Hybristophilie: Wenn Frauen Mörder lieben

Warum wollen manche Frauen eine Beziehung zu einem verurteilten Mörder unterhalten? Bild: Pexels

“Oh my god! He’s way to handsome to go to jail!” Mein Finger ruht für einen Moment auf dem Bildschirm meines IPhones. Was habe ich da gerade gelesen? Verstohlen schaue ich mich im Hörsaal um. Ich sitze in einer Vorlesung über Statistik in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Nicht gerade mein Steckenpferd, denn Zahlen und ich sind keine Freunde.

Eigentlich ein Grund mehr, weshalb ich nun dringend aufpassen sollte. Doch stattdessen treibe ich mich auf Twitter herum. Irgendwo zwischen Genderdebatten und Diskussionen zu Gil Ofarim scheine ich jedoch falsch abgebogen zu sein, denn aus irgendwelchen Gründen ist mir oben genannter Tweet in die Timeline gespült worden. Ich scrolle nochmal zurück. Ja, doch, das steht da wirklich. Verdutzt klicke ich auf den Hashtag unter dem Tweet.

Innerhalb von Sekunden fluten verstörende Sätze und Bilder meinen Twitterfeed. Junge Mädchen und Frauen, die darüber sprechen, dass ein so junger und hübscher Kerl nicht ins Gefängnis gehen sollte. Heiratsanträge, Forderungen auf Freispruch und Liebeserklärungen.

Was zur Hölle hab ich denn da wieder nicht mitbekommen?

Ich öffne meinen Browser und gebe Cameron Herrin in die Suchleiste ein. Da kommen wir der Sache doch schon näher. Der Junge scheint ja ein richtiges Phänomen zu sein! Für diejenigen, die es auch nicht mitbekommen haben, hier ein kleines Update.

Der 21-jährige Cameron hatte sich 2018 mit einem anderen Jungen ein illegales Rennen in Florida geliefert und dabei die 24-jährige Jessica und ihr zwei Monate altes Baby überfahren. Nun wurde er wegen Mordes zu 24 Jahren Haft verurteilt. Ein Urteil, mit dem ein erschreckend großer Teil von Twitter und Tiktok überhaupt nicht einverstanden ist. Jedoch nicht, weil sie ihn für unschuldig halten, sondern – haltet euch fest – weil er zu niedlich ist.

Aussagen wie: „Ein so hübsches Gesicht verdient eine zweite Chance“ oder „Bitte, nehmt ihm dieses Lächeln nicht! Es wäre eine Verschwendung“ sind keine Seltenheit. Empathie für die Familie des Opfers? Fehlanzeige. Es ist ja auch nicht so, dass Cameron das erste Mal viel zu schnell unterwegs war. Der junge Mann ist Wiederholungstäter. Seinen Fans ist das egal. Auf Tiktok werden Ausbruchspläne geschmiedet und Videos mit Titeln wie „Mama, ich liebe einen Killer!“ gehen viral.

Meine Neugier ist geweckt. Was ist nur los mit den Menschen? Ich schaue auf die Uhr. Noch 40 Minuten Vorlesung, genug Zeit für tiefgreifende Recherchen.

Mit den Begriffen Frau Mörder Liebe werde ich schließlich fündig. Im ausgeprägtesten Fall bezeichnen Soziologen diese Schwärmereien für Straftäter als Hybristophilie.

Hierbei geht es jedoch nicht um das übliche Klischee, dass Frauen auf Bad Boys stehen, sondern um richtige Schwerverbrecher. Kommentare wie: „Ich verliebe mich immer in den Falschen!“ qualifizieren also noch nicht zur Hybristophilie.

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.