Fast Fashion macht die Umwelt kaputt

Zwischen Nachhaltigkeit, sexueller Belästigung und Streitereien: Einkaufen auf Vinted

Eine Geschichte vom Vergnügen sich mit fremden Menschen um jeden Cent zu streiten.

Was früher Kleiderkreisel war, heißt jetzt Vinted. Eine App, mit der wir die Möglichkeit haben, alte Kleidung zu tauschen, verkaufen oder zu verschenken. Eine gute Idee eigentlich. Vor allem eine, die dringend nötig ist, betrachtet man die Fast-Fashion-Berge, die sich überall auf der Welt türmen. Und das sind zur Abwechslung mal Berge, die nicht schmelzen.

Sie werden höher und immer gefährlicher – und das auf eh schon brüchigem Boden. Laut Greenpeace verursacht die Herstellung von Kleidung derzeit mehr Emissionen als die Seeschifffahrt und die weltweite Luftfahrt zusammen. Dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland zufolge kann 35 Prozent des Mikroplastiks in den Meeren auf Fast Fashion zurückgeführt werden. Die Missstände in Textilfabriken sind immens, der Arbeitsalltag vieler Menschen geprägt von Unterdrückung und ungleicher Behandlung.

Gut, dass es da Vinted gibt. Dachte ich zumindest, bis mir klarwurde, dass sich die Laster der Menschheit nicht nur in den Instagram-Kommentaren oder in Hasstiraden verärgerter Twitter-Nutzer*innen verstecken. Nein, sie sind auch zuhause in der harmlosen Klamotten-App, die eigentlich nichts wollte, außer eine nachhaltige Alternative für die Modeindustrie zu finden.

Sexuelle Belästigung auf Vinted ist für viele Alltag

Vor einigen Wochen stellte ich ein Paar Schuhe auf meine Seite. Ich dachte mir nichts dabei, wieso auch? Nach ein paar Tagen schrieb mir ein Interessent: ihm würden die Schuhe gefallen und er wolle sie doch gerne nehmen. Gut, dachte ich mir und wollte ihm gerade meine PayPal-Adresse schicken, als die nächste Nachricht kam. Er sei ein Mann und er würde sich gerne in hohen Schuhen probieren. Kein Problem, dachte ich mir. Wenn er Bock darauf hat, dann Go for it! Aber dann die nächste Nachricht: Ob ich denn nicht noch ein paar weitere Schuhe hätte. Am besten ausgelatscht und sichtbar benutzt. Ich könne sie ihm gerne schenken. Ich wurde stutzig, bis ich merkte: ich hatte es mit einem Fußfetischisten der feinsten Art zu tun. Nicht weiter schlimm, verkaufen wollte ich ihm meine Schuhe trotzdem nicht. „Der sieht deine anderen Bilder und findet dich geil und will dann deswegen deine Schuhe haben“, meint mein Freund. Ich kann mir das kaum vorstellen und beginne zu googlen. Es kommt noch schlimmer.

Junge Frauen erzählen, dass Männer sich als Frauen ausgeben, die Unterwäsche kaufen möchten. Sie fragen dann nach Tragebildern, angeblich um die Größe besser abschätzen zu können. Hinter Emily steckt dann aber Thomas. Und Thomas will sicherlich keine Größe abschätzen, außer vielleicht die seiner Geschlechtsteile, wenn er die Bilder gesehen hat. Andere Mädchen berichten, dass ihnen ungefragt Nackt- und Masturbationsbilder geschickt wurden. Wenn sie das Profil blockierten, schrieb ihnen der gleiche Mann von einem anderen Account. „Sobald ich Unterwäsche verkaufe, schreiben mir auf einmal 10000 Männer, ob ich die denn nicht auch benutzt verkaufe“, erzählt mir eine Freundin. Schon 2016 wurde Vinted wegen sexueller Belästigung kritisiert, verändert hat sich seitdem offensichtlich jedoch wenig.

Feilschen um jeden Cent

Aber es muss nicht gleich die sexuelle Belästigung sein, die mich an Vinted so nervt. Was mir nun schon mehrmals passiert ist: ich habe meine (meist ungetragenen) Klamotten versendet, davor natürlich gewaschen und mehrmals kontrolliert, ob alles flecken- und fusselfrei ist. Sofort die Nachricht einer empörten Nutzerin, der Hosenanzug wäre voller exorbitant großer brauner Schweißflecken. So kann man das ja nicht tragen und sie möchte sofort ihr Geld zurück. Ich habe natürlich sofort gedacht, dass das meine Schuld ist und ihr das Geld überwiesen. Ein paar Wochen später ist mir etwas ähnliches passiert. Das hat mich stutzig gemacht: So etwas zweimal zu übersehen, habe ich selbst mir nicht zugetraut. „Das war bei mir auch einmal so“, erzählt meine Schwester. Sie hat eine Jacke verschickt, fast wie neu und mehrmals überprüft. „Plötzlich hat mir die Käuferin dann geschrieben, dass die Jacke komplett zerfetzt ist“. Sie wollte ihr Geld zurück und den Account meiner Schwester melden. Nach ein paar Kommunikationsversuchen meiner Schwester kam ein aggressives „So etwas wie Sie gehört hier nicht her.“ Ist das ein Geschäftsmodell? Neuwertige Klamotten kaufen und dann das Geld zurückverlangen?

Oder gar nicht erst bezahlen. Das ist etwas, was viele Menschen von Vinted erwarten. So kommt es häufig vor, dass Frauen mein eh schon extrem günstiges Oberteil (ein bis drei Euro) für zwei Euro inklusive Versand haben wollen. INKLUSIVE VERSAND? Also eigentlich geschenkt. Einer meiner Lieblingschats auf Vinted ging folgendermaßen:

Käuferin: „Ich hätte das gerne für 50 Cent“.

Ich: „Das geht leider nicht, zwei Euro sind eh schon sehr wenig Geld.“

Käuferin: „Aber ich bin schwanger.“

Was genau sie mir damit sagen wollte, weiß ich bis heute nicht. Gerade warte ich auch seit ein paar Wochen auf einen Pulli, der nicht ankommt. Das Geld ist schon gesendet. Die Verkäuferin ist sich sicher, dass die Post das Paket verloren habe. Aber einen Nachweis, dass sie es versendet hat? Den hat sie nicht. Mein Geld? Das habe ich nicht. Weil dafür übernimmt sie keine Haftung. Scrollt man durch ihre Bewertungen, sieht man, dass das schon zwei weiteren Nutzerinnen passiert ist. Das Paket ist auf mysteriöse Weise in der Post verschwunden, das Geld hat die Verkäuferin behalten. Was für ein Zufall.

Und jetzt? Wie kaufe ich denn am besten nachhaltig ein, wenn ich Vinted aber meiden möchte? Am besten sind vielleicht doch die Second-Hand-Läden vor Ort. Auch Kleidertauschpartys sollen eine gute Möglichkeit sein, an neue Klamotten zu kommen. Wer lieber nicht Second-Hand kauft, kann sich in nachhaltigen Shops wie ArmedAngels umsehen. Aber auch kleine Schritte sind besser, als keine. So gibt es beispielsweise Bio-Siegel bei Klamotten, die eine geringe Umweltbelastung und höhere Löhne versprechen.

Und mein Pullover? Der geistert gerade durch die Post oder hängt noch immer im Kleiderschrank der Verkäuferin. Nur um dann auch auf dem Kleiderberg zu landen. Und eines ist sicher: wenn der einstürzt, fallen wir alle mit ihm.

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Bildquelle: Ron Lach von Pexels; CC0-Lizenz