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Eine Liebeserklärung an: Die Serie „Sense8“

Netflix wollte die grandiose Sci-Fi-Serie nach zwei Staffel absetzen – aber hat die Rechnung ohne die Fans gemacht.

Achtung: Dieser Text enthält Spoiler!

Ich war zunächst sehr skeptisch, als mir die Serie „Sense 8“ vor über einem Jahr zum ersten Mal von Netflix vorgeschlagen wurde. Nicht schon wieder so ein Sci-Fi-Bullshit. Der Trailer konnte mich kaum weniger catchen und mir war danach immer noch nicht wirklich klar, wovon die Serie überhaupt handelt. Als ich einige Monate später allerdings in meinem Wintertief vor mich hindümpelte und nach einer neuen Serie suchte, die meine unbeschreibliche Netflixsucht zumindest für einige Zeit befriedigen konnte, entschied ich mich doch dazu, Sense8 eine Chance zu geben. Bereits nach der ersten Folge war ich hin und weg. Und mit den insgesamt 12 einstündigen Folgen der ersten Staffel hatte Sense8 einen Platz in meinem Herzen gewonnen.

 

Facetime ohne Telefon

 

Die Serie beginnt mit der „Geburt“ der acht Sensates und dem darauf folgenden Selbstmord ihrer Mutter Angelica. Capheus, Sun, Nomi, Kala, Riley, Wolfgang, Lito und Will leben auf verschiedenen Kontinenten, sind in unterschiedlichsten Kulturen aufgewachsen und sich dennoch in vielen Punkten ähnlich. Auch wenn sie es anfangs selbst nicht verstehen, finden sie bald heraus, dass sie mental und emotional miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig besuchen können, ohne ihren tatsächlichen Standort zu verlassen – oder wie es in der Serie genannt wird: „Facetimen ohne Telefon.“ Fast genau so schnell wird klar, dass sie von einem gewissen „Whispers“ und einer im Hintergrund stehenden Geheimorganisation verfolgt werden. Doch das ist nicht das einzige Problem, vor dem das Cluster steht. So versucht Lito in Mexiko trotz der ihm entgegengebrachten Homophobie weiter als Action-Schauspieler die Frauenherzen zu erobern, in einem Slum in Nairobi benötigt Capheus dringend teure Medikamente, um seine HIV-kranke Mutter zu pflegen, Wolfgang findet sich nach dem Tod seines Onkels inmitten eines Bandenkriegs in Berlin wieder und in Südkorea macht es sich Sun zum Ziel, ihren machthungrigen Bruder zu töten, bevor er sie erledigen kann.

 

 

Deutscher Badboy oder reicher Ehemann?

 

Die Sensates können dabei auf die Fähigkeiten der anderen in ihrem Cluster zurückgreifen. Stellt euch vor, ihr könntet mit euren besten Freunden auch noch eure Skills teilen. So kann Capheus die Gangster in Nairobi mit Hilfe von Suns Kampfkünsten in die Flucht schlagen, Wills polizeiliche Ausbildung kommt dem Cluster gerade in brenzligen Situationen zugute, und Nomis Hackerkenntnisse sind vor allem bei Suns Gefängnisausbruch mehr als hilfreich. Die Serie ist geladen mit brutalen Action- und Kampfszenen. Doch auch für Liebe und Sex bleibt Zeit. Neben immer wiederkehrenden telepathischen Orgien werden die Transgenderfrau Nomi und ihre Freundin Amanita direkt durch eine Sexszene vorgestellt, bei der am Ende der feuchte, regenbogenfarbene Umschnalldildo unsanft auf dem Boden neben dem Bett landet. Auch das Liebesdrama zwischen Wolfgang und Kala berührt alle Fans der Serie besonders. Wann wird die wunderschöne Chemikerin aus Mumbai endlich einsehen, dass sie mit dem deutschen Badboy glücklicher sein wird als mit ihrem reichen Ehemann? Das bisher einzige Clusterpaar Will und Riley durchlebt gemeinsam ebenfalls einige Höhen und Tiefen. Wir erfahren unter anderem, dass Riley in Island hochschwanger verunglückte und dabei nicht nur ihr Kind, sondern auch ihren Mann verlor. Will dagegen ist gezwungen, sich mit Heroin selbst auszuschalten, da er bei einer Rettungsakton den Fehler beging, Whispers in die Augen zusehen und seither von ihm verfolgt wird. Diese Szenen lassen einen zitternd und verstört vor dem Bildschirm zurück. Außerdem ist Will der einzige Sensate, der bereits vor seiner „Geburt“ Erfahrungen dieser Art gemacht hat. Bereits als Kind sah er die Erscheinung eines verschwundenen Mädchens, mit dessen Fall sein Vater betreut war. Dieser ungelöste Fall bewegte ihn letztendlich auch dazu, selbst Polizist zu werden.

