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Zahlen des Vergessens: Wenn Likes mehr Wert sind als Respekt

66 Prozent der amerikanischen Millennials wissen nicht, was Auschwitz ist. Warum erinnern unseren Respekt bewahrt.

Der Instagram-Account „Auschwitz Fit Pics“ ist eines der verstörendsten Dinge, die es aktuell auf der Fotoplattform zu finden gibt. Junge Menschen posen auf den Eisenbahnschienen vor dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Diese Eisenbahnschienen brachten zu Kriegszeiten täglich Menschen in das Vernichtungslager. Über 1.1 Millionen Menschen wurden auf die schrecklichsten Arten in Auschwitz ermordet. Darunter allein eine Millionen Juden aus ganz Europa. Auschwitz ist zu einem Symbol für die Shoah, wie der Holocaust des Zweiten Weltkrieges an den Juden korrekt bezeichnet wird, geworden.

Seit einigen Jahren beobachtet die Gedenkstätte Auschwitz jedoch einen krassen Trend: Aus der Gedenkstätte Auschwitz wird die Touristenattraktion Auschwitz. Junge Menschen posieren vor den Baracken, sie zeigen ihre Fashionblogger-Outfits, lächeln auf den Eisenbahnschienen sitzend in die Kamera, halten ihre Hände im Peacezeichen in die Luft, während sie auf dem Exekutionsfeld stehen. Die Bilder wirken verstörend, befremdlich und lösen eine saure Übelkeit im Magen der Betrachter aus. Wie kann es sein, dass Menschen an einem der schlimmsten Orte der Welt nur an ihr Aussehen denken? Hat unsere Generation vergessen was passiert ist? Ist „Auschwitz Fit Pics“ ein Phänomen unserer Zeit?

Fancy Fashion-Fotos in Auschwitz

Jason Cryer, ein amerikanischer Graphikdesigner gründete Ende Januar diesen Jahres den Instagram-Account „Auschwitz Fit Pics“. Anders als es auf den ersten Blick scheint, ist das Profil keine Platform für Auschwitz-Fashion-Pics, sondern ein Account, der diesen Trend aufdecken und Aufmerksamkeit auf das Problem dahinter lenken will. „Ich war überrascht, dass manche dachten, der Account würde den Trend promoten oder sogar unterstützen“, sagt Cryer. Er berichtet, dass er viele verschiedene Reaktionen erhalten habe. „Viele verstehen die Intention hinter dem Account nicht, aber ich suche dann immer den Dialog mit diesen Menschen. Andere unterstützen mich und möchten ebenfalls wie ich ein Ende dieses Trends sehen.“ In der Tat ist es auf den ersten Blick nicht ganz einfach zu erkennen, dass der Account eigentlich auf das Problem aufmerksam macht. Ein kleiner Text in der Bio weist auf die Gedenkstätte Auschwitz hin, ein Link führt zu einem Artikel der New York Times, die vom schwindenden Wissen über den Holocaust berichtet. Cryer stellt die Bilder unkommentiert auf die Plattform, allerdings werden keine Gesichter gepixelt und auch der Username der Fotografierten wird öffentlich gezeigt. Hat er nicht trotzdem Bedenken, dass sein Account als Promotingplattform missbraucht wird? „Ich hoffe nicht. Ich persönlich sehe das wirklich nicht so. Die Fotos sprechen für sich. Dass diese Fotos in Auschwitz gemacht wurden, macht sie gerade so verstörend, weil es die tatsächliche Stätte der Gräueltaten ist.“

Den Account hatte er ursprünglich kreiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Menschen immer weniger über den Holocaust wüssten, besonders Millennials. „Mich interessierte, ob sich das auch auf Instagram abzeichnen würde, also habe ich mir die Geotags von Auschwitz angeschaut. Ich war erschüttert, so viele respektlose, ‚glamouröse‘ und eigenwerbliche Fotos zu finden, die an diesem schrecklichen Ort geschossen wurden. Der Account ist dazu da, diesen kleinen Teil eines viel größeren Problems hervorzuheben.“

 

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Millennials wissen nicht was Auschwitz ist

