Hannover, die Stadt ohne Eigenschaften

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Von Maxi Jung

 

Man stelle sich folgenden Dialog vor:

A: „Du wohnst in München? Voll schön: Dieser Erhalt von Tradition und Gemütlichkeit, die Leute sind alle ambitioniert und dennoch entspannt, alles ist so schön grün und generell sehr sauber und…“
B: „Ursprünglich komme ich aber aus Hannover.“
A: „…!“

Es ist seltsam. Hannover scheint sich in der breiten Masse der Gesellschaft einer ähnlichen Beliebtheit wie Harnwegsentzündungen oder Blattlausbefall zu erfreuen: Gut zu wissen, dass sich Menschen um diese Dinge kümmern, ist aber dennoch irgendwie ein unbequemes Thema.

 

Abstempeln oder abhaken?

 

Niemals habe ich jemand sagen hören „Ui, Hannover? Coole Uni, wichtige Messestadt, generell ein fancy Städtchen mit spannenden Leuten und einer herrlichen Altstadt.“ NEIN! Hannover scheint, wie auch Bielefeld, für viele eher ein gesichtsloses Phänomen zu sein, auf das kein Stempel passt und daher direkt unattraktiv ist.

Berlin ist rotzig und hip, Hamburg ist schick und lässig, München ist urig und teuer, Köln ist wild und aufgeschlossen, Düsseldorf ist wertig und modern, Frankfurt ist geschäftig und urban, Dresden steht für Kultur und Geschichte,… Für scheinbar jede Stadt in der Bundesrepublik finden sich Beschreibungen, die vom Großteil der Bevölkerung blindlings abgenickt werden würde, ob die Stadt nun durch persönliche Vor-Ort-Eindrücke oder durch ein Reisespezial des MDR kennengelernt wurde. Nur für die niedersächsische Landeshauptstadt scheint kein beschreibendes Adjektiv zu finden zu sein.

Und auch die Hannoveraner selbst scheinen ihrer Heimat nicht viel abgewinnen zu können: Zu laut, zu dreckig, zu kriminell. Und auch, wenn Hannover tatsächlich den dritten Platz der gefährlichsten Großstädte Deutschlands belegt, so sollte die Stadt nicht hierauf reduziert werden.

 

„Was der Bauer nicht kennt,…“

 

Schubladendenken scheint uns Menschen nicht nur bei unseren Artgenossen leicht zufallen, sondern auch ein entscheidender Kompass in der Wahl unserer Wohnorte zu sein. Bezieht hierbei jemand bewusst Hannover als Standort in seine Wahl mit ein? Wenn der Job, die Familie oder die Liebe hierher verschlagen, arrangiert man sich mit der neuen Postleitzahl, bewusst für die Stadt entscheiden tun sich jedoch die wenigsten.

Dabei ist es genau dieses Nichtssagende, was eine Stadt durchaus attraktiv machen kann. Eine Stadt, die (offensichtlich) für Nichts steht, kann nämlich zeitgleich für Alles stehen. Gesichtslosigkeit lässt keine Außenseiter zu, denn es gibt keine Stereotypen, anhand derer Abweichungen gemessen werden können. Einheimische vieler Großstädte meint man anhand touristenwirksamer Parameter erkennen zu können. Gern spricht man hier von den „Urgesteinen“, die in einem anderen Umfeld als ihrer Heimat deplatziert wirken würden.

 

In erster Linie unkompliziert

 

Für was würde der typische Hannoveraner stehen? Der erste Fehler dieser Betrachtungsweise liegt bereits in der Formulierung, denn den typischen Hannoveraner gibt es nicht. Nur die wenigsten trinken gern das Heimat-Pils, sind eingefleischte Fans der ansässigen Sportteams oder besuchen die jährlich stattfindenden Volksfeste. Die Identifikation mit der Stadt ist sehr locker, entspannt und nicht unbedingt tief. Es ist wie eine unkomplizierte, langanhaltende Freundschaft: Auch, wenn man sich längere Zeit nicht sieht, versteht man sich nach wie vor gut und es bedarf keiner großen Erklärungen, wie und wo man die Zwischenzeit verbracht hat.

Diese lose Verbindung zwischen Ort und Einwohnern macht eine Stadt schnelllebig, anonym und kurzweilig – ideal also für Leute, die sich orientieren wollen. Ich glaube, dass Einwohner durch ihre Stadt geprägt werden. Eine „gesichts- bzw. farblose“ Stadt wie Hannover schärft in meinen Augen die Sinne für das Bunte, formt tolerante und anpassungsfähige Menschen und lässt den Freiraum sich abseits von Klischees selbst und individuell zu entwickeln.

 

Ich bin ziemlich Hannoverliebt

 

Neben der Vielfalt der Menschen soll an dieser Stelle aber dennoch auf die Schönheit Hannovers hingewiesen sein: Die wirklich schnuckelige Altstadt liegt nicht weit der gut strukturierten Fußgängerzone und des wohl üppigsten Einkaufsbahnhofs Deutschlands. Direkt hier kann man auch entspannte Stunden an der Leine verbringen, wenn man nicht gerade Lust auf Großstadt-Action mit Tatort-Flair am Raschplatz hat. Hipsterviertel grenzen an ruhige Wohngegenden und runtergerockte Wohnblocks. Hannover kann so viel – das glaubt keiner, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und – sorry, aber es ist eigentlich DAS Argument schlechthin – wir sprechen einfach das beste Deutsch!

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Bildquelle: Photo by Henrique Félix on Unsplash unter cc0