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Basti, 27, und Benjamin, 33, sind Schwuhplattler

Vor über 20 Jahren gründete Sepp Stückl den ersten schwulen Schuhplattel-Verein der Welt: Die Schwuhplattler.

Sie schnalzen, sie klatschen in die Hände, auf die Schenkel, auf die Schuhsohlen, dass es nur so kracht. Sie stampfen im Takt zur Musik, die ein Akkordeon in der Ecke live spielt. Die Schwuhplattler treffen sich zur Probe. Morgen steht ein großer Auftritt an und die bayerischen Volkstänze des Schuhplattelns müssen sitzen. Die Schwuhplattler, das sind eine Gruppe schwuler Männer, die sich regelmäßig treffen um ihrer Liebe zum Bayerischen Volkstanz nachzugehen. ZEITjUNG hat mit Basti und Benjamin von den Schwuhplattlern, über Heimat, Tradition und Schwulsein im Volkstanz gesprochen.

Community und Heimat

Benjamin, 33, ist seit ein paar Jahren dabei, Basti, 27,  seit vergangenem Jahr. „Ich habe die Schwuhplattler beim Christopher Street Day gesehen und dachte mir, das ist cool, das probiere ich mal aus“, sagt der gebürtige Kölner Benjamin. „Ich habe mir echt innerhalb von drei oder vier Monaten alle Tänze ins Hirn gepresst – ich bin sehr ambitioniert dabei“, sagt er und lacht. Basti kommt aus Bayern und ist mit Volkstanz, Tracht und Co. aufgewachsen: „Meine Eltern sind im Trachtenverein und schon als Kind war ich auf den Umzügen mit dabei“. Über eine Freundin hat er nach seinem Umzug nach München von den Schwuhplattlern erfahren.

Basti wertschätzt an den Schwuhplattlern besonders die Gemeinschaft: „Die Community macht viel aus. Hier ist alles recht entspannt: Man kann sagen, was man will, man kann einen Witz reißen und der wird nicht böse verstanden, bloß, weil man schwul ist. Das Schwulsein als gemeinsamer Hintergrund sorgt dafür, dass wir eine Gemeinschaft sind.“ Benjamin stimmt ihm da zu: „Das soziale Umfeld bringt uns zusammen. Wir haben Auftritte in der schwulen Community wie zum Beispiel auf dem Christopher Street Day. Aber auch bei traditionellen Events wie dem Maitanz an der Bavaria oder dem Oktoberfest. Von daher ist das sehr spannend, dass wir da Heimat und Schwulsein verbinden“.

Das Akkordeon dudelt los. Die Plattler stellen sich vor der Tür des Probenraumes auf und marschieren im Takt der Musik los. Zackig laufen sie ein und stellen sich geordnet auf. Heute trainieren Gäste des Berliner Pendants Querplattler mit den Münchnern und ein Trachtenverein aus dem Schwarzwald ist extra zum Zuschauen angereist.

Traditionsbewusst, heimatverbunden, schwul

Auch wenn in Bayern Tracht, Volksfeste und Tradtion zum Alltag gehören und die Bräuche verwurzelter sind als in anderen Teilen Deutschlands, sind Volkstänze auch in anderen Regionen ein Bereich, in dem eigentlich strenge Rollenverteilungen vorgegeben werden.

Gerade Schuhplatteln ist ein Volkstanz, mit dem die Männer („die Buam“), die Frauen („die Dirndl“) früher umwarben. Es gibt viele verschiedene Tänze, die sich auch von Region zu Region unterscheiden. Traditionell werden Plattel als Paar getanzt. Der Mann dreht die Frau aus, während er plattelt, dreht sie sich im Kreis um ihn herum.

Die Schwuhplatter wurden 1997 gegründet und waren der erste schwule Schuhplattelverein der Welt. Wie aber passen Traditionen, die ja oft ein konservatives Image haben, mit Schwulsein zusammen? Benjamin: „Für mich bedeuten Traditionsbewusstsein und Heimatverbundenheit nicht, dass das Liberalismus und Offenheit ausschließt. Ich bin dem Verein beigetreten, weil ich genau diese Verbindung toll finde. Unser Credo ist ja, Tradition mit unserer sexuellen Identität zu verbinden und ich finde, das ist eine tolle Sache.“ Basti stimmt ihm zu: „Tradition und heimatverbunden sein, bedeutet für mich, Tracht zu tragen, traditionelle Tänze zu üben und bei traditionellen Events aufzutreten. Das Schwulsein, das wir ja groß im Namen tragen, sorgt für nochmal mehr Gemeinschaftsgefühl.“

Liebe zum Volkstanz

Sepp Stöckl,“Urvater“ der Schwuhplattler, gründete den Verein, um seiner Liebe zum Volkstanz nachzugehen. Er war jahrelang in Volkstanzvereinen aktiv, als er aber dann seinen Freund mitbrachte, stieß ihm heftige Ablehnung entgegen und er verließ den Volkstanzverein. Seine Leidenschaft für bayerische Tänze wollte er aber nicht aufgeben und gründete einfach einen Verein, in dem jeder mit jedem tanzen darf. Nach mehr als 20 Jahren Bestand, haben die Schwuhplattler heute über 100 Mitglieder.

Mittlerweile ist der Verein in München gut etabliert. Bei den Events sind meist alle Plätze ausverkauft und die Stimmung ist gut. „Das ist immer sehr lustig. Jeder darf mit jedem tanzen und eben nicht nur Dirndl mit Buam. Das ist genau diese Heimatverbundenheit und das Schwulsein, was den Verein ausmacht“, sagt Benjamin. Mittlerweile sähen viele den Volkstanz etwas lockerer, bei ihren Auftritten hätten die Beiden persönlich noch nie etwas Negatives wahrgenommen.

Schuhplatteln als Workout

Für Benjamin und Basti gehört viel mehr zu den Schwuhplattlern als die Pflege von Tradition. Auch der sportliche Aspekt ist ihnen wichtig. „Nach dem Training bin ich jedes Mal fix und fertig und mir tut alles weh“, sagt Basti. Schuhplatteln sei nicht nur ein anstrengendes Workout, berichtet Benjamin, sondern auch koordinativ ziemlich anspruchsvoll. Und tatsächlich: nach drei Tänzen stehen die Plattler schwer atmend im Probenraum und wischen sich die Schweißperlen von der Stirn. Jetzt wird der Bandeltanz geübt (siehe Bild). Ein Volkstanz bei dem die Tänzer mit Bändern in der Hand um eine Art Maibaum tanzen und dabei ein Muster flechten. Der Tanz, so erklärt Benjamin, ist ziemlich tückisch, viel kann schief gehen. Die Tänzer scherzen und reißen ihre Witzchen, als sich die Bändel eines Bändelpaars verknoten und erst nach langem Ausdröseln wieder entknotet werden können.

Wenige junge Leute in Vereinen

Wie viele Vereine haben auch die Schwuhplattler Nachwuchsprobleme. „Für Vereine ist es insgesamt schwierig an junge Leute zu kommen“, sagt Benjamin. Wenige, so mutmaßt er, wollen sich noch auf einen Verein festlegen und ihre Interessen lieber digital verfolgen. Wer bei den Schwuhplattler mitmachen will, sollte vor allem Spaß an der Sache mitbringen, sagt er. „Und kontaktfreudig sollte man sein“, ergänzt Basti, „Das ist das Schöne an einem Verein, man kommt wirklich mit jedem in Kontakt“.

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Bildquelle: Benjamin Hahn

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