Wie „männlich“ ist der Erzieher?

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Von Benjamin Merkle

Timo ist ein entspannter Typ mit kurzen Hosen und einer natürlichen Gelassenheit, was in seinem Beruf sicherlich vorteilhaft ist. Er arbeitet seit vier Jahren als Kindergärtner. Eine Berufswahl, bei der er sich ziemlich schnell während seines damaligen Praktikums in der Schulzeit sicher war. Sport gehört für ihn genauso zum Alltag wie Konsole zocken. Männerkram eben. Trotzdem hat er sich einen „Frauenberuf“ ausgesucht. Denn es gibt sie, diese Berufe, die wir eher Frauen oder eher Männern zuordnen. Einen Holzfäller würden die meisten Leute bestimmt als typisch männlich bezeichnen, wie er da mitten im Wald steht, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, bei strömendem Regen, im Schweiße seines Angesichts. Aber was bedeutet das im Umkehrschluss für Krankenpfleger, Stewards oder Erzieher?

 

Was bedeutet es für Männer, die Berufe ergreifen, die meist von Frauen ausgeübt werden?

 

Verlieren sie all ihr Brusthaar und reden auf einmal eine Oktave höher? Erkennen andere Männer sie an ihrem Geruch und wechseln kopfschüttelnd die Straßenseite, wen sie ihnen begegnen? Seltsamerweise ist sowas in der Art Timo noch nie passiert, denn wir haben 2017 und sind über solche klischeehaften Bilder hinaus gewachsen. Trotzdem war seine Familie zu Beginn skeptisch bezüglich Timos Berufswahl, aber sie haben sich daran gewöhnen müssen. Freunde können sich bis heute zwischendurch nicht verkneifen, ihn zu fragen, wie er das bloß aushält. Bei neuen Leuten, die er kennen lernt, genießt er mit seinem Beruf eher Seltenheitswert, mit Ablehnung hat er nicht zu kämpfen – viel öfter sind Menschen ehrlich an seiner Arbeit interessiert.

Tatsächlich ist er etwas Besonderes. Laut Der Spiegel sind von den Angestellten in Kitas und Kindergärten in ganz Deutschland nur fünf Prozent Männer. Zwar steigen die Zahlen langsam, trotzdem ist es noch ein weiter Weg, bis man von einer ausgeglichenen Verteilung sprechen kann. Wenigstens mit der Bezahlung haben Männer nicht die gleichen Probleme, wie sie Frauen oft in den von Männern dominierten Jobs haben. Im Erzieherberuf werden Männer und Frauen nämlich gleich schlecht bezahlt, erzählt Claudia, Timos Kollegin. Sie ist selbst seit den 80er Jahren in diesem Bereich tätig und weiß, wovon sie redet. In männlichen Erziehern sieht sie eine Chance, denn Männer gehen ganz anders mit Kindern um als Frauen, da ist sie sich sicher. Vor allem Jungs mit alleinerziehenden Müttern, blühen unter der Aufmerksamkeit einer männlichen Bezugsperson auf.

 

Eine männliche Leitfigur ist etwas Besonderes

 

Auch Timo berichtet, dass Jungs ganz genau wissen, dass sich die Kinder bei ihm etwas mehr heraus nehmen dürfen. Dummerweise wissen die Mädchen das auch. Auf der Nase herum tanzen lassen, dürfe man sich aber trotzdem nicht. Seine lockere Art habe aber sicher auch viel mit seiner Jugend zu tun, vermutet er. Kolleginnen, die schon lange mit Kindern arbeiten, kommen noch aus einer anderen Generation und entsprechend anders ist ihre Art, mit den Kindern umzugehen. Das muss nicht unbedingt schlechter sein, sagt Timo. Aber es gebe Unterschiede. Timo versucht einfach, die Kinder so zu behandeln, wie er es für richtig hält – und meistens klappt das auch sehr gut. Manchmal vertrauen Eltern ihm dann an, dass ihr Kind am liebsten zu ihm in die Gruppe geht.