Doppelte Staatsbürgerschaft: Kann man junge Menschen in eine Identität zwängen?

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Die doppelte Staatsbürgerschaft wird seit vielen Jahren immer wieder in Politik und Gesellschaft diskutiert – und das ist gut so, denn sie ist für viele Menschen eine ziemlich wichtige Sache. Erst 2014 wurden die Regelungen für Mehrstaatigkeit gelockert, jetzt soll diese Gesetzeslage nach Meinung der CDU/CSU und FDP in ihrer jetzigen Form wieder abgeschafft werden.

 

Eltern aus zwei Nationalitäten bekommen Kinder mit zwei Staatsangehörigkeiten

 

Da wir Deutschen ja bekanntlich sehr auf Bürokratie stehen, könnte die Gesetzeslage bei der Doppelten Staatsbürgerschaft komplizierter nicht sein. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, an einen Doppelpass zu gelangen: Zum einen durch die Mehrstaatigkeit nach dem Abstammungsprinzip. Kinder, deren Eltern aus zwei Nationalitäten stammen, übernehmen nach der Geburt beide Staatsangehörigkeiten und müssen sich mit der Volljährigkeit nicht für eines der beiden Länder entscheiden, sondern besitzen zwei Pässe mit den jeweiligen Rechten der Länder. Besondere Regelungen gibt es außerdem bei Spätaussiedlern, diese erwerben die deutsche Staatsangehörigkeit, ohne, dass sie ihren bisherigen Pass abgeben müssen. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer Doppelten Staatsbürgerschaft bei Einbürgerung durch das Geburtsortsprinzip. Bis 2014 mussten sich in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern sich bis zum 23. Lebensjahr entscheiden, ob sie die deutsche oder die ausländische Staatsbürgerschaft annehmen wollen.

 

Mehr Staatsangehörige mit allen Rechten

 

Dank eines Kompromisses der großen Koalition und der damit verbundenen Abschaffung der Optionspflicht können Kinder seit 2014 beide Pässe behalten. Vorausgesetzt sie leben seit mindestens acht Jahren in Deutschland, besuchen seit sechs Jahren die Schule hier oder haben einen deutschen Schul- oder Berufsabschluss. Genau diese Regelung soll laut den Wahlprogrammen der CDU/CSU und FDP nun wieder rückgängig gemacht werden. Konkret würde dies bedeuten, dass spätere Kinder- und Enkelgenerationen von Mehrstaatlern wieder gezwungen werden, sich für einen der beiden Pässe zu entscheiden. Denn bei der Optionspflicht handele es sich um ein Relikt, das die Integration vieler junger Einwanderer erschwere. „Wir brauchen keine Ausbürgerungen, sondern mehr Staatsangehörige mit allen Rechten und Pflichten“, so SPD Politiker Thomas Oppermann.

 

Was sagen junge Mehrstaatler darüber?

 

EU-Bürgern und aus der Schweiz stammenden Personen ist es ohnehin möglich, eine doppelte Staatsbürgerschaft anzunehmen. Besonders wichtig ist diese Regelung aber für Kinder von Nicht-EU-Bürgern, zum Beispiel für Kinder von türkischen Eltern – gerade in Bezug auf Dinge wie das Wahlrecht im jeweiligen Land. Wer also zwei Pässe hat, darf in demokratischen Staaten in beiden Ländern wählen. Laut einer Volkszählung und Analyse der Melderegister (Zensus 2011) haben knapp 4,3 Millionen Personen in Deutschland zwei Pässe. Davon hatten 690.000 Deutsche zusätzlich die polnische, 570.000 die russische und 530.000 die türkische Staatsangehörigkeit. Rund 1,5 Millionen Türken haben keinen (zusätzlichen) deutschen Pass, sondern nur ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Das Thema spielt in der deutschen Gesellschaft also eine wichtige Rolle. Wir haben mit drei jungen „Mehrstaatlern“ über ihre Identität und die Bedeutung der Mehrstaatigkeit in ihrem Leben gesprochen.

 

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    Joanna, 22, hat einen deutschen und einen brasilianischen Pass

    Was bedeutet Identität für dich?
    Identität hat für mich nicht viel mit Pässen zu tun, sondern eher mit meinem Charakter. Die Pässe beweisen nur, aus welchem Land ich stamme und sagen sonst nicht viel über mich aus.

    Ist es wichtig für dich, beide Identitäten in Form von Pässen zu haben? 
    Halb ja, halb nein. Für mich ist es wichtig, dass ich beweisen kann, dass ich aus beiden Ländern stamme. Wenn ich zum Beispiel nach Brasilien fliege, ist die Einreise für mich dank meines Passes deutlich einfacher als für Menschen ohne dieses Dokument. Das finde ich schon wichtig. Genauso ist es auch bei meinem deutschen Pass, der ist international gesehen ja ziemlich viel wert. Ich habe mit ihm sehr viel Reisefreiheit und kann in viele Länder ohne Visum fliegen. In der Hinsicht ist es mir wichtig, zwei Identitäten in Form von Pässen zu haben. Es wäre vermutlich dasselbe Leben für mich, wenn ich nur den deutschen Pass hätte. Aber es macht so schon einiges einfacher, wenn ich mal in meine zweite Heimat Brasilien reise. An sich bedeutet es mir viel, dass ich beide Pässe habe. So werde ich immer wieder daran erinnert, woher ich komme und das ich nicht nur eine Herkunft habe, sondern zwei.

    Wie ist die Reaktion auf deine doppelte Staatsbürgerschaft in deinem Umfeld?
    Die meisten Leute, wenn sie es denn wissen, finden es cool. Aber es ist nicht so, dass meine Doppelte Staatsbürgerschaft ein großes Thema ist, wenn ich neue Leute kennen lerne. Wenn es jedoch mal jemand zufällig mitbekommt, dann ist die Reaktion immer positiv und sehr interessiert.

Praktikantin: Nachdem ich mich nun nach vier wunderschönen, bier- und lehrreichen Jahren des Sozialwissenschaftsstudiums Bachelorette schimpfen darf, zieht es mich aus dem schnuckeligen norddeutschen Oldenburg nach München. Hier möchte ich nach dem akademischen Geschreibsel und soziologischen Analysieren an der Uni jetzt über Sachen schreiben, die ich wirklich mag. Und das geht am besten bei ZEITjUNG.