Fütterer is(s)t anders: Was einem über die Milchindustrie verchwiegen wird

Zwei Kaffeegetränke auf einem Tisch

Elina Fütterer ist Ökotrophologin, Yoga-Lehrerin und Surfer Girl. In ihrer Kolumne schreibt sie über die wichtigste Hauptsache der Welt: Essen. Genuss ist ein Muss – ohne dabei Gesundheit, Nachhaltigkeit und Ethik außer Acht zu lassen. Elina nimmt euch mit auf ihre kulinarische Reise.

Leere Bierkästen auf dem Balkon, zerbrochene Gläser in der Küchenspüle und ein paar herrenlose Jacken in der Flur-Garderobe, die im Eifer des Gefechts vergessen wurden: Die WG-Party meines (angeschwipsten) Kumpels neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Auch ich gehöre noch zum Party-Inventar, krame nun aber müde meinen Fahrradschlüssel aus der Tasche, um mich still und heimlich aus dem Staub zu machen, bevor ich zum Aufräumen verdonnert werden kann. „HALT!“. Mist. Mein Kumpel schaut mich verschwörerisch an. „Ich wollte dich schon den ganzen Abend etwas fragen“.

Ich denke mir: „Fuck, was kommt denn jetzt?“. Räuspern. „Jetzt mal unter uns. Das mit dem Fleischessen und dass es schlecht für die Tiere und die Umwelt ist, verstehe ich ja. Aber wieso soll man denn keine Milch mehr trinken dürfen?! Kühe geben doch sowieso Milch.“ Ich atme erleichtert auf. Und muss lachen. Dafür hat er den ganzen Abend gebraucht? Aber ich bin froh, dass er mich gefragt hat. Auch, wenn ich weiß, dass der Abend jetzt noch lange nicht zu Ende ist.

Die (fast) reine Weste der Milchindustrie

Milch hat ein sauberes Image. Oft schießen einem automatisch Bilder von weiß-braun gefleckten, glücklichen Kühen auf grünen Alpenwiesen und mit Glocke um den Hals in den Kopf, wenn wir an den weißen Trunk denken. Schon als Kind wird uns eingetrichtert, dass Milch wichtig für unsere Knochen, das Wachstum und unsere Gesundheit ist. Mittlerweile häufen sich aber auch Untersuchungen, die negative Effekte, wie den Einfluss von Milchprotein auf Akne, nachweisen wollen.

Die Studienlage ist widersprüchlich – sowohl Milchliebhaber*innen als auch Milchgegner*innen können in der Fachliteratur entsprechende Belege für ihre Thesen finden. Aber ganz egal, ob Milch nun gesund oder ungesund ist: Bei der ganzen „Ist Milch gesund?“-Diskussion werden andere Aspekte viel zu gerne außen vor gelassen.

Kühe als Hochleistungs-(Gebär)maschinen

Was oft vergessen wird: Milch ist Säuglingsnahrung. Sie kann nur produziert werden, wenn eine Kuh schwanger ist, bzw. ein Kalb zur Welt gebracht hat. In der Milchindustrie werden die Kühe dafür künstlich geschwängert. Und zwar nicht nur alle paar Jahre einmal, sondern permanent. Denn nur so kann der Nachfrage nach Milch effizient nachgegangen werden.

Man stelle sich einmal vor: Man wird geschwängert, man gebärt ein Baby und im Anschluss wird man gleich wieder geschwängert. Zu guter Letzt werden einem seine eigenen Kinder nur wenige Stunden nach der Geburt weggenommen, da es aus Kosten- und Platzgründen nicht möglich ist, sie bei der Mutter zu lassen. Und: Würden die Kälber selbst die Muttermilch trinken, würde natürlich weniger Milch zum Verkauf übrigbleiben. Wie auch bei anderen Säugetieren ist die Verbindung zwischen Kälbchen und Mutter sehr stark und die Tiere leiden extrem darunter, wenn diese Verbindung oft schon in den ersten Stunden nach der Geburt gebrochen wird. Ob Milch für Kälber für den menschlichen Konsum geeignet ist, sei außerdem dahingestellt.

Und was passiert mit den Kälbern? Männliche Kälbchen werden entweder nach der Geburt getötet oder gemästet und zu Fleisch weiterverarbeitet. Weibliche Kälber werden mit Kraftfutter schnell groß gezüchtet, bis auch sie im gebärfähigen Alter sind. Dann ereilt sie dasselbe Schicksal wie ihren Müttern: Ein schmerzvolles, schwangeres Leben in Gefangenschaft, das mit dem Tod belohnt wird. Milchkühe durchlaufen diesen Prozess so oft, bis sie vor körperlicher Erschöpfung zusammenbrechen.

Neben meinem Ökotrophologie-Studium und der Ausbildung zur Journalistin habe ich auch als Flugbegleiterin die Welt unsicher gemacht. Neugierig, abenteuerlustig und immer hungrig: Auf der Suche nach der perfekten Welle und der besten Açai-Bowl futterte ich mich schon durch mehr als 80 Länder.