich?

Feminismus bedeutet für mich die Gleichberechtigung von Mann und Frau, in jedem Lebens- und Gesellschaftsbereich. Es bedeutet für mich auch das Eintreten für die eigenen Rechte und für die Rechte anderer. Feminismus war damals ein Thema, für das sich nur Frauen starkgemacht haben. Heute sollte das nicht so sein. Es sollten sich bestenfalls alle Menschen in einer Gesellschaft mit der Gleichberechtigung, auch über den Feminismus hinaus, beschäftigen. Das Thema zieht sich durch mein ganzes Leben und es lässt mich einfach nicht los. Ich habe mich sehr früh der Frauenrechtsbewegung angeschlossen. Damals stand zwar im Grundgesetz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, aber in Wirklichkeit sah das ganz anders aus. Wenn ich eine eigenes Bankkonto eröffnen oder arbeiten gehen wollte, musste ich erst meinen Ehemann um Erlaubnis fragen. Die Frau war dem Mann untergeordnet und damit sollten wir uns einfach abfinden. Viele wollten das aber natürlich nicht. Auch mich hat diese untergeordnete Rolle, die ich einnehmen sollte, schrecklich empört. Natürlich musste ich dann laut werden, auf die Straße gehen und demonstrieren! Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ich habe damals viel Zeit auf Demonstrationen und Protesten jeder Art verbracht. Mein Sohn war auch immer dabei. Wir haben damals sowieso immer unsere Kinder auf die Demonstrationen mitgenommen teilweise sogar im Kinderwagen. Anders wäre es auch gar nicht gegangen. Das war also ganz normal. Mein Sohn hat schon sehr viel von diesen Veranstaltungen mitbekommen. Ich erinnere mich an einen Abend, kurz nach den Vietnam-Protesten. Mein Sohn stand in seinem Kinderbett, rüttelte an den Stäben und rief: „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ Meinem Ehemann hat das gar nicht gefallen. Er wollte nicht, dass ich mich politisch engagiere, demonstriere oder arbeite, aber er hat es mir immerhin nicht verboten. Glück gehabt! Damals dachte ich, wir hätten mit der Frauenbewegung und den zahlreichen Protesten viel erreicht. Das haben wir natürlich auch. Trotzdem sehe ich heute immer noch so viele Männer in den oberen Rängen von Wirtschaft, Politik und Justiz. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin nicht gegen Männer in Führungspositionen. Ich bin einfach nur für viel mehr Frauen an der Spitze. Frauen bekommen nicht immer die Chance sich zu beweisen. Sie werden oft schlichtweg nicht gesehen. Manche Frauen machen sich auch nicht sichtbar, weil sie ihre Rechte nicht kennen oder nicht wissen, was sie fordern dürfen. Das macht mich manchmal traurig. Ich glaube, dass wir damals sehr viel erreicht haben. Jetzt sind die Frauen der nachfolgenden Generationen an der Reihe. Sie sollen das Erkämpfte nehmen und nutzen. Ich bin heute 82 Jahre alt. Für Demonstrationen bin ich jetzt leider zu alt, aber ich möchte jungen Frauen gerne sagen: Fordert viel, diskutiert und streitet. Lasst Euch niemals einreden, dass Ihr etwas nicht könnt. Seid laut, vielleicht auch aufmüpfig und macht von Euren Rechten Gebrauch. Ihr schafft das gemeinsam!“

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Bildquelle: Illustration von Rupert Gruber

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