Unistart ins Präsenzsemester: Wer ist hier planlos?

Uni im Ausnahmezustand

Es war aber auch kompliziert! Denn auf dem Universitätsgelände gibt es keine klare Gebäudezuordnung. Stattdessen hat man sich ein ausgeklügeltes System aus Zahlen und Buchstaben überlegt. Eine Tatsache, die mich an meinem ersten Tag schier in den Wahnsinn trieb. Mit 234U145 konnte mein Hirn so gar nichts anfangen. Ein freundlicher Herr mit einem großen I auf dem Pulli rettete mich schließlich und schickte mich mit den Worten: „Da wo die lange Schlange ist. Viel Glück!“ zu einem großen grauen Gebäude am Ende des Campus. Was er damit meinte, sah ich sofort. Vor dem Eingang hatte sich eine Schlange formiert, wie sonst nur vor der Achterbahn im Europapark.

„Sorry, was ist denn das Problem?“, fragte ich die junge Frau direkt vor mir. „Abstand halten!“ Grölte es gleich von einem der Herren vorne am Eingang. Erschrocken wich ich einen halben Meter zurück. Die Situation kam mir angesichts der vollen Bahn auf meinem Weg hierher absurd vor. Die junge Frau drehte sich zu mir um: „Die kontrollieren die Ausweise und Impfzertifikate.“ – „Und dann kommt es zu so einer Schlange?“, ich schaute mich verwundert um. Sie zuckte nur mit den Schultern. In dem Moment ging eine Dame an der Schlange vorbei und passierte die Tür. „Und was ist mit ihr?“ – „Die ist Dozentin“, erwiderte sie. „Dozierende müssen keinen Impfnachweis bringen.“ Ach, das ist ja spannend.

Zweierlei Maß

Langsam, aber sicher kam die Schlange voran. Meine Tasche vibrierte und ich schaute auf mein Handy. Meine Mitstudentin Franzi schrieb, sie würde sich verspäten. Bahnchaos. Kommentarlos schickte ich ihr ein Bild der Wartenden und erhielt nur ein entsetztes „Oh Gott! Ich beeil mich!“ zurück.

15 Minuten später hatte ich es tatsächlich an den Türstehern vorbei ins Universitätsgebäude geschafft. Das Berghain war nichts dagegen. Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich entsetzt fest, dass mein Seminar bereits seit 5 Minuten lief. Na toll! Ich sprintete durch die Aula ins Untergeschoss. Rannte durch zwei Gänge, zählte die Räume und riss schließlich die Tür zum Seminarraum auf.

Dicke Luft stieß mir entgegen. Im Türrahmen stehend sah ich einen vollbesetzten Raum. Durch das kleine Fenster im oberen Teil der Wand schien sich kein bisschen Sauerstoff hineinzuzwängen. Im hinteren Teil saß Franzi und winkte mir zu. Ich war irritiert und zwängte mich so leise wie möglich zwischen den anderen bis zu ihr hindurch. Maskenbedeckte Gesichter schauten mich genervt an. „Wie bist du denn hier reingekommen?“, flüsterte ich Franzi zischend zu. „Durch den Notausgang am hinteren Teil des Gebäudes, da wird nicht kontrolliert.“ Ahja, logisch. Der Typ neben mir hustete lautstark. Na toll, wenn ich mir hier kein Corona fange, dann zumindest eine ordentliche Grippe.

Der Seminarleiter erklärte uns in der folgenden Stunde die Regeln für das kommende Semester. Alle Punkte müssten in Präsenz erworben werden, es herrsche Anwesenheits- und Maskenpflicht, lediglich der Dozent dürfte die Maske abnehmen. Klar, der war ja auch nur der Einzige, der nicht am Eingang kontrolliert wurde. Ich verkniff mir meinen Kommentar. Anschließend unterrichtete er uns darüber, dass das Universitäts-Wlan derzeit leider noch nicht funktionsfähig sei und darüber hinaus aufgrund der Corona-Situation auch die Beamer nicht funktionieren würden, da die Chips nicht lieferbar wären.  

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.