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Können wir Kunst von ihren Künstlern trennen?

Gewissensfragen: Können wir Kunst und Künstler trennen, wenn sich der Künstler so verhält, dass wir ihn nicht unterstützen wollen?

Jeder von uns hat schon mal Dinge getan oder gesagt, die moralisch nicht ganz korrekt waren. Wir haben vermutlich unsere Lektion gelernt und wissen es jetzt besser. Etwas anders verhält es sich, wenn problematische Dinge von Personen gesagt werden, die eine Vorbildsfunktion innehaben und von unzähligen Menschen verehrt werden. Geraten diese fragwürdigen Aussagen in die Öffentlichkeit und erreichen ein großes Publikum, kann das nicht nur zum Skandal, sondern auch zum Problem werden. Sind diese moralisch verwerflichen Aussagen auch noch in Texte von vermeintlich harmloser Pop-, Rap- oder Volksmusik verpackt, wird das Problem schön gesellschaftsfähig gemacht. Denn wer setzt sich denn schon so richtig ernsthaft mit den Songtexten auseinander, die wir uns jeden Tag so reinpfeifen? Wie oft haben wir nicht alle schon Liedzeilen mitgesungen, die wir in echt auf keinen Fall zu jemandem sagen würden? Unterschwellig tragen diese ja oft eine größere Bedeutung in sich als uns auf den ersten Lauscher bewusst wird: homophobe, frauenfeindliche, antisemitische, ableistische Liedzeilen kommen nicht nur in kruden Untergrundbars, sondern auch in der allgemeinen Popmusik vor. Die Kunst oder Musik fragwürdiger Künstler lebt häufig trotzdem munter weiter – egal was ihre Urheber so getan oder gesagt haben. Doch dürfen wir überhaupt Musik hören, Kunst verehren oder Filme sehen, deren Künstler Dinge getan oder Aussagen getroffen haben, die wir ganz und gar nicht unterstützenswert finden? Können wir Kunst und Künstler voneinander trennen?

Gabalier: Echter Nazi oder „naiver Lausbub“?

Ein Beispiel dieser komplizierten Debatte ist „Volksrocknroller“ Andreas Gabalier. Der Österreichische Schlagermusiker steht seit Jahren in der Kritik für seine – nennen wir es- „rechtsnahen“ Äußerungen. Er jammerte beim Amadeus Award 2015 wie schwer er es als heterosexueller Mann heutzutage habe – den Ausdruck heterosexuell verwendete er natürlich nicht. Er tut regelmäßig seine Ansichten zum Thema Feminismus in „Zeiten des Gender-Wahns“ kund, diskreditierte die Medien über Twitter und warf ihnen Hetzerei vor – so heftig, dass sein Management die Posts löschte. Er steht dem frisch gegangenen österreichischen Vizekanzler und FPÖ- Chef Heinz-Christian Strache nah und machte sich immer wieder für ihn öffentlich stark. Gabalier diente wiederum der FPÖ als Gallionsfigur im Wahlkampf. Ein besonders großes und eindeutiges Statement war sein Album-Cover von „Volksrocknroller“: Dafür posierte er 2011 als vermeintliches Hakenkreuz, was prompt von Rechtsextremen instrumentalisiert wurde, die zu einer Mitmachaktion aufriefen namens „Gabalier-Kreuz-Challenge“ – Gabalier verstand dann natürlich die ganze Aufregung nicht.

Seine Songtexte sind höchstgradig politisch, wie Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Uni Freiburg und Experte für volkstümliches Liedgut, in einem Bento-Artikel erklärt. Zwar seien seine Lieder auch von volksmusik-typischem „Heimatkitsch“ geprägt. Gabalier gebe aber bewusst den „naiven Lausbuben in Lederhosen“- diese Rolle nehme Fischer ihm aber nicht ab. Heimatkitsch, religiöse Gefühle und überholte Rollenbilder finde man in jedem Schlager, so Fischer, „aber im Politischen geht Gabalier deutlich weiter als andere“. Seine Spielereien mit aus dem Nationalsozialismus belasteten Begriffen, ähneln der Rhetorik rechter Politiker: erst eine steile These aufstellen, dann zurückrudern und den Missverstandenen spielen, so Fischer.

2014 sang Gabalier die österreichische Nationalhymne bei einem Formel1 Rennen und strich einfach mal die „großen Töchter“ der Heimat aus der Hymne, da er keinen Anlass sehe, den neuen Hymnentext zu singen (seit 2011 werden sowohl „große Töchter und Söhne“ besungen) . Und natürlich ist da auch die Tatsache, dass er selbst es für nötig hielt die kleine, aber fein vorbelastete Silbe „Volk“ vor seine Tätigkeit als „Rocknroller“ zu hängen.