Das größere Problem, das Cryer andeutet, ist wirklich groß. Die Claims Conference, eine amerikanische Stiftung, die sich für die Rechte und Ansprüche von Holocaustüberlebenden einsetzt, konnte in einer großangelegten Studie erschreckende Zahlen zutage fördern. 41 Prozent der US-Amerikaner wissen nicht was Auschwitz ist, bei den Millennials waren es sogar 66 Prozent. 49 Prozent der befragten Millennials konnten in der Studie kein einziges KZ beim Namen nennen. 52 Prozent der US-Amerikaner meinen, Hitler hätte die Macht durch Gewalt erlangt und nicht, wie in Wirklichkeit, durch Wahlen. In Deutschland sieht die Situation wenig besser aus. Laut einer Umfrage von CNN gaben 40 Prozent der Millennials an ‚wenig‘ oder ‚gar nichts‘ über den Holocaust zu wissen. Etwas besser sieht es bei dem Wissen von 14-bis 29-Jährigen über das Vernichtungslager Auschwitz aus. 78 Prozent dieser Altergruppe wussten in einer Studie der Körber-Stiftung was Auschwitz ist. Wird diese Altergruppe jedoch aufgeteilt, sieht es schon schlechter aus. Von den unter 17-Jährigen wussten nur noch 47 Prozent von Auschwitz.

Auch wichtig: Holocaust-Überlebende: „Es ist nicht eure Verantwortung, was passiert ist. Aber es ist eure Verantwortung, was sein wird.“

#Yolocaust

Ist es ein Symptom unserer digitalisierten Zeit, dass Millennials, die Auschwitz besichtigen, den Ort lieber nutzen, um ihren Instagramaccount auf Vordermann zu bringen, statt sich dafür zu interessieren was an diesem Ort eigentlich geschehen ist? Zählen Likes mehr als Respekt vor den Toten? Bereits 2017 beschäftigte sich der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira mit diesem Phänomen. Das Mahnmal der ermordeten Juden in Berlin war dabei zentraler Inhalt. Viele Menschen hatten dieses genutzt (und tun es vermutlich leider immer noch), um Selfies und Lifestylefotos für ihre Social-Media-Accounts zu schießen. Shahak Shapira gründete daraufhin das Projekt Yolocaust. Er sammelte 12 Fotos, die pietätloser nicht hätten sein können und photoshoppte die Menschen, die zu sehen waren, in historische Aufnahmen, die während des Holocaust in KZs entstanden waren. Das Projekt zeigte großen Erfolg, zudem wurden alle 12 Bilder aus den sozialen Medien entfernt.

In Auschwitz scheint das Problem der selfiewütigen Millennials nahezu genauso große Ausmaße zu haben. Die Gedenkstätte sah sich mittlwerweile genötigt, auf Twitter eine Art Anstandswarnung zu veröffentlichen. Auch die Deutsche Welle berichtete in einem Beitrag über diesen geschmacklosen Trend:


Jason Cryer ist froh, diese Tweets zu sehen, sie zeugen davon, dass das Problem des mangelnden Respekts gegenüber den Opfern erkannt wird. Ob das allerdings ein Symptom unserer Zeit ist, kann er nicht eindeutig beantworten: „Ich weiß es nicht genau. Es scheint als würden die Menschen immer gedankenloser Fotos posten. Ich glaube, dass die Fotos einen Mangel an Bewusstein über den Holocaust aufzeigen. Wenn die Leute ein tieferes Verständnis für die Grausamkeiten des Holocaust hätten, würden sie sicher nicht so handeln. Es ist überhaupt nicht falsch, Fotos von sich aufzunehmen. Aber das in Auschwitz zu tun, ist äußerst unangebracht“.

Die heutigen Millennials sind die letzte Zeitzeugen-Generation, die jemals existieren wird. Keine andere Generation wird jemals wieder den direkten menschlichen Kontakt mit Holocaustüberlebenden suchen können. Diese Generation, die auf den sozialen Netzwerken ebenso Zuhause ist, wie im analogen Leben, hat die Aufgabe das Andenken an die Toten zu wahren und über die Vergangenheit aufzuklären. Tut sie das nicht, entstehen offensichtliche Anstandslosigkeiten wie die bei „Auschwitz Fit Pics“ gezeigten Bilder. Was kann diese Generation also tun, um die Erinnerungsarbeit an den Holocaust zu stärken und zu unterstützen?

Cryer: „Gebt euch Mühe, informiert zu sein. Schaut nicht weg, nur weil euch das Thema unangenehm ist. Der Holocaust ist eine unglaublich schmerzvolle Zeit der Menschheitsgeschichte gewesen. Es ist unsere Aufgabe, es nicht erneut geschehen zu lassen.“

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Bildquelle: Pexels mit CCO Lizenz.

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