 

Neuer Wind für die Fernsehindustrie

 

Die Serie ist neben anderen Netflix-Originals wie Orange Is The New Black eine der wenigen Shows, die Homosexuelle und Transgender-Personen nicht in die typischen TV-Klischees presst. Nomi kämpft gegen das Unverständnis ihrer Eltern, die sie absichtlich weiterhin Michael nennen und ihre Geschlechtsumwandlung nicht akzeptieren wollen. Doch ihre ausgeflippte, aber unglaublich liebenswerte Freundin Amanita steht ihr immer zur Seite und macht uns Fans durch ihre reine Anwesenheit schon glücklich. Lito lebt in einer monogamen Beziehung mit seinem wundervollen Freund Hernando und muss sich mit den negativen Folgen seines ungewollten Coming-Outs herumschlagen. Doch gerade Dani, die Person, die nicht unwesentlich Schuld an seinem Coming-Out trägt, hilft ihm aus seiner Misere zurück ins Showbusiness. Diese reale Darstellung der LGBTQ-Charaktere rührt wohl nicht zuletzt daher, dass die Drehbuchschreiberinnen selbst zwei Transgender-Frauen sind. Die Wachowski-Geschwister Lana und Lilly sind spätestens seit ihrem Durchbruch mit der Matrix-Trilogie in der Filmbranche hoch geschätzt. Mit Sense8 wollten die Geschwister ihren neuen Wind diesmal in die Fernsehindustrie bringen. Aus diesem Grund entschieden sie sich dazu, eine globale Serie zu drehen, die nicht in Fake-Kulissen in Hollywood, sondern in den jeweiligen Ländern und Städten gedreht werden sollte.


Auch die Schauspieler wurden global gecastet, anstatt auf den Hollywood-Pool zurückzugreifen. So spielt beispielsweise der deutsche Max Riemelt die Rolle des Berliner Kriminellen Wolfgang. Die Dreharbeiten der Serie liefen ebenfalls eher unkonventionell ab: Das gesamte Team flog gemeinsam von Land zu Land, um dieselben Szenen immer wieder zu drehen. So bekam auch jeder Darsteller die Chance, dem Team die Besonderheiten seiner eigenen Stadt zu zeigen. Das stärkt den Zusammenhalt des Casts, die sich selbst als kleine Familie bezeichnen. Diese persönlichen Freundschaften lassen die Serie noch authentischer wirken. Dies wird weiter unterstützt, indem die Schauspieler aus und in den Frame springen, anstatt im Anschluss an die Dreharbeiten mit Hilfe von Computertechnik und Greenscreen eingefügt zu werden. Sie können den Vibe des jeweiligen Landes aufnehmen und das auch in ihrer Performance wiederspiegeln. Insgesamt ist den Wachowski-Geschwistern ein wahres Meisterwerk gelungen.

 

Abgesetzt trotz Cliffhanger

 

Doch dann wurde der Fangemeinde von Sense8 weniger als einen Monat nach der Veröffentlichung der zweiten Staffel ein Messer ins Herz gerammt, als Netflix die Absetzung der Serie bekannt gab. Die Serie habe mit circa 9 Millionen Dollar pro Folge zu wenig Zuschauer angezogen und sei für das Unternehmen nicht mehr rentabel. Dass diese Verkündigung ausgerechnet am 1.Juni, also dem ersten Tag des amerikanischen „Pride-Months“ gemacht wurde, sahen viele Fans als Schlag ins Gesicht und wollten nicht akzeptieren, dass ihre Lieblingsshow mit einem riesigen Cliffhanger bereits nach der zweiten Staffel aufhören sollte. Unter dem Hashtag #GlobalCluster riefen sie dazu auf, Emails und Tweets an die Verantwortlichen bei Netflix zu schicken. Über den kompletten Juni hinweg beschwerten sich die Fans und sammelten bei einer Online-Petition sogar über eine halbe Millionen Unterschriften. Auch wenn Netflix vorerst alle Bemühungen der Fans zunichte machte, überraschten sie den Global Cluster am 29.06. diesen Jahres mit der Nachricht, dass es ein 2-stündiges Finale geben wird.

 

Auch die Drehbuchautorinnen zeigten sich via Twitter sehr gerührt von dem großen Engagements der Fans: „The collective voice that rose up like the fist of Sun to fight for this show was beyond what anyone was expecting.“ Doch nicht nur die Macher und Schauspieler von Sense8 waren überrascht und glücklich. Neben ihnen freuten sich tausende Fans (darunter auch ich), dass ihre Lieblingsserie zumindest noch ein wohlverdientes Ende bekommt und warten jetzt schon auf die Veröffentlichung des Finales, das für 2018 angesetzt ist. „And I said hey! What’s going on?“

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