Vieles spricht dafür, dass Gabaliers persönliche Ansichten ins rechte Spektrum schwenken. Doch seine Fans scheint das nicht zu stören. Gabalier verkauft wie eh und je Platte um Platte. Kaum einer seiner eingefleischten Fans stört sich an dem Militärjargon seiner Texte von Kameradschaft und eisernem Kreuz. Die Parallelen zum Nazi-Regime sehen seine Fans einfach nicht oder wollen sie nicht sehen. Hauptsache, man kann auf der Wiesn und in der ganzen Republik schön bierestrunken Huuuulaapaluuuu gröhlen. Übrigens auch ein Text, der mehr als fraglich ist.

Musik ist nicht einfach nur Sound

Künstler und ihre Kunst trennen? Gerade im kreativen Bereich verschwimmen die Grenzen zwischen Privatperson und der kreativ-schöpferischen Person beziehungsweise dem kreativen Endprodukt. Schauspieler können ein Liedchen davon singen, dass ihnen Rollen bis in alle Ewigkeit ins Privatleben folgen. Sänger müssen noch Jahrzehnte nach ihrem großen Erfolg immer und immer wieder dieselben Lieder singen – bis zum Umfallen. Wer in der Öffentlichkeit steht, dem und seiner Arbeit fehlt es nicht an Aufmerksamkeit. Und die ist selten differenziert. Aber sollte man nicht bei manchen Künstlern differenzieren, besonders wenn diese moralisch verwerfliche und vor allem gesetzlich strafbare Dinge tun? Hat Musik und Kunst eine moralische Aufgabe?

Dass Musik mehr vermittelt – als einfach nur aneinander gereihte Töne mit ein bisschen Text – dürfte jedem klar sein. Musik war schon immer höchst politisch, jegliche politische Bewegung und Richtung nutzt Musik um ihre politischen Botschaften rüberzubringen. Das war in der französischen Revolution so, in der 48er-Revolution, im Nationalsozialismus, im Kommunismus, in der DDR und ist heute auch nicht anders. Liedtexte haben die Fähigkeit Massen zu mobilisieren, zu vereinen oder zu spalten.

Natürlich ist Gabalier nicht der Einzige, der fragwürdige Musik produziert. Im Deutschrap wimmelt es von frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Aussagen. Andernorts ist das auch nicht besser. Noch problematischer wird es, wenn diese Künstler nicht nur gewaltverherrlichendes Material produzieren, sondern auch im echten Leben nicht vor Mord, Vergewaltigung und Körperverletzung zurückzuschrecken scheinen, wie das berühmte Beispiel R.Kelly zeigt. Dem Musiker wird vorgeworfen, sich jahrelang sexuell an Minderjährigen vergangen zu haben. Was folgte, war ein weltweiter Aufschrei und flächendeckender Boykott seiner Musik.

Wie aktuell die Debatte ist, zeigt auch das Beispiel Sarah Connor. In einem Interview mit dem ZEIT-Magazin, äußerte sie sich zu den Kindesmissbrauchsvorwürfen gegen Michael Jackson. „Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich Michael Jackson bis aufs Blut verteidigen würde“, sagt die Sängerin in einem Interview. Seit der Dokumention Finding Neverland, in dem mutmaßliche Opfer des „King of Pop“ von ihrem Missbrauch berichten, beschäftigt sich Connor mit der „großen Frage, ob man das Werk vom Künstler trennen kann“.

Die Macht der Masse

Die Antwort auf die Frage ist nicht einfach, denn Kunst bleibt Kunst und ist rechtlich auch als diese geschützt – zum Glück, denn Kunstfreiheit ist elementar in einer funktionierenden Demokratie. Das bedeutet allerdings auch, dass die Kunstschaffenden davon profitieren. Denn hinter einem Kunstwerk steht immer auch ein Künstler.

Der Boykott von fragwürdigen Musikern ist allerdings ein effektives Mittel, seinen Unmut über die privaten oder beruflichen Tätigkeiten eines Künstlers zu äußern. Auch Musikmegakonzern Spotify hat die Macht eines Boykotts erkannt und arbeitet aktuell daran, eine Filter-Funktion ins Leben zu rufen, mit der Kunden selbst entscheiden können, welche Interpreten sie vertretbar finden und welche nicht. Diese werden dann von Spotify nicht vorgeschlagen oder gar deinen Playlists beigefügt. Momentan läuft die Testversion des Filters. Weigern wir uns also gewisse Künstler zu hören, bußen diese Geld ein und darin liegt die Macht der breiten Masse. Unser Geld ist es letztlich, das Künstler bezahlt und somit zu ihrem Erfolg und Reichtum beiträgt.

Und um auf das Beispiel Gabalier zurückzukommen. Auch hier hat die Masse eine Entscheidungshoheit: Man stelle sich vor, sämtliche Volksfeste, Scheunenparties und Schlagerzüge boykottierten Gabalier – wenn diese Moralkeule der Masse nicht den ultimativen Abdruck auf Gabaliers Konto hinterlassen würde.

 

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Bildquelle: Unsplash mit CCO Lizenz.